Rede zum 1. Mai

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Schere zwischen gigantischem Reichtum auf der Erde einerseits und bitterer Armut andererseits geht immer weiter auseinander. So ist es ein Ergebnis der kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung, dass mittlerweile nur 62 Superreiche soviel besitzen wie die ganze ärmere Hälfte der Erdbevölkerung und das sind immerhin 3,6 Milliarden Menschen. Das kann nicht gutgehen. Nach Angaben der UN leben derzeit 800 Millionen von weniger als 1,25 Dollar am Tag. Nur, um vernünftig und halbwegs menschenwürdig zu überleben, sind aber mindestens 5 Dollar notwendig. Wenn jetzt noch Kriege hinzukommen, die sehr häufig mit deutschen Waffen geführt werden, u.a. um die wichtigsten Rohstoffregionen sowie die Kontrolle über die Transportwege zu sichern und strategische Größe in der globalen Wirtschaft zu garantieren, dann können Menschen in ihrer Heimat nicht mehr bleiben, dann zwingen sie die gesellschaftlichen Verhältnisse zur Flucht, und das betrifft momentan weltweit nicht weniger als 62 Millionen, von denen ein kleiner Teil bislang nach Deutschland kam.
Aber das reichte, um die anfängliche Willkommenskultur in eine Kultur der Abschreckung und Abschottung umschlagen zu lassen. Rede zum 1. Mai weiterlesen

Zerstörung der Schuhmann-Lahn-Gedenktafel in Kolbermoor

Im Zeitraum zwischen dem 3. und 5. November 2015 wurde die Gedenktafel, die an den am 4. Mai 1919 ermordeten Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn erinnert, auf brachiale Weise zerstört. Mit einem wahrscheinlich schweren Vorschlaghammer zertrümmerte der Täter die große Marmortafel und beschädigte auch die kleinere Messingplatte. Eine Reparatur ist nicht mehr möglich.

In Kolbermoor gab es nach dem 1. Weltkrieg einen Volksrat. Seit dem 8. Januar 1919 war Georg Schuhmann dessen 1. Vorsitzender und Alois Lahn sein Sekretär. Mit Kolbermoor fiel am 3. Mai 1919 die letzte Bastion der Bayerischen Räterepublik. Einen Tag später wurden Georg Schuhmann und Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten an der Tonwerksunterführung ermordet. Zerstörung der Schuhmann-Lahn-Gedenktafel in Kolbermoor weiterlesen

Maikundgebung 2013

„Die Entwürdigung der Arbeit stoppen“

Karsten Kuttnik von der IG Metall plädiert bei der Maikundgebung des DGB in Rosenheim für höhere Löhne

Rosenheim – Sehr emotional verlief die Kundgebung zum Tag der Arbeit des DGB-Kreises Rosenheim. Festred-ner Carsten Kuttnik, Projektsekretär für Luft- und Raumfahrt der IG Metall, der gemeinsam mit der DGB-Kreis-und Stadtverbandsvorsitzenden Ingrid Meindl-Winkler den Demonstrationszug durch die Innenstadt anführte, war überrascht von der Atmosphäre. Von der Mädchenrealschule, die Elisabeth Block in der NS-Zeit besuchte und als Jüdin verlassen musste, marschierte der Zug mit über 200 Gewerkschaftern und Unterstützern zunächst zum ehemaligen Gewerkschaftshaus an. der Gießereistraße, wo Meindl-Winkler auf die Geschichte der Gewerkschaften in Rosenheim verwies. Vor dem Gewerkschaftshaus in der Brixstraße trafen inzwischen weitere Besucher der Maikundgebung ein. Lie-dermacher Martin Piper verkürzte die Zeit bis zum Eintreffen des Demozuges. Inzwischen war die Zuhörer-zahl auf über 400 angewachsen. Meindl-Winkler wollte den außergewöhnlichen Ablauf der Kundgebung als Bei-trag zur Geschichte der Stadt verstanden wissen. Ihr Vorschlag, die Mädchenrealschule mit dem Namen Elisabeth Block zu verbinden, fand nachhaltigen Beifall. Landrat Josef Neiderhell ging in seinen Grußworten auf den 2. Mai 1933 ein, als um 10 Uhr SA-Truppen das alte Gewerkschaftshaus stürmten und Gewerkschafter verhafteten: „Das darf nie wieder geschehen.“ Festredner Carsten Kuttnik war „überwältigt von – der emotionalen Stimmung dieser Maidemo, die Mut macht und gefällt“. Er sprach sich klar für ein Verbot der NPD aus und erhielt dafür von den Zuhörern breite Zustimmung. Die Lage am Arbe itsmarkt schilderte Kuttnik eher düster: „Seit den 80er Jahren erleben wir eine Entwürdigung von Arbeit. Die Arbeitsarmut nimmt immer mehr zu.“ Deshalb müsse man dem Niedriglohnsektor und schlechter Arbeit entgegentreten. Während die Gewerkschaften laut Kuttnik wachsen, allein 2012 um 900 Mitglieder, entzögen sich die Arbeitgeber zunehmend der Mitgliedschaft in den Arbeitgeberverbänden und damit der Anwendung von. Tarifverträgen. Die Mitbestimmung der Arbeitnehmer im Betriebsrat und in den Aufsichtsräten sei gelebte Demokratie. Doch. mit der Agenda 2010 sei der Kündigungsschutz deutlich verschlechtert worden. „Der Kündigungsschutz muss wieder ausgebaut werden. Und wir brauchen bessere Bildung“, forderte der Redner. 2,2 Millionen junge Menschen im Alter von 20 bis 24- Jahren hätten keine abgeschlossene Ausbildung. Das Volksbegehren gegen Studiengebühren habe gezeigt: „Das Volk kann der Staatsregierung Beine machen.“ Hingegen breite sich die sogenannte atypische Beschäftigung immer mehr aus: Befristungen, Leiharbeit, Minijobs. „Während die Mieten „explodierten“, arbeiteten fünf Millionen Menschen. zu Hungerlöhnen unter 8,50 Euro – und über eine Million sogar zu Stundenlöhnen unter fünf Euro“, so Kuttnik.

Ergänzender Bericht von Andreas Salomon

zur Startveranstaltung vor der Städtischen Mädchenrealschule in Rosenheim sowie zum Verlauf der Demonstration

Da die Startveranstaltung der diesjährigen 1.- Mai – Demonstration von der GEW organisiert wurde, soll darüber auch kurz berichtet werden. Im November 2012 wurden während einer Feierstunde im Rosenheimer Rathaussaal von Prof. Treml die Tagebücher der Elisabeth Block der Stadt zur Aufbewahrung im Stadtarchiv übergeben. In diesem Zusammenhang äußerte Prof. Treml den Wunsch, dass die Rosenheimer Städtische Realschule für Mädchen den Namen Elisabeth Block tragen möge. Diesen Gedanken machte ich mir zueigen. Das jüdische Mädchen Elisabeth Block aus Niedernburg bei Rosenheim besuchte in der Nazizeit diese Schule, bis sie sie als Jüdin verlassen musste. Auf keine Weise könnte die Erinnerung an Elisabeth Block und ihr schreckliches Schicksal sowie damit das Schicksal aller Juden besser wachgehalten werden als durch eine Schulbenennung. Immer neue Generationen von Schülern würden informiert werden, was es mit dem Namen ihrer Schule auf sich hat, ja ständig wäre der Name Elisabeth Block in aller Munde. Ich bekräftigte diese Forderung in einem Leserbrief im „OVB“ und schlug im DGB – Kreisvorstand vor, die diesjährige DGB – Demon-stration vor dieser Schule mit entsprechender Forderung beginnen zu lassen. Der Gedanke fand allgemeine Zustimmung. In einem Gespräch mit der Schulleiterin Frau Ramm, bei der auch unser GEW – Kollege Wolfgang Lentner, Lehrer dieser Schule, anwesend war und sich produktiv in die Unterhaltung einbrachte, wurden weitere Modalitäten geklärt. Es solle die Schulsprecherin an Elisabeth Block „erinnern“ und Wolfgang Lentner war bereit, passende Lieder herauszusuchen, die der Ansprache einen Rahmen geben sollten. Überraschend viele Menschen folgten dem Aufruf des DGB und versammelten sich auf dem Hof vor der Schule. Ich konnte die Schulleiterin Frau Ramm, die Schülersprecherin Anna sowie Wolfgang Lentner und alle Versammelten begrüßen. Auch die Schulleiterin selbst hieß uns alle herzlich willkommen. Wolfgang hatte zwei antifaschistische Lieder ausgewählt und entsprechende Liedzettel zum Mitsingen verteilt. Zunächst wurden „Die Moorsoldaten“ gesungen, ein Lied, das in einem KZ entstand, die Mühen und Plagen der Häftlinge beschreibt und der Hoffnung auf ein Leben danach Ausdruck verleiht. Dann hielt die Schülersprecherin eine alle sehr beeindruckende Rede und erinnerte an Elisabeth Block und wie schwer es für heutige Schüler nachvollziehbar sei, was damals vor aller Augen passierte. Frau Ramm war so beeindruckt, dass sie spontan das Mikrofon ergriff und ihr dankte. Wir Gewerkschafter schlossen uns diesem Dank an. Dann sangen wir zur Gitarrenbegleitung von Wolfgang Lentner das Partisanenlied „Bella chiao“. Damit hatte der 1.Mai 2013 einen so berührenden Beginn genommen wie noch nie und der Wunsch und die Hoffnung, dass die Nazis nie wieder die Macht übernehmen dürfen, ließ uns die Demonstration beginnen, an der mehrere hundert Menschen teilnahmen – soviel wie lange nicht. Die Demonstration, bei der unzählige Transparente zu sehen waren, zog dann in einem unendlich langen Zug durch die Stadt, wozu revolutionäre Lieder über Lautsprecher gespielt wurden. Das nächste Ziel war der Ort in der Salinstraße, an dem 1933 das Versammlungshaus der Gewerkschaft stand, das am 2. Mai (wie es überall in Deutschland geschah) von den Nazis überfallen und geplündert wurde. Die DGB-Kreisvorsitzende Ingrid Meindl-Winkler legte dort Blumen nieder und schilderte ausführlich, was sich seinerzeit dort abgespielt hatte. Eine Gedanktafel konnte an dem Haus (das Kathrein gehört) leider nicht angebracht werden, da dieses abgerissen werden soll. Man wird sich für den 1. Mai 2014 etwas Passendes überlegen. Dann zog die Demonstration weiter zum Gewerkschaftshaus in der Brixstraße, wo schon viele Menschen auf den Beginn der Ansprachen warteten.

Rundgang Räterepublik

Auf den Spuren der Räterepublik

Informativer Rundgang durch Kolbermoor mit Gedenken an Schuhmann und Lahn

Anlässlich der gewerkschaftlichen Feierlichkeiten zum 1.Mai führte der Kreisvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Andreas Salomon einen historischen Rundgang durch Kolbermoor durch, um die Erinnerung an die Geschichte der Arbeiterbewegung und vor allem an die Rätezeit 1918/19 wachzuhalten. Dabei wurden rote Nelken und ein Gesteck für die am 4. Mai 1919 ermordeten Opfer, den Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Sekretär Alois Lahn, an der Gedenktafel bei der Tonwerksunterführung niedergelegt. Salomon gab zunächst einen Überblick über die Entwicklung und Organisation der hiesigen Arbeiterbewegung, um sichtbar zu machen, aus welchen Wurzeln das Kolbermoorer Rätesystem sich entfalten und viel Zustimmung finden konnte. Der Rundgang führte vom Bahnhof über die Schuhmannstraße zu den Gräbern von Schuhmann und Lahn auf dem alten Friedhof, wo Salomon die Verdienste der Ermordeten für Kolbermoor würdigte. Vorbei am Lahn-Haus wurde dem Heimatmuseum ein kurzer Besuch abgestattet, für den dankenswerter Weise kein Eintritt erhoben wurde. Dort konnten verschiedene Dokumente zur Rätezeit angeschaut werden. Schließlich erinnerte Salomon an der Gedenkstätte, wie grausam Schuhmann und Lahn ums Leben gekommen waren. Vor dem Mareissaal, in dem die großen Volksversammlungen stattfanden, endete die informative Führung unter viel Beifall.

Nürnberg

Bericht über die zeitgeschichtliche Exkursion nach Nürnberg am 12. und 13. November 2011

Beicht: Lothar Walter

Jahreausflug der GEW Rosenheim

Zeitgeschichtliche Exkursion nach Nürnberg

Der Kreisverband Rosenheim der GEW beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema Faschismus und Widerstand. Nachdem schon alle Gedenkorte in der Region Ziele von GEW-Exkursionen waren, erweiterte der Kreisverband seinen Aktionsradius und unternahm seinen Jahresausflug am Wochenende, 12. und 13. November 2011, nach Nürnberg – in die Stadt der Reichsparteitage und der Nachkriegsprozesse.

Vom stellvertretenden Kreisvorsitzenden Reiner Schober bestens geplant und vorbereitet, trafen sich neun GEWler um neun Uhr am Rosenheimer Bahnhof. Mit Bayernticket erreichte die Gruppe nach zweimaligem Umsteigen um 13:00 Uhr Nürnberg. Das zentral gelegene Hotel -in der Altstadt und in Gehweite zum Bahnhof- war zweckmäßig eingerichtet, das Preis-Leistungs-Verhältnis günstig. Nach Anmeldung und Zimmerbelegung ging es schon um14:00 Uhr zur nächsten Straßenbahn-Haltestelle; das Besichtigungsprogramm, das die GEW-Gruppe noch vorhatte, war riesig und die Zeit trotz reibungsloser Anfahrt knapp, so dass das geplante Mittagessen ausfallen musste.

Die Straßenbahn brachte uns zur Luitpoldarena,auch Luitpolthain genannt, mit der Luitpolthalle (erbaut 1906, zerstört 1942, ursprünglich eine Ausstellungshalle). Die erste Station war hier der Ehrentempel, 1929 für die Gefallenen des 1. Weltkriegs erbaut. Schon 1927 und die nachfolgenden Jahre benutzten die Nazis das weitläufige Gelände und die Gebäude für ihre Parteitage und deren Hauptzweck, nämlich die Aufmärsche (bis zu 150 000 „Parteigenossen“) theatralisch in Szene zu setzen für den nationalsozialistischen Toten- und Opferkult.

Von hier führte Reiner Schober die Gruppe, bei Sonne und kaltem Wind, auf einen langen Rundweg, mal in naher, mal in fernerer Distanz zum Dutzendteich, auf das Reichsparteitagsgelände zu den verschiedenen -teilweise noch gut erhaltenen, teilweise kaum mehr vorhandenen oder noch gar nicht erbauten, sondern erst geplanten- Nazibauten, immer Erläuterungen zur Nutzung durch die Nazis und in der Nachkriegszeit beisteuernd.

Allgemein bekannt aus historischen Aufnahmen ist die Zeppelintribüne mit der baulich markanten „Führerempore“. Das gleichnamige Zeppelinfeld diente als Aufmarschareal für bis zu 100.000 Menschen. Für junge Menschen, d. h. die Hitlerjugend, wurde das nahegelegene städtische Stadion, heute Frankenstadion, in das Parteitagsgelände einbezogen. Der Weg führte nun, in einiger Entfernung zum Märzfeld, einem weiteren Aufmarsch- und Manövergelände für die Wehrmacht, zur „Großen Straße“, eine 2 Kilometer lange und 60 Meter breite Betonbahn, die als zentrale Achse das Märzfeld mit der Kongresshalle verbindet und den Dutzendteich durchtrennt. An ihr sollte das „Deutsche Stadion“, ein Mammutbau für 400.000 Zuschauer entstehen. So führte uns die Große Straße zurück zum Ausgangspunkt unseres Erkundungsgangs. Nun war die Zeit sehr knapp für den Besuch des Dokumentationszentrums in der Kongresshalle, in dessen Obergeschoss die Dauer- ausstellung „Faszination und Gewalt“ sich mit den Ursachen und Folgen der Nazi-Herrschaft befasst. Schwerpunkt sind die Reichsparteitage und das NS-Bauprogramm für Nürnberg. Das Zentrum schloß um 18 Uhr die Pforten und wir mussten den Besuch wohl oder übel abbrechen. Eine Frage soll jedoch angeschnitten werden: Das exorbitante Bauprogramm der Nazis verbrauchte Unmengen an Material und Arbeitskraft. Dies lieferten die Konzentrationslager, u. a. auch Flossenbürg, ein frühe-res Exkursionsziel der Rosenheimer GEWler.

Rückkehr ins Hotel, kurze Verschnaufpause – endlich am Ende eines langen Tages war dann im Restaurant Zur Baumwolle Zeit für kulinarische Genüsse, in einer engen, aber urigen Gaststube. Das Restaurant befindet sich im ältesten Gebäude Nürnbergs, das den Krieg als einzige in seiner Straße unversehrt überstanden hat.

Nachdem der Abend doch lange geworden war, wurde das Frühstück nicht zu früh angesetzt. Geboten war ein recht ordentliches Büffet, das keine Wünsche offen ließ. Nach dem Aus-checken ging es nun mit der U-Bahn zum Justizgebäude, an den Ort, wo der Internationale Militärgerichtshof tagte und der „Nürnberger Prozess“ (20.11.1945 bis 01.10.1946) und zwölf Nachfolgeprozesse zwischen 1946 und 1949 stattfanden. Das erst 2010 eröffnete „Memorium Nürnberger Prozesse“ beinhaltet eine kleine, aber gut informierende Dokumentationsausstellung im dritten Obergeschoss des Gerichtsgebäudes und den eben durch die Nürnberger Prozesse bekannten Schwurgerichtssaal 600, welche nur mit Führung zu besichtigen möglich ist. Wir hatten mit Tobias Huepp, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Erlangen, einen kompetenten Fachmann zur Führung.

Beeindruckend für alle war der Saal 600, der durch die Nürnberger Prozesse, in denen sich erstmals in der Geschichte Repräsentanten eines Staates wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit verantworten mussten, zu einem Ort der Weltgeschichte wurde. Ohne diese Prozesse wäre die Entwicklung zu einer internationalen Völkergerichtsbarkeit, wie heute in Den Haag, nicht möglich gewesen. Für die Prozesse wurde der Gerichtssaal mit der Raumnummer 600 umgebaut; ab 1961 erfolgte der Rückbau durch die Bayerische Justizverwaltung, der Saal ist Tagungsort des Schwurgerichts. Diskutiert wurde in der Gruppe, ob es nicht besser wäre, den baulichen Zustand zurzeit der Nürnberger Prozesse wieder herzustellen, um die Aura als Verhandlungsstätte eines „Weltgerichts“ besser zu reflektieren.

Die veranschlagten zwei Stunden erwiesen sich, wie üblich, als zu knapp bemessen – aber es nützte nichts, wir mussten zurück um die von der Fahrtzeit bestmögliche Zugverbindung nach München zu erreichen. Hier blieb genug Zeit, um den Aufenthalt mit einer gemütlichen Cafe-Pause zu verkürzen. Und schließlich kamen wir um fünf Uhr nachmittags am Rosenheimer Bahnhof an – mit dem befrie-digenden Gefühl, Freizeit und politische Bildung glücklich verbunden zu haben. Ein ereignisreiches Wochenende lag hinter uns.

Rudolf Link – ein Kolbermoorer Revolutionär

Maiveranstaltung des DGB am 30.4.2011 in Kolbermoor

Die Maiveranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Kolbermoor wurde dieses Jahr von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gestaltet. In einem packenden Vortrag referierte der Kreisvorsitzende Andreas Salomon über den jungen Lehrer Rudolf Link, der während der Rätezeit 1919 in Kolbermoor Mitglied des 3. Volksrates, des revolutionären Arbeiterrates, gewesen war. Im voll besetzten Nebenzimmer der Pizzeria Milano zum Mareis, einem historischen Ort in Bezug auf die damalige Zeit, gelang es Salomon auf lebendige und anschauliche Weise das Leben und Wirken von Rudolf Link und seine Bedeutung für Kolbermoor sichtbar zu machen.

Der 24-jährige Link trat am 16. September 1918 seinen Dienst als Hilfslehrer an der Kolbermoorer Volksschule an und übernahm die Klasse V b. Nach 17 Monaten Kriegseinsatz war dies seine erste Stelle. In den „Schulgeschichtlichen Aufzeichnungen“ weiß Schulleiter Wilhelm Zerr über seinen Kollegen in den kommenden Monaten nichts Besonderes zu vermerken. Nach neun Monaten liest man allerdings: wegen „spartakistischer“ Aktivitäten nach Hilgertshausen versetzt.

Was war passiert? Zwei Monate nach dem Amtsantritt von Link war in Kolbermoor im Mareissaal der 1. Volksrat gebildet worden (11. November) und Link dürfte dessen Aktivitäten mit großem Interesse beobachtet und möglicherweise auch inhaltlich begleitet haben. Noch taucht sein Name nirgends im Zusammenhang mit den Räten auf. Aus späteren polizeilichen Vernehmungen wissen wir, dass er am 1.4.1919 der Kommunistischen Partei beitrat. Vier Wochen später, am 29.4.1919 wurde er in den neunköpfigen Revolutionären Arbeiterrat gewählt und übernahm die Aufgabe des Schriftführers. Link fällt mit dieser Mitgliedschaft eine ausgesprochen bedeutsame Aufgabe zu. Denn der Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann ist zu dieser Zeit der 5. Kolbermoorer Bürgermeister und der Volksrat mit Rudolf Link ist gewählt, um die Geschicke der Stadt mitzubestimmen.

Aber der Volksrat ist nur noch wenige Tage im Amt, denn 6000 Mitglieder der Regierungstruppen und Weißgardisten ziehen am 2. Mai einen Belagerungsring um Kolbermoor, um endgültig der Räterepublik in Bayern ein Ende zu bereiten. Kolbermoor ist bayernweit die letzte Bastion. Im Mareissaal kommt es zu erregten Diskussionen, die Link in seinem Notizbuch notiert, aus dem Salomon erstmalig zitiert. Was ist zu tun? Soll man mit Waffengewalt verteidigen und sich bedingungslos ergeben wie von den Kolbermoorern verlangt wird? Schließlich kommt es mit den Belagerern zu Verhandlungen und Link ist einer der beiden Verhandlungsführer der Räte. Dank Schuhmanns großem Einfluss wird von einer Verteidigung mit Waffen abgesehen und die Stadt übergeben.

Einen Tag später werden Georg Schuhmann und Alois Lahn aus ihren Wohnungen gezerrt und bei der Tonwerksunterführung von Grafinger Weißgardisten erschossen. Am 7. Mai findet unter zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung die Beerdigung statt. Rudolf Link spricht „namens der Genossen und Genossinnen“ und legt einen Kranz nieder. Weniger Tage später erscheint sein Nachruf in der Zeitung. Dort heißt es unter anderem: „Wir mussten unseren Schuhmann begraben, ihn, dessen selbstlose Hingabe für die werktätige Einwohnerschaft auch der politische Gegner würdigen muß. Alles für andere, für sich nichts! (…).“ Link appelliert an die Anhänger der Räterepublik, in ihrem Kampf um Freiheit nicht nachzulassen.

Link, der bereits am 4. Mai verhaftet worden war, wurde nur für die Beerdigung kurz freigelassen, um erneut inhaftiert zu werden. Seine Lehrerkollegen und der Schulleiter setzen sich für seine Freilassung ein und wollen für ihn bürgen. Sein Kollege Johann Lorenz gibt zu Protokoll, Link sei ein sehr ruhiger Mensch, habe auch beruhigend auf die Regierungstruppen eingewirkt und sei nie „hetzerisch“ aufgetreten. Als seine Wohnung nach Waffen durchsucht wird, werden stattdessen Liebesbriefen gefunden, die auf zarte und empfindsame Weise Zeugnis von seiner Beziehung mit der Kolbermoorerin Marie Schrank ablegen.

Auch der Betriebsratsvositzende der Spinnerei Adolf Pesold setzte sich für Link ein. Dieser gibt selbst zu Protokoll unschuldig zu sein, alle Anklagepunkte seien unzutreffend. Nie habe er ein Gewehr benutzt, allerdings sich bewaffnet wie alle anderen Arbeiter, zu denen er sich zugehörig fühle, auch. Es gelingt nicht, Link eine strafbare Handlung nachzuweisen und schließlich muss er entlassen werden, wird aber nach Hilgertshausen strafversetzt. 1933 mit dem Machtantritt der Nazis wird Rudolf Link aus dem Schuldienst entlassen. Dann verliert sich seine Spur.

Die Anwesenden dankten dem Referenten mit anhaltendem Applaus für seine kenntnisreiche und spannende Darstellung.