Gehrke: Druck zur Aufwertung der SuE-Berufe aufrechterhalten!

Nach dem Tarifergebnis im Sozial- und Erziehungsdienst fordert der GEW-Experte für Tarif- und Beamtenpolitik, Andreas Gehrke, den Druck aufrechtzuerhalten: „Nicht beendet ist die weitere politische Auseinandersetzung um die Aufwertung.“ Gehrke: Druck zur Aufwertung der SuE-Berufe aufrechterhalten! weiterlesen

Pisaker

Pressebericht von Lothar Walter Erschienen am 6.5.2009 im OVB Fotos: Helmut Pritschet

Einblicke in die Parallelwelt Schule

Pädagogen schlagen zu – viertes Programm der Pisaker

Lehrer als Sündenböcke für erziehungsunwillige Erziehungsberechtigte, missratene Schulversager, graue Eminenzen im Hausmeisterkittel, evaluierende Schulaufsichtsbeamte und reformsüchtige Ministerialbürokraten – der Abend im Franz-Pelzl-Haus der Arbeiterwohlfahrt war dennoch keine Selbstbemitleidungsmesse frustrierter und ausgebrannter Lehrer, das zwölfköpfige Ensemble des Lehrerkabaretts „Pisaker“ piesackte alle Mitglieder der Schulfamilie gleichermaßen und überzeichnete selbstkritisch mit treffsicherem Witz die Pauker aller Schattierungen.

Eingeladen in dieses „Uni (Per)versum Schule“ – so der Programmtitel – hatte der Kreisverband Rosenheim der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Diesen ersten Auftritt in Rosenheim verdankte das zahlreiche Publikum dem Wunsch des Kreisvorsitzenden Andreas Salomon, wie dieser in seiner Begrüßung verriet, einmal das Lehrerkabarett zu sehen, was ihm aber bei den bisherigen ausverkauften Vorstellungen im Traunsteiner Land nicht gelang, sodass er eben die Pisaker nach Rosenheim einlud.

Die Erforschung dieser Parallelwelt wurde von Autor Gerhard Wonner und Regisseur Frank von Sicard in 21 Szenen gesetzt, am Piano begleitet von Ulrich Rothe.

Hausmeister Mücke (Gerhard Wonner) versteht sich auf eine überaus komplexe Materie und erklärt das bayerische dreigliedrige Schulsystem. Habe nun die aktuelle Hauptschulinitiative Erfolg, so könne sich die Hauptschule vor Bewerbern nicht mehr retten und müsse einen Aufnahmetest für praktische Intelligenz einführen. Auf den Gymnasien blieben die Restschüler mit den zwei linken Händen. Wann komme dann die Gymnasiumdefensive?

Unterrichtsausfall durch Doppelführungen zu kaschieren – eine beliebte Methode, um die Statistik zu schönen. Die Pisaker zeigen wie’s geht. Die doppelführende Lehrkraft – erfahren in der Kunst der rationellen Unterrichtsplanung – sitzt im Lehrerzimmer und korrigiert, weil ja die Klasse 8b glaubt, sie wäre in der Klasse 7c, während diese die Lehrkraft in der 8b unterrichtend wähnt. Dabei wissen die Pisaker, „Korrigieren lohnt sich nicht“, einfach den Text zu Siv Malmkvists Lied vom Liebeskummer umgeschrieben.

Die Expedition von Professor Mackenstein (Bernhard Benoist) in die Tetra Inkognita der Schulwelt fand aus dem Schulzeitalter der Kreidezeit, was vielen selbstverständlich scheint, aber schon „Exotik pur“ ist, ein seltenes Fossil eines Tafelschwamms, das Bindeglied zweier vom Aussterben bedrohter Gattungen, den Tafel wischenden, zutraulichen und fast harmlosen Schülern und den Tafel beschreibenden revierbeherrschenden Lehrern.

Letztere wurden in drei Rote-Liste-Exemplaren vorgeführt: eine geistesabwesend lächelnde Grundschullehrerin (Andrea Schedlbauer) mit der Lesemaus Mimi – ja, Lehrer lassen gern die Puppen tanzen, ein brutaler Rambolehrer mit Baseballschläger (Andreas Hüdepohl) – dessen generalstabsmäßiger Pausenaufsichtsplan Taktik über Didaktik triumphieren lässt, ein verwirrter Chaospauker (Frank von Sicard) – der zehn Jahre zu spät in den Unruhestand geschickt wurde und dessen Leben als Uralt-Achtundsechziger ein permanenter Kampf ist. Sie alle bilden die „GEW – Gemeinschaft engagierter Weteranen“ – die Rechtschreibreform lässt grüßen, gewiss keine Schleichwerbung für den Veranstalter, sondern ein dezenter Hinweis auf dessen Altersstruktur.

Die Hobbykabarettisten – alle aktive oder ehemalige Schulprofis – analysierten in ihrem vierten Programm witzig und scharf das „Universum Schule“ und förderten Kurioses, Exotisches, Abartiges zutage. Die professionelle Vorstellung des „Perversums Schule“ traf den Nagel auf den Kopf. Lang anhaltender Applaus dankte den Akteuren, die ohne Gage auftraten.

gesund bleiben

Ansprache für die GEW-Veranstaltung „Gesund bleiben in pädagogischen Berufen“ am Donnerstag, den 23. Oktober 2008 in der Privaten Wirtschaftsschule Dr. Kalscheuer in Rosenheim

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,

ich darf Sie alle hier im Namen des Kreisvorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft recht herzlich zu unserer Veranstaltung „Gesund bleiben in pädagogischen Berufen“ begrüßen. Wir freuen uns sehr, dass wir mit Herr Dr. Vogt aus Bad Tölz einen weit über die Grenzen Bayerns anerkannten Fachmann unter uns haben, der uns auf dem Gesundheitstag der GEW in München bereits begeistert hat und nun hier zu Gast ist. Herzlich willkommen!

Es ist schön, dass wir uns hier in diesen Räumlichkeiten treffen können, wofür ich meinem Schulleiter, Herrn Studiendirektor Thomas Seidel, recht herzlich danken möchte.

Vor einigen Tagen, meine Damen und Herren, hatte ich einige Referendare zu Besuch in meinem Unterricht und im Anschluss lud ich sie auch zu dieser Veranstaltung ein. Aber ihre Reaktionen waren sehr verhalten – verständlicherweise, wie ich mir danach überlegte, denn die Belastungen des Lehrerberufs bauen sich meist erst mit der Zeit auf und die Erkenntnis, sich irgendwie schützen zu müssen, reift oft erst mit voranschreitendem Alter.

Aus einer Studie von Buch und Frieling aus dem Jahre 2001 geht hervor, dass die Lärmbelästigung in Kitas über sämtliche Phasen des Arbeitstages Spitzen von 80 Dezibel (dB) erreicht. Das Maximum lag bei 113 dB. Nicht viel anderes dürfte es in manchen Schulen sein.

Die Folgen sind im Laufe der Zeit verringertes Konzentrationsvermögen, gestörte Kommunikation, verminderte Leistungsfähigkeit, Kopfschmerzen, Stressreaktionen und schlimmstenfalls der Verlust des Hörvermögens – sprich „Lärmschwerhörigkeit“. So war es jüngst nachzulesen in dem Artikel „Gesundheitsschutz für Kita-Beschäftigte“ in der Zeitschrift „Die demokratische Schule“ vom September 2008.

Welche Ansprüche heute an Lehrer gestellt werden, las ich letzte Woche in dem Buch „Große Pause“ der Gymnasiallehrerin Marga Bayerwaltes. Uns Lehrern sei es aufgegeben, in jedem Kind, und sei es auf den ersten Blick noch so abstoßend, einen hilfe- und liebebedürftigen kleinen Menschen zu sehen, der auf uns persönlich angewiesen ist. Wenn es uns nicht gelinge, unsere eigenen starren Reaktions- und Rollenschemata zu überwinden und den Schülern als Menschen mit Herz und Hirn als vertrauenswürdige, liebenswürdige und interessante Erwachsenenexemplare entgegenzutreten, dann werde der Lehrerberuf in Zukunft, so Bayerwaltes, noch mehr als bisher zu „einem der schrecklichsten und armseligsten Berufe aller Zeiten werden“.

Ein schlechter Lehrer sei verheerender als ein schlechter Arzt, Psychologe oder Anwalt. Der Lehrerberuf, so die Verfasserin, dürfe nicht länger Auffangbecken der Mittelmäßigen und Unentschlossenen, der Ängstlichen und Labilen, der Faulen und Kranken sein.

Wir merken, hier schießt eine Kollegin weit über das Ziel hinaus. Sie fordert den Übermenschen und das können und wollen wir nicht sein. Die Kräfte eines Lehrers sind natürlich genauso begrenzt wie die eines jeden anderen Menschen. Aber die Bedingungen, unter denen er arbeiten muss, werden von der breiten Öffentlichkeit in aller Regel deutlich unterschätzt, zumal die Medien nur zu gerne althergebrachte Vorurteile vom gut bezahlten Halbtagsarbeiter pflegen, der im Wesentlichen seinen Hobbys nachgeht.

Zwar ist bekannt, dass die Klassen zu groß sind, die Stofffülle oft kaum Zeit zum sorgfältigen Erarbeiten lässt, das ständige Abprüfen viel Korrekturarbeit bedeutet und der Arbeitsalltag durch ein hohes Tempo, Lärm, Unruhe und die Notwendigkeit ständiger, höchster Konzentration gekennzeichnet ist, dennoch ist es für den Außenstehenden schwer nachvollziehbar, wie sehr die Gesundheit durch die „Normalität des Alltags“ angegriffen wird. Kommen noch Spannungen unter den Kollegen hinzu, Konflikte mit dem Chef oder mit Eltern, kommt es zu verbaler Aggression, zu Mobbing oder offener Gewalt, nimmt die Stressbelastung kein Ende mehr.

Dann fragt sich so mancher, wo ist meine Freude an diesem Beruf geblieben? Und viele zahlen dann körperlichen und seelischen Tribut.

Wenn die Kräfte nicht mehr reichen, es an Unterstützung mangelt, wenn die gegenseitigen Erwartungen zwischen Lehrkraft und Schulleitung nicht mehr stimmen, wenn ein Gleichgewicht zwischen Engagement und Wertschätzung aus den Fugen gerät, dann ist eine Reaktion der Verweigerung nicht mehr weit. Bei den einen erfolgt die innere Kündigung, bei den anderen verweigern der Körper oder die Seele ihren Dienst.

Wir treffen uns heute hier, um es nicht so weit kommen zu lassen, um zu erfahren, wie es uns gelingen kann, nicht in die Krankheitsfalle zu geraten. Wir können noch so gute Lehrer sein, aber was hilft es, wenn wir frühzeitig verbrennen.

Fehlt uns die Kraft, den Alltag für uns selbst zufriedenstellend zu bewältigen, werden wir zu Verwaltern pädagogischer und psychologischer Prozesse und werden zunehmend erstarren. Begeisterung und Freude am Lernen und am Leben kann nur jemand vermitteln, der selber sich immer wieder neu begeistern kann, einen Sinn in seiner Tätigkeit immer wieder neu entdeckt und sich freut, Lehrer junger Menschen sein zu dürfen.

Das alles kann aber nur gelingen, wenn wir gesund bleiben. Sprichwörtlich heißt es, so gesund wie ein Fisch im Wasser. Und das wird unter unseren Arbeits- und Lebensbedingungen immer schwerer. Aber das wünsche ich uns allen. Deshalb freue ich mich, jetzt Herrn Dr. Vogt das Wort geben zu können, von dem wir nun sicher Vieles, das uns helfen wird, lernen können.