Franziska Gräfin zu Reventlow

Besuch der Ausstellung „Alles möchte ich immer – Franziska Gräfin zu Reventlow 1871 – 1918“ im „Haus der Literatur“ München

Bericht: Lothar Walter

GEW Rosenheim im Münchner „Haus der Literatur“

Zum letztmöglichen Termin vor Ausstellungsende noch eine Führung gebucht – so trafen sich mit Kreisvorsitzenden Andreas Salomon ein gutes Dutzend an Literatur interessierte GEWler Samstag Nachmittag am Rosenheimer Bahnhof. Uns angeschlossen hatten sich drei Damen eines privaten Literaturzirkels aus Stephanskirchen. Im Literaturhaus angekommen erfuhren wir, dass die Ausstellung verlängert wurde.

Zeit war genügend, so dass sich jede/r schon vor Beginn der Führung mit der Ausstellung vertraut machen konnte. Diese ist biografisch ausgerichtet und gliedert sich in die vier Lebensabschnitte bzw. Lebensorte Husum: Kindheit, Lübeck: Jugend, München: Die Bohème als Lebensmodell und Ascona: Rückzug und Tod. Neben Originaldokumenten (z. B. des Buddenbrookhauses in Lübeck und der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel) war die Ausstellung mit audio-visuellen Medien gut ausgestattet: Viele Fotographien, auch Großfotos, Hörstationen und auch ein Film des Bayerischen Rundfunks (15 Minuten) mit dem Sohn der Reventlow (1897 – 1984).

Die einstündige Führung leitete Frau Katrin Wilhelm, eine Germanistik-Doktorandin.

Fanny, so wurde Franziska genannt, wuchs in einer Familie des uralten schleswig-holsteinischen, aber verarmten Adels auf. Nach einer lieblosen Kindheit und einer reglementierten Jugend gelang ihr ein Ausbruch aus den beengenden Verhältnissen: Statt auf eine „gute Partie“ zu warten, ließ sie sich zur Lehrerin ausbilden. Das sollte später für sie zum Vorteil werden, durfte sie so ihr uneheliches Kind allein erziehen und unterrichten; eingedenk ihrer eigenen leidvollen Erfahrungen ersparte sie ihrem Sohn Rolf die Schulzeit.

Freiheit ohne Tabus, Freizügigkeit, Liebschaften – selbstbestimmt, so wollte sie leben. Ihr Milieu fand sie in der Schwabinger Bohème, zu deren Symbolgestalt sie wurde. Der Preis dafür war ein ständiger Existenzkampf, Krankheiten, Prostitution und zeitweilige Depression. Mit dem Rückzug nach Ascona in einer Scheinehe mit einem adligen russischen Trinker fand sie gewisse finanzielle Sicherheit. Ihr Ende kam schnell: Sie starb an den Folgen eines Fahrradunfalls. Malerin wollte sie werden, doch als Schriftstellerin und Kultfigur einer untergegangenen Epoche erlangte Franziska zu Reventlow Berühmtheit. Sie schrieb Skizzen, Romane, lebendige Schilderungen des Münchner Lebens in Schwabing von der Jahrhundertwende bis zum ersten Weltkrieg. Dabei skizzierte sie die Personen ihrer Umgebung in ironisch-kritischer Distanz. Sie hatte auch Kontakt zur Frauenbewegung, z. B. zu Anita Augspurg, lehnte aber deren politische Forderungen nach Gleichheit und Geschlechtergerechtigkeit ab. Sie wollte Frau sein und beanspruchte alle Freiheiten, die sich in ihrer Zeit nur Männer herausnehmen konnten.

Am Ende der einstündigen Führung blieb kaum mehr Zeit für einen vertiefenden individuellen Rundgang. Kreisvorsitzender Salomon drängte zur Eile. Zunächst war aber nicht klar, ob die Rückfahrt am näheren Ost- oder ferneren Hauptbahnhof beginnen sollte. Dank der Unschlüssigkeit wurde schließlich die Zeit zum Ostbahnhof zu knapp, so dass die Gewerkschaftsgruppe doch zum Haupbahnhof fuhr. Da war aber wiederum reichlich Zeit für eine Einkehr ins Cafe. Vier Stunden an einem Samstag Nachmittag ab und bis Bahnhof Rosenheim bei günstigem Gruppentarif für Fahrt, Eintritt und Führung – ein kurzweiliger, geselliger Tag, der allseits zufriedene Gesichter bescherte und nach Wiederholung drängt.

Städtische Realschule für Mädchen Elisabeth Block – Leser*innenbrief

Die Direktorin der Mädchenrealschule Rosenheim, Frau Ramm, zeigte sich vor einigen Jahren recht offen gegenüber unserem Ansinnen, diese Schule nach Elisabeth Block zu benennen. Sie brachte als geeigneten Zeitpunkt das hundertjährige Jubiläum der Schule ins Gespräch.

Jetzt ist es so weit!

Leider taucht im Pressebericht im OVB über den Festakt nichts Entsprechendes auf.
Daher möchte die GEW Rosenheim diesbezüglich Erinnerungsarbeit leisten. Wir dokumentieren den Leser*innenbrief von Andreas Salomon für den DGB Kreis- und Stadtverband.

Schon seit Jahren wird von einer immer größer werdenden erinnerungsbewussten Öffentlichkeit der Wunsch geäußert, die Rosenheimer Mädchenrealschule nach ihrer ehemaligen Schülerin Elisabeth Block zu benennen. Diese musste als Jüdin 1938 die Schule verlassen und wurde als 19-Jährige in einem Konzentrationslager vergast.
1993 wurden die durch einen Zufall entdeckten Tagebücher in der Reihe „Erinnerungszeichen“ des Historischen Vereins Rosenheim veröffentlicht. Städtische Realschule für Mädchen Elisabeth Block – Leser*innenbrief weiterlesen

3. Rundbrief 2015

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es ist einiges seit Beginn des neuen Schuljahres passiert. Wie sehr uns die Nazis beschäftigen, habt ihr sicher alle mitbekommen oder wart auch bei den Demonstrationen dabei. Ein Bündnis von über 50 Organisationen darunter die GEW hat sich dem braunen Spuk mit großem Erfolg entgegengestellt und deutlich gemacht, dass Nazis in Rosenheim nichts verloren haben. Jetzt nerven sie mit immer neu angemeldeten Kundgebungen, zu denen sie dann selber nicht erscheinen.
Aber sie halten nicht nur rassistische, flüchtlingsfeindliche Reden oder kündigen dies an, sondern zeigen ihr Reden und Denken auch in Taten. So wurde in Bad Aibling bei einem Flüchtlingscontainer Feuer gelegt, beim „Z“ Scheiben eingeworfen, rassistische Parolen in Rosenheim gesprüht und in Kolbermoor unser Denkmal für den Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn mit brachialer Gewalt zerstört. Wir planen zu diesen Umtrieben eine Veranstaltung, zu der Prof. Dr. Klaus Weber als Referent bereits zugesagt hat. 3. Rundbrief 2015 weiterlesen

Zerstörung der Schuhmann-Lahn-Gedenktafel in Kolbermoor

Im Zeitraum zwischen dem 3. und 5. November 2015 wurde die Gedenktafel, die an den am 4. Mai 1919 ermordeten Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn erinnert, auf brachiale Weise zerstört. Mit einem wahrscheinlich schweren Vorschlaghammer zertrümmerte der Täter die große Marmortafel und beschädigte auch die kleinere Messingplatte. Eine Reparatur ist nicht mehr möglich.

In Kolbermoor gab es nach dem 1. Weltkrieg einen Volksrat. Seit dem 8. Januar 1919 war Georg Schuhmann dessen 1. Vorsitzender und Alois Lahn sein Sekretär. Mit Kolbermoor fiel am 3. Mai 1919 die letzte Bastion der Bayerischen Räterepublik. Einen Tag später wurden Georg Schuhmann und Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten an der Tonwerksunterführung ermordet. Zerstörung der Schuhmann-Lahn-Gedenktafel in Kolbermoor weiterlesen

Ansprache zum Thema Erinnerungskultur auf der gewerkschaftlichen Kundgebung am 1. Mai 2015

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

70 Jahre ist es her, dass die Rote Armee und die westlichen Alliierten Deutschland vom verbrecherischen Joch des Nationalsozialismus befreiten. 57 Millionen Menschen hatten ihr Leben lassen müssen, davon 20 Millionen allein aus der Sowjetunion. Und bei dem mörderischen Versuch der Nazis, das jüdische Volk im Holocaust vollständig auszurotten, wurden 6 Millionen europäischer Juden systematisch umgebracht. Und darunter waren auch Bürger aus unserer Stadt, aus Rosenheim.
Nach Orten der Erinnerung an die Opfer, nach Hinweisen oder nach Gedenktafeln oder Mahnmalen sucht man in Rosenheim vergebens, sieht man einmal von dem Kirchenfenster und der kleinen unscheinbaren Tafel für Elisabeth Block in der Stadtpfarrkirche St. Nikolaus ab, die erst vor wenigen Jahren aufgehängt wurde. Ansprache zum Thema Erinnerungskultur auf der gewerkschaftlichen Kundgebung am 1. Mai 2015 weiterlesen

Stolpersteine für Rosenheim!

Ausdruck einr sinnvollen Erinnerungskultur

Im Rosenheimer Stadtrat wird demnächst eine Entscheidung gefällt, ob auch in unserer Stadt „Stolpersteine verlegt werden dürfen. Dabei handelt es sich um kleine quadratische Messingplatten in einer Größe von ca. 10 mal 10 Zentimetern Seitenlänge, die im Straßenpflaster vor den ehemaligen Wohn- oder Arbeitsstätten von Opfern des Nationalsozialismus eingebracht werden. Damit sollen deren Namen und Schicksal vor dem Vergessen bewahrt werden. Es waren Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle oder Zeugen Jehovas, Euthanasieopfer sowie politisch Verfolgte, die in den Selbstmord oder in die Flucht getrieben sowie in KZs verschleppt und ermordet wurden.

Bis Dezember 2015 wurden 56.000 Stolpersteine in 1200 Orten Deutschlands und 20 europäischen Ländern verlegt. Stolpersteine gibt es bereit in 37 Städten in Bayern, so in Aschaffenburg, Bamberg, Erlangen, Nürnberg, Regensburg oder Würzburg. Sinn ist, dass die Passanten angesichts der glänzenden Messingplatten zunächst mit den Augen und dann mit dem Herzen „stolpern“, wenn sie sich die seinerzeitige Situation vergegenwärtigen. Stolpersteine für Rosenheim! weiterlesen

Nürnberg

Bericht über die zeitgeschichtliche Exkursion nach Nürnberg am 12. und 13. November 2011

Beicht: Lothar Walter

Jahreausflug der GEW Rosenheim

Zeitgeschichtliche Exkursion nach Nürnberg

Der Kreisverband Rosenheim der GEW beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Thema Faschismus und Widerstand. Nachdem schon alle Gedenkorte in der Region Ziele von GEW-Exkursionen waren, erweiterte der Kreisverband seinen Aktionsradius und unternahm seinen Jahresausflug am Wochenende, 12. und 13. November 2011, nach Nürnberg – in die Stadt der Reichsparteitage und der Nachkriegsprozesse.

Vom stellvertretenden Kreisvorsitzenden Reiner Schober bestens geplant und vorbereitet, trafen sich neun GEWler um neun Uhr am Rosenheimer Bahnhof. Mit Bayernticket erreichte die Gruppe nach zweimaligem Umsteigen um 13:00 Uhr Nürnberg. Das zentral gelegene Hotel -in der Altstadt und in Gehweite zum Bahnhof- war zweckmäßig eingerichtet, das Preis-Leistungs-Verhältnis günstig. Nach Anmeldung und Zimmerbelegung ging es schon um14:00 Uhr zur nächsten Straßenbahn-Haltestelle; das Besichtigungsprogramm, das die GEW-Gruppe noch vorhatte, war riesig und die Zeit trotz reibungsloser Anfahrt knapp, so dass das geplante Mittagessen ausfallen musste.

Die Straßenbahn brachte uns zur Luitpoldarena,auch Luitpolthain genannt, mit der Luitpolthalle (erbaut 1906, zerstört 1942, ursprünglich eine Ausstellungshalle). Die erste Station war hier der Ehrentempel, 1929 für die Gefallenen des 1. Weltkriegs erbaut. Schon 1927 und die nachfolgenden Jahre benutzten die Nazis das weitläufige Gelände und die Gebäude für ihre Parteitage und deren Hauptzweck, nämlich die Aufmärsche (bis zu 150 000 „Parteigenossen“) theatralisch in Szene zu setzen für den nationalsozialistischen Toten- und Opferkult.

Von hier führte Reiner Schober die Gruppe, bei Sonne und kaltem Wind, auf einen langen Rundweg, mal in naher, mal in fernerer Distanz zum Dutzendteich, auf das Reichsparteitagsgelände zu den verschiedenen -teilweise noch gut erhaltenen, teilweise kaum mehr vorhandenen oder noch gar nicht erbauten, sondern erst geplanten- Nazibauten, immer Erläuterungen zur Nutzung durch die Nazis und in der Nachkriegszeit beisteuernd.

Allgemein bekannt aus historischen Aufnahmen ist die Zeppelintribüne mit der baulich markanten „Führerempore“. Das gleichnamige Zeppelinfeld diente als Aufmarschareal für bis zu 100.000 Menschen. Für junge Menschen, d. h. die Hitlerjugend, wurde das nahegelegene städtische Stadion, heute Frankenstadion, in das Parteitagsgelände einbezogen. Der Weg führte nun, in einiger Entfernung zum Märzfeld, einem weiteren Aufmarsch- und Manövergelände für die Wehrmacht, zur „Großen Straße“, eine 2 Kilometer lange und 60 Meter breite Betonbahn, die als zentrale Achse das Märzfeld mit der Kongresshalle verbindet und den Dutzendteich durchtrennt. An ihr sollte das „Deutsche Stadion“, ein Mammutbau für 400.000 Zuschauer entstehen. So führte uns die Große Straße zurück zum Ausgangspunkt unseres Erkundungsgangs. Nun war die Zeit sehr knapp für den Besuch des Dokumentationszentrums in der Kongresshalle, in dessen Obergeschoss die Dauer- ausstellung „Faszination und Gewalt“ sich mit den Ursachen und Folgen der Nazi-Herrschaft befasst. Schwerpunkt sind die Reichsparteitage und das NS-Bauprogramm für Nürnberg. Das Zentrum schloß um 18 Uhr die Pforten und wir mussten den Besuch wohl oder übel abbrechen. Eine Frage soll jedoch angeschnitten werden: Das exorbitante Bauprogramm der Nazis verbrauchte Unmengen an Material und Arbeitskraft. Dies lieferten die Konzentrationslager, u. a. auch Flossenbürg, ein frühe-res Exkursionsziel der Rosenheimer GEWler.

Rückkehr ins Hotel, kurze Verschnaufpause – endlich am Ende eines langen Tages war dann im Restaurant Zur Baumwolle Zeit für kulinarische Genüsse, in einer engen, aber urigen Gaststube. Das Restaurant befindet sich im ältesten Gebäude Nürnbergs, das den Krieg als einzige in seiner Straße unversehrt überstanden hat.

Nachdem der Abend doch lange geworden war, wurde das Frühstück nicht zu früh angesetzt. Geboten war ein recht ordentliches Büffet, das keine Wünsche offen ließ. Nach dem Aus-checken ging es nun mit der U-Bahn zum Justizgebäude, an den Ort, wo der Internationale Militärgerichtshof tagte und der „Nürnberger Prozess“ (20.11.1945 bis 01.10.1946) und zwölf Nachfolgeprozesse zwischen 1946 und 1949 stattfanden. Das erst 2010 eröffnete „Memorium Nürnberger Prozesse“ beinhaltet eine kleine, aber gut informierende Dokumentationsausstellung im dritten Obergeschoss des Gerichtsgebäudes und den eben durch die Nürnberger Prozesse bekannten Schwurgerichtssaal 600, welche nur mit Führung zu besichtigen möglich ist. Wir hatten mit Tobias Huepp, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Erlangen, einen kompetenten Fachmann zur Führung.

Beeindruckend für alle war der Saal 600, der durch die Nürnberger Prozesse, in denen sich erstmals in der Geschichte Repräsentanten eines Staates wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit verantworten mussten, zu einem Ort der Weltgeschichte wurde. Ohne diese Prozesse wäre die Entwicklung zu einer internationalen Völkergerichtsbarkeit, wie heute in Den Haag, nicht möglich gewesen. Für die Prozesse wurde der Gerichtssaal mit der Raumnummer 600 umgebaut; ab 1961 erfolgte der Rückbau durch die Bayerische Justizverwaltung, der Saal ist Tagungsort des Schwurgerichts. Diskutiert wurde in der Gruppe, ob es nicht besser wäre, den baulichen Zustand zurzeit der Nürnberger Prozesse wieder herzustellen, um die Aura als Verhandlungsstätte eines „Weltgerichts“ besser zu reflektieren.

Die veranschlagten zwei Stunden erwiesen sich, wie üblich, als zu knapp bemessen – aber es nützte nichts, wir mussten zurück um die von der Fahrtzeit bestmögliche Zugverbindung nach München zu erreichen. Hier blieb genug Zeit, um den Aufenthalt mit einer gemütlichen Cafe-Pause zu verkürzen. Und schließlich kamen wir um fünf Uhr nachmittags am Rosenheimer Bahnhof an – mit dem befrie-digenden Gefühl, Freizeit und politische Bildung glücklich verbunden zu haben. Ein ereignisreiches Wochenende lag hinter uns.

Rudolf Link – ein Kolbermoorer Revolutionär

Maiveranstaltung des DGB am 30.4.2011 in Kolbermoor

Die Maiveranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Kolbermoor wurde dieses Jahr von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gestaltet. In einem packenden Vortrag referierte der Kreisvorsitzende Andreas Salomon über den jungen Lehrer Rudolf Link, der während der Rätezeit 1919 in Kolbermoor Mitglied des 3. Volksrates, des revolutionären Arbeiterrates, gewesen war. Im voll besetzten Nebenzimmer der Pizzeria Milano zum Mareis, einem historischen Ort in Bezug auf die damalige Zeit, gelang es Salomon auf lebendige und anschauliche Weise das Leben und Wirken von Rudolf Link und seine Bedeutung für Kolbermoor sichtbar zu machen.

Der 24-jährige Link trat am 16. September 1918 seinen Dienst als Hilfslehrer an der Kolbermoorer Volksschule an und übernahm die Klasse V b. Nach 17 Monaten Kriegseinsatz war dies seine erste Stelle. In den „Schulgeschichtlichen Aufzeichnungen“ weiß Schulleiter Wilhelm Zerr über seinen Kollegen in den kommenden Monaten nichts Besonderes zu vermerken. Nach neun Monaten liest man allerdings: wegen „spartakistischer“ Aktivitäten nach Hilgertshausen versetzt.

Was war passiert? Zwei Monate nach dem Amtsantritt von Link war in Kolbermoor im Mareissaal der 1. Volksrat gebildet worden (11. November) und Link dürfte dessen Aktivitäten mit großem Interesse beobachtet und möglicherweise auch inhaltlich begleitet haben. Noch taucht sein Name nirgends im Zusammenhang mit den Räten auf. Aus späteren polizeilichen Vernehmungen wissen wir, dass er am 1.4.1919 der Kommunistischen Partei beitrat. Vier Wochen später, am 29.4.1919 wurde er in den neunköpfigen Revolutionären Arbeiterrat gewählt und übernahm die Aufgabe des Schriftführers. Link fällt mit dieser Mitgliedschaft eine ausgesprochen bedeutsame Aufgabe zu. Denn der Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann ist zu dieser Zeit der 5. Kolbermoorer Bürgermeister und der Volksrat mit Rudolf Link ist gewählt, um die Geschicke der Stadt mitzubestimmen.

Aber der Volksrat ist nur noch wenige Tage im Amt, denn 6000 Mitglieder der Regierungstruppen und Weißgardisten ziehen am 2. Mai einen Belagerungsring um Kolbermoor, um endgültig der Räterepublik in Bayern ein Ende zu bereiten. Kolbermoor ist bayernweit die letzte Bastion. Im Mareissaal kommt es zu erregten Diskussionen, die Link in seinem Notizbuch notiert, aus dem Salomon erstmalig zitiert. Was ist zu tun? Soll man mit Waffengewalt verteidigen und sich bedingungslos ergeben wie von den Kolbermoorern verlangt wird? Schließlich kommt es mit den Belagerern zu Verhandlungen und Link ist einer der beiden Verhandlungsführer der Räte. Dank Schuhmanns großem Einfluss wird von einer Verteidigung mit Waffen abgesehen und die Stadt übergeben.

Einen Tag später werden Georg Schuhmann und Alois Lahn aus ihren Wohnungen gezerrt und bei der Tonwerksunterführung von Grafinger Weißgardisten erschossen. Am 7. Mai findet unter zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung die Beerdigung statt. Rudolf Link spricht „namens der Genossen und Genossinnen“ und legt einen Kranz nieder. Weniger Tage später erscheint sein Nachruf in der Zeitung. Dort heißt es unter anderem: „Wir mussten unseren Schuhmann begraben, ihn, dessen selbstlose Hingabe für die werktätige Einwohnerschaft auch der politische Gegner würdigen muß. Alles für andere, für sich nichts! (…).“ Link appelliert an die Anhänger der Räterepublik, in ihrem Kampf um Freiheit nicht nachzulassen.

Link, der bereits am 4. Mai verhaftet worden war, wurde nur für die Beerdigung kurz freigelassen, um erneut inhaftiert zu werden. Seine Lehrerkollegen und der Schulleiter setzen sich für seine Freilassung ein und wollen für ihn bürgen. Sein Kollege Johann Lorenz gibt zu Protokoll, Link sei ein sehr ruhiger Mensch, habe auch beruhigend auf die Regierungstruppen eingewirkt und sei nie „hetzerisch“ aufgetreten. Als seine Wohnung nach Waffen durchsucht wird, werden stattdessen Liebesbriefen gefunden, die auf zarte und empfindsame Weise Zeugnis von seiner Beziehung mit der Kolbermoorerin Marie Schrank ablegen.

Auch der Betriebsratsvositzende der Spinnerei Adolf Pesold setzte sich für Link ein. Dieser gibt selbst zu Protokoll unschuldig zu sein, alle Anklagepunkte seien unzutreffend. Nie habe er ein Gewehr benutzt, allerdings sich bewaffnet wie alle anderen Arbeiter, zu denen er sich zugehörig fühle, auch. Es gelingt nicht, Link eine strafbare Handlung nachzuweisen und schließlich muss er entlassen werden, wird aber nach Hilgertshausen strafversetzt. 1933 mit dem Machtantritt der Nazis wird Rudolf Link aus dem Schuldienst entlassen. Dann verliert sich seine Spur.

Die Anwesenden dankten dem Referenten mit anhaltendem Applaus für seine kenntnisreiche und spannende Darstellung.

Tolstoj-Ausstellung

GEW Rosenheim im Münchner Haus der Literatur Besuch der Tolstoj-Ausstellung Bericht Lothar Walter

Samstag im Advent. Eine knapp 20-köpfige Schar von GEWlern einschließlich Angehöriger (in München werden noch weitere Interessierte hinzukommen) drängt sich in den überfüllten Zug nach München. In München entscheidet sich die Gruppe zu einem Fußmarsch zum Haus der Literatur. Unterwegs am Justizpalast vorbei, wo Reiners spontaner Einfall, die Gedenktafel für die Geschwister Scholl zu besichtigen, an der verschlossenen Eingangstür scheitert.

Gut in der Zeit. Wir kommen eine Stunde vor Führungsbeginn an und können uns so im Café des Literaturhauses aufwärmen und stärken. Anlass der Ausstellung „`Ein Licht mir aufgegangen´- Lev Tolstoj und Deutschland“ ist der 100. Todestag des Dichters (am 7. November 1910) und hat als Schwerpunkt Tolstojs Beziehungen zu Deutschland.

Die Ausstellungsführung beginnt und dauert etwa eine Stunde. Die Ausstellung zeigt viele Bilder und Dokumente (meist Repliken), Texttafeln, auch einen Originalfilm und besteht aus sechs Stationen zu leitmotivischen Fragen, die den Dichter beschäftigten und die er in seinen Werken abarbeitete, u. a. „Wer bin ich?“, „Wozu leben wir?“, „Wie sterben Soldaten?“, „Was lernt man in/von Deutschland?“, „Wer ist schuld?“, „Worin besteht mein Glaube?“. Anfang und Ende des Rundgangs ist Tolstojs namenloses Grab im Wald bei seinem Landgut.

Die Ausstellung erhellt die engen geistigen und persönlichen Beziehungen Tolstojs zu deutscher Sprache (er verwendet viele deutsche Wörter und Redewendungen in seinen [russischen] Texten), Kultur, Literatur (er wurde stark vom Schriftsteller Berthold Auerbach beeinflusst) und Philosophie (Arthur Schopenhauer); er hatte deutsche Erzieher/Hauslehrer und war mit der Deutschrussin Sofja Andrejewna Behr verheiratet.

Tolstoj stellte die herrschenden russischen Zustände in Frage, lehnte seine sozial-reformerischen Ideen an die „praktische Vernunft“ an und suchte in seinem Spätwerk eine „praktische“ Religion, die er auch mit radikaler Konsequenz für sich verwirklichte. So verzichtete er im Alter auf seinen Grafentitel und seine Autorenrechte, was zum Zerwürfnis mit seiner Frau führte. Schließlich sucht er den Tod. Am 28.10.1910 verlässt er heimlich sein Gut Jasnaja Poljana und stirbt am 7. November auf der Bahnstation Astapowo.

Kreisvorsitzender Salomon dankte der kompetenten Führung und lud anschließend die Besucherschar zum angekündigten Adventskaffee am gleichen Ort ein, d. h. wir nehmen wieder unsere Plätze im Cafe ein.

Auf dem gleichen Weg zurück zum Hauptbahnhof, bringt uns die Bahn um 19:00 Uhr wieder nach Rosenheim.

Lisi Block

Bericht im OVB vom 22.12.2009 über die Gemeinschaftsveranstaltung von GEW Rosenheim und Gesicht zeigen Rosenheim am 3.12.2009

„Das kurze Leben der Lisi Block“

Das Schicksal eines jüdischen Mädchens in Oberbayern während des Nationalsozialismus

Referent Reiner Schober

Referent Reiner Schober, Hauptschullehrer und stellvertretender Kreisvorsitzender der Rosenheimer Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, eröffnete seinen Vortrag „Das kurze Leben der Lisi Block“ im Rosenheimer Gasthaus Ocakbasi mit dem Ergebnis seiner privaten Umfrage unter Kollegen: Von 50 Lehrern und Lehrerinnen einer Hauptschule im Landkreis konnte nur ein Lehrer mit dem Namen Elisabeth Block etwas anfangen. Die Zuhörer allerdings wussten schon, wer Elisabeth Block, genannt Lisi, war.

Rainer Schober

Das 1923 geborene Mädchen einer völlig assimilierten jüdischen Gärtnerfamilie aus Niedernburg bei Rosenheim führte ab 12. März 1933 ein Tagebuch. Insgesamt entstanden sechs Oktavhefte, der letzte Eintrag datiert vom 8. März 1942. Die Tagebucheinträge berichten von privaten, familiären Ereignissen aus der kleinen, idyllischen Welt in Niedernburg, Politik findet nicht statt. Was bei einem zehnjährigen Mädchen mit ihrer noch naiven Weltsicht verständlich erscheint, erstaunt allerdings bei einer jungen Dame von 19 Jahren. Die zunehmende Drangsal, Gemeinheiten und staatlichen Verfolgungsmaßnahmen, die die jüdischen Mitbürger tagtäglich erfahren, kommen im Tagebuch nicht vor, sie scheinen geradezu zwanghaft ausgeblendet, nur um nicht die kleine Welt der zunehmend gesellschaftlich isolierten Familie zu stören.

Straße in Niedernburg, nach Lisi Block benannt.

Der Referent schaffte den Bogen zwischen authentischer Wiedergabe und fehlender, aber nichtsdestotrotz notwendiger kritischer Reflexion. Er wählte schlaglichtartig einzelne Tage aus: kalendermäßige Daten wie Weihnachten oder Geburtstage, Schulveranstaltungen und politische Ereignisse, die er kurz in Erinnerung rief. Ihnen stellte er Lisis „von allem Widerwärtigem“ rein gehaltene Notizen gegenüber. Diese las eine Mädchenstimme, aufgenommen unter primitiven technischen Bedingungen vom altmodischen Kassettenrecorder – die Zuhörer konnten sich so in den kindlichen Versuch einfühlen, privates Glück festzuhalten, bei vollem Wissen um die politische Lage. Die Lesung gewann gespenstische Realität. Eine Kostprobe: Zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 findet sich als nächster Tagebucheintrag: „6. November 1938, Buß- und Bettag. Um uns von den traurigen Gedanken und Sorgen, die der Tod unseres lieben Onkel Leos [Dr. Leo Levy aus Bad Polzin wurde am 9. November 1938 von SA-Männern ermordet – Anmerkung der Verfasser des Buches) und überhaupt die letzten zehn Tage mit sich brachten, zu befreien, machten wir einen schönen Spaziergang zu unserem lieben See, wo wir am Ufer in der warmen Herbstsonne saßen und mit Seppen Marie plauderten, die sich auch dort eingefunden hatte.“

Die Familie Block wird im Frühjahr nach Piaski im Distrikt Lublin deportiert, wo sich ihre Spur verliert. Von dort wurde sie weiter in eines der Vernichtungslager, Belzec oder Sobibor, verschleppt und ermordet.

An die Lesung schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Gefragt wurde, wie es sein kann, dass eine Familie ins soziale Abseits geschoben, verfolgt und schließlich vernichtet wird, ohne dass sich Anteilnahme oder Widerspruch regt. Gegen die Unkultur des Wegschauens anzugehen, sei nötiger denn je. Andreas Salomon, Kreisvorsitzender der GEW, forderte eine verstärkte heimatgeschichtliche Bildung in den Schulen. Gerade die von Reiner Schober gewählte Form der Lesung eröffne einen guten Zugang zu den Herzen der Kinder.

„Erinnerungszeichen. Die Tagebücher der Elisabeth Block“. Herausgegeben vom Haus der Bayerischen Geschichte und vom Historischen Verein Rosenheim. Mit Beiträgen von Peter Miesbeck und Manfred Trend; Rosenheim 1993; 367 Seiten.

Reiner Schober vor Bilder von Lisi Block und ihrer Familie