Hitlers „Mein Kampf“

GEW Rosenheim mit Prof. Dr. Klaus Weber, München

Hitlers „Mein Kampf“ – die Banalität des Bösen entmystifiziert

Zur kommentierten Neuausgabe des Instituts für Zeitgeschichte

Auf Einladung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreisverband Rosenheim sprach Professor Dr. Klaus Weber von der Hochschule München, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften, zur gerade vorbereiteten kommentierten Neuausgabe des „verbotenen Buches“ durch das Münchner Institut für Zeitgeschichte im Rosenheimer „Z – linkes Zentrum in Selbstverwaltung“. Kreisvorsitzender Andreas Salomon konnte ein „volles Haus“ begrüßen mit Interessierten weit über den üblichen Kreis der GEWler. Professor Dr. Klaus Weber ist Erzieher und Diplompsychologe und forscht seit 30 Jahren zu den Themen Rassismus und Faschismus. Er ist ehrenamtlicher Projektberater für psychologische und sozialpsychologische Fragestellungen für das Institut für Zeitgeschichte im Zusammenhang mit der kommentierten Neuausgabe von Hitlers „Mein Kampf“. Gleich vorneweg, so Klaus Weber, das „Buch“ sei nicht verboten. Sein Besitz, Erwerb und Verkauf ist, anders als Kinderpornographie, nicht verboten. Man kann es im Internet oder Antiquariaten kaufen. Nicht erlaubt ist der Nachdruck, weil der Freistaat Bayern das Urheberrecht darauf hat; dieses läuft 2015 aus. Weber glaubt nicht, dass rechte Kreise dann eine Neuauflage auf den Markt bringen werden, denn „Nazis würden sich eh antiquarisch eindecken – Kaufpreis je nach Auflage und Ausstattung von 40 bis 8 000 Euro“. Gedacht ist an eine vierbändige kommentierte Ausgabe für ca. 98 Euro – Weber schätzt deshalb eine Auflage von 5 000 Exemplaren, also für einen engen Kreis an, vorzugsweise institutionellen, Käufern. Allerdings plant die Bundeszentrale für politische Bildung Auszüge mit Handreichungen für Schulen in Millionen-Auflage. Ein 7-köpfiges Wissenschaftler-Team arbeitet sehr akribisch an der Neuausgabe; anerkennend bemerkte Weber, dass der Startschuss unter der schwarz-gelben Bundesregierung fiel. Quasi jede Zeile aus „Mein Kampf“ wird daraufhin überprüft, was Hitler an wissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Zeit wissen konnte und welche Belegstelle es gibt. Webers Resümee: Hitler hat kaum originäre Gedanken entwickelt, allerdings bündelt er den grassierenden Antisemitismus seiner Zeit und treibt ihn auf eine massenmörderische Spitze. Weber bedauerte, dass diese kommentierte Neuausgabe so spät komme, diene sie doch der Entmystifizierung eines hetzerischen Machwerkes und zeige die Banalität des Bösen. In der sehr breiten Diskussion trat Weber der Auffassung entgegen, dass „Mein Kampf“ das Werk eines Irren, deshalb wirr und schwer verständlich sei. Wenn man die Grundannahmen teile, so Weber, argumentiere Hitler durchaus logisch, also nicht verwirrt. Der erste Teil (über die Juden) wende sich eher an Parteigenossen und sei in einem „Proletenjargon“ geschrieben – was sich zwar, so Weber, mit einem bildungsbürgerlichen Anspruch nicht decke, aber gerade deswegen leicht zu lesen sei. Deshalb wurde von mehreren Diskutanten gefragt, ob dieses Buch „gefährlich“ sei. Nach Weber sei „Mein Kampf“, das subjektivistische Geschreibsel über die eingebildete nationale Drangsal, nicht konstitutiv für den Nationalsozialismus. In millionenfacher Auflage vorhanden, hätte es angeblich fast niemand gelesen. Aber seine ideologischen Konstrukte des Antisemitismus und des Konzepts eines Volks ohne Raum waren damals allgegenwärtig. So fragte auch Kreisvorsitzender Andreas Salomon in seinem Schlusswort, auch wenn und weil heute der Antisemitismus nicht manifest ist, was an judenfeindlichen Vorurteilen in der Gesellschaft vorhanden sei. Er sehe in der kommentierten Neuausgabe einen wichtigen Beitrag zur politischen Aufklärung. Es sei aber auch die Stadt Rosenheim gefordert, ihren Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte zu leisten. Salomon erinnerte an das Gedenken an Elisabeth Block durch eine Namensgebung der städtischen Realschule wie auch an die Aktion Stolpersteine vor den ehemals jüdischen Kaufhäusern in Rosenheim.

3. Rundbrief 2015

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es ist einiges seit Beginn des neuen Schuljahres passiert. Wie sehr uns die Nazis beschäftigen, habt ihr sicher alle mitbekommen oder wart auch bei den Demonstrationen dabei. Ein Bündnis von über 50 Organisationen darunter die GEW hat sich dem braunen Spuk mit großem Erfolg entgegengestellt und deutlich gemacht, dass Nazis in Rosenheim nichts verloren haben. Jetzt nerven sie mit immer neu angemeldeten Kundgebungen, zu denen sie dann selber nicht erscheinen.
Aber sie halten nicht nur rassistische, flüchtlingsfeindliche Reden oder kündigen dies an, sondern zeigen ihr Reden und Denken auch in Taten. So wurde in Bad Aibling bei einem Flüchtlingscontainer Feuer gelegt, beim „Z“ Scheiben eingeworfen, rassistische Parolen in Rosenheim gesprüht und in Kolbermoor unser Denkmal für den Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn mit brachialer Gewalt zerstört. Wir planen zu diesen Umtrieben eine Veranstaltung, zu der Prof. Dr. Klaus Weber als Referent bereits zugesagt hat. 3. Rundbrief 2015 weiterlesen

Zerstörung der Schuhmann-Lahn-Gedenktafel in Kolbermoor

Im Zeitraum zwischen dem 3. und 5. November 2015 wurde die Gedenktafel, die an den am 4. Mai 1919 ermordeten Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn erinnert, auf brachiale Weise zerstört. Mit einem wahrscheinlich schweren Vorschlaghammer zertrümmerte der Täter die große Marmortafel und beschädigte auch die kleinere Messingplatte. Eine Reparatur ist nicht mehr möglich.

In Kolbermoor gab es nach dem 1. Weltkrieg einen Volksrat. Seit dem 8. Januar 1919 war Georg Schuhmann dessen 1. Vorsitzender und Alois Lahn sein Sekretär. Mit Kolbermoor fiel am 3. Mai 1919 die letzte Bastion der Bayerischen Räterepublik. Einen Tag später wurden Georg Schuhmann und Alois Lahn von Grafinger Weißgardisten an der Tonwerksunterführung ermordet. Zerstörung der Schuhmann-Lahn-Gedenktafel in Kolbermoor weiterlesen

Rede gegen den Auftritt von Nazis in Rosenheim

Freital, Vorra, Meißen, Tröglitz, Böhlen, Salzhemmendorf, Nauen und viele, viele andere. Wir kennen die Namen der Orte, in denen in diesem Jahr geplante Unterkünfte für Asylbewerber brannten. Wir kennen die Bilder aus den Medien und wir wissen, dass kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo Nazis erneut Feuer legen. Über 80 Brandstiftungen gab es bisher allein in diesem Jahr und nur in zehn Fällen konnten bislang Tatverdächtige ermittelt werden. Und was die Haltung der Rassisten anbelangt, so haben wir noch die Sprechchöre von Heidenau im Kopf „Weg mit dem Dreck! Weg mit dem Dreck!“
Im Thüringischen Gerstungen bietet eine Frau im Internet ein kleines, leer stehendes Einfamilienhaus als Flüchtlingsunterkunft an. Kurz darauf brennt das Haus nieder. Anstatt Betroffenheit und Scham über den Brandanschlag zu bekunden, sieht man einige Tage später bei einem Faschingsumzug ein Plakat: „Abgebrannt ist uns´re Hütte. Gebt uns Asyl bitte, bitte! Aber kein Container, nein. Kann es vielleicht ein Schlösschen sein! Was für ein Menschenbild wird hier sichtbar! Rede gegen den Auftritt von Nazis in Rosenheim weiterlesen

Helmut erklärt den Gruppen-IQ

Stellungnahme des Kreisvorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zu den Schmierereien auf der Schuhmann-Gedenktafel in Kolbermoor

In der Nacht zum 1. Juni 2014 wurde in Kolbermoor die Gedenktafel, die an den am 4. Mai 1919 ermordeten Kolbermoorer Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Kampfgenossen Alois Lahn erinnert, von Unbekannten mit schwarzer Farbe beschmiert. Sie schrieben: „Noske, do it again!“ und dazu hinterließen sie zwei große Hakenkreuze. Ein weiteres Hakenkreuz wurde in der Tonwerksunterführung, die zu der Gedenkstelle führt, an die Wand gesprüht. Im Namen unserer Gewerkschaft habe ich bei der Polizei in Bad Aibling Anzeige erstattet. Dies ist bereits der dritte Anschlag in Kolbermoor auf die Erinnerungsarbeit der GEW an die Kolbermoorer Rätezeit. Die erste Tafel wurde im Januar 2000, also nicht einmal ein Jahr nach der Errichtung mit blauer Farbe so zugesprüht, dass wir sie ersetzen mussten. Am 10. Mai 2009 führte ich einen Rundgang durch Kolbermoor auf den Spuren der Räterepublik durch, an dem auch zwei junge Männer in der Tracht der Weißgardisten teilnahmen. Einer von ihnen trug auf dem Rücken eine Schreibmaschine. Dies war eine ungeheure Provokation, wurde doch Alois Lahn, der der Schreiber von Schuhmann war, mit einer Schreibmaschine der Schädel eingeschlagen. Ich ließ mich damals nicht irritieren und ließ sie mitgehen – in der Hoffnung, dass sie was dazulernen würden. Sie verhielten sich ruhig, zogen danach ab und stiegen in ein Auto, in dem NPD-Flugblätter lagen. Der jetzige dritte Anschlag spricht ebenfalls eine deutliche Sprache. Als es um die Niederschlagung der Revolution von 1918/19 ging, war es allen voran der Polizeiminister Noske, der zuerst in Kiel und sodann im Reich mit äußerster Brutalität vorging, wobei Hunderte von Menschen ermordet wurden. „Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Rücksichtslos schlug er den Spartakusaufstand nieder, wobei er auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht umbringen ließ. Wenn die Nazis in Kolbermoor auf die Tafel schmierten, Noske solle es doch noch einmal tun (do it again), so ist das eine unmissverständliche Aufforderung, dass es wieder jemanden brauche, der mit Gewalt sich alle fortschrittlichen Kräfte entledige. Der Anschlag auf die Tafel in Kolbermoor ist ein Anschlag auf uns alle. Er enthält eine Morddrohung an uns, die wir nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Derartigen Aktionen der Nazis müssen wir entschieden entgegentreten und vor allem geschlossen. Unsere ganze Wachsamkeit ist gefordert, den braunen Umtrieben keinen Raum zu lassen und für Freiheit und Demokratie einzutreten.

Holger Kulick

Bericht über den Vortrag von Holger Kulick

„Stolz worauf?“- Wie Rechtsextreme Nachwuchs ködern

am 3.5.2011 im Lokschuppen Rosenheim

Bericht: MdB Angelika Graf, Vorsitzende von „Gesicht zeigen – Rosenheim“

Angelika Graf im Gespräch mit Holger Kulick

Holger Kulick, Jahrgang 1960, lebt in Berlin und macht sich seit fast 30 Jahren einen Namen als mutiger und innovativer Journalist. Er war der „Erfinder“ der Jugendsendung Logo, hat für die ARD, das ZDF und Spiegel-Online gearbeitet. Er hat die Stern-Initiative „Mut gegen rechte Gewalt“ aufgebaut und dafür den alternativen Medienpreis erhalten. Derzeit arbeitet er für die Bundeszentrale für politische Bildung und entwickelt unter dem Stichwort „Zivilcourage“ ein neues Projekt für die Stasi-Unterlagenbehörde.

In den letzten Jahren haben die rechtsextremistischen Vorfälle in der Stadt und im Landkreis Rosenheim deutlich abgenommen. Dennoch zeigen Studien, dass 13-15 Prozent der Bundesbürger ein sehr rechtsextremes Weltbild haben und die Bereitschaft der Bevölkerung in Deutschland, unter bestimmten Bedingungen auch rechtsextreme Parteien und Personen zu unterstützen, generell eher wächst. Bei deutschen Jungwählern habe die NPD eine hohe Anhängerschaft. In anderen Ländern der EU wie den Niederlanden, Polen oder Ungarn feiern Rechtspopulisten politische Siege.

Grund genug für den Verein „Gesicht zeigen – Rosenheimer Bündnis gegen rechts“, Holger Kulick unter dem Titel „Stolz worauf? Wie Nazis Jugendliche ködern“ zusammen mit dem Stadtjugendring Rosenheim, der Friedrich-Ebert-Stiftung und der GEW Rosenheim zu einer Vortragsveranstaltung mit Diskussion in den Saal des Stadtjugendrings einzuladen. Der Einladung folgten nicht nur Jugendliche, sondern auch Menschen im Großeltern-Alter.

Wie gelangen Jugendliche in rechtsextreme Kreise? Was sind das für Jugendliche? Was treibt sie an? Was macht sie empfänglich für rechtes Gedankengut? Welche Rolle spielt Gewalt? Rechte Rattenfänger, linke Rattenfänger, islamistische Gruppen – unterscheiden sich Jugendliche, die sich hier engagieren, in ihrer Motivation grundsätzlich? All das waren Themen, die Holger Kulick den Zuhörern sehr einfühlsam, mit vielen Interviews und Textstellen untermauert – z.B. dem aktuellen Spiegelartikel zur Jugendgewalt oder ein Interview mit einem jungen Rechtsextremen unter www.jugendpresse.de – nahebrachte.

Gewalt – auch als Gruppenphänomen – spiele bei der Selbstfindung Jugendlicher in der Pubertät speziell dann eine Rolle, wenn sie aus einem rigiden, autoritären, Gewalt ausübenden Elternhaus kämen, in dem sie sich isoliert fühlten oder durch Trennung und Scheidung Verluste erlebt hätten. Die extremistische Gruppe, der sich die Jugendlichen anschlössen, werde oft sehr schnell zur „Ersatzfamilie“. Sie biete Nähe, Abenteuer und eben oft auch den „Kick“ gemeinsamer Gewaltrituale und Initiationsriten. Oft seien die Jugendlichen auch durch die Erzählungen der Großeltern – vom Krieg, der SS, der HJ etc. – stark vorgeprägt. Vermeintliche Tugenden wie Sauberkeit, Ordnung erweckten in manchen Jugendlichen Stolz. Es gehe aber auch darum, beachtet zu werden, wenn man sich in rechtsradikal verortbarem Outfit zeigt und den Mitmenschen Angst einflößt sowie um den „Erfolg“, mit gewalttätigen Aktionen die Aufmerksamkeit der Medien zu bekommen und andere zu beherrschen. Parteiprogramme – z.B. der NPD – stünden nicht im Mittelpunkt ihres Interesses.

Die BKA-Studie „Die Sicht der Anderen“ mache deutlich, dass es eine große Vergleichbarkeit der Hintergründe von Jugendlichen gäbe, die sich von radikalen Gruppierungen angezogen fühlten. Es gebe auch Wechsel von Jugendlichen von rechts- zu linksextremistischen Gruppierungen.

Holger Kulick beim bei seinem Vortrag

Musik und Internet spielten eine große Rolle bei der Rekrutierung von Jugendlichen durch rechtsextreme Gruppen. Z.Zt. gebe es ca. 150 rechtsextremistische Bands. Mit sog. „Schulhof-CDs“ versuchten die Gruppierungen, Kontakt zu den Jugendlichen zu bekommen. Hier seien neben der Musik selbst auch die Texte sehr wichtig. Je rassistischer oder antisemitischer, je verbotener desto größer sei das Interesse von gefährdeten Jugendlichen.

Auch das Internet sei inzwischen eine wichtige Plattform zur Anwerbung junger Leute. Dabei würde auch alle sozialen Netzwerke zur Werbung und Kommunikation benutzt. Derzeit gebe es ca. 1800 offenkundig rechtsextremistische Netze. Auch hier arbeite man mit der Einschüchterung politisch Andersdenkender.

Der Ausstieg aus der extremistischen Szene sei oft schwierig, weil die Gruppe über die Dauer der Zugehörigkeit der einzige soziale Kontakt der jungen Menschen geworden sei. Die Angst vor Einsamkeit mache mehr noch als die Androhung von Konsequenzen den Ausstieg oft schwierig und manchmal auch nicht nachhaltig.

In der an den Vortrag anschließenden Diskussion forderte Holger Kulick, sich mehr sehr junger Jugendlicher anzunehmen, die erkennbar auf der Sinnsuche seien. „Das Ziel muss sein, zunächst den Einstieg zu verhindern. Das ist mindestens so wichtig, wie nachher beim Ausstieg zu helfen. Man darf junge Jugendliche, die sich zu den Extremisten verlaufen haben, nicht isolieren, sondern man muss sich darum kümmern. Jeder Euro, der an Jugendhilfe und sozialen Jugendprogrammen gespart wird, kann sich bitter rächen, wenn Kinder den Extremisten in die Hände fallen.“ so Holger Kulick. Bedauert wurde auch das Desinteresse der Medien an der Entwicklung in der Szene, wenn es nicht um spektakuläre Gewaltexzesse gehe. „Den Begriff des Stolzes“ – so Kulick weiter – „muss man differenziert betrachten. Wer stolz ist auf unsere Demokratie, auf unsere Verfassung, auf die Entwicklung, die Deutschland nach dem Hitler-Regime genommen hat, der ist zu Recht stolz. Wer sich stolz über andere erhebt, Stolz als Herabwürdigung anderer versteht, ist in unserer Demokratie noch nicht angekommen.“ Unsere Demokratie müsse viel wehrhafter werden, das Verständnis für politische Entscheidungsprozesse und die Kompromissfindung in der Demokratie müsse deutlich mehr gefördert werden. Echte brennende Demokraten seien sehr wohl in der Lage, sich mit Rechtsextremisten wie der NPD – ohne ein neuerliches Verbotsverfahren – auseinander zu setzen.

Kathrein und Döser

Vortrag „Kathrein und Döser („Oberbayerisches Volksblatt“)
Profiteure der Nazis?“ Professor Dr. Klaus Weber Mittwoch, 29.Oktober 2008, 19.30 Uhr Rosenheim, Ocakbasi im Schützenhaus, Küpferlingstr.62

Bericht in SZ am 29.10.08

Ende des Schweigens – Vortrag über Rosenheimer Firmen in der NS-Zeit

Lange hat der Gründer des heute größten Unternehmens in Rosenheim nicht gebraucht, bis er sich als Mitglied Nummer 1 724 236 registrieren ließ. Am 1. Mai 1933 folgte Anton Kathrein senior dem Ruf des Führers. Im gleichen Jahr saß er für die Nazis im Stadtrat, von 1934 an gehörte er der SA an. Anfang der vierziger Jahre ersuchte der Handwerker und Fabrikant den NS-Bund Deutscher Technik um Zuerkennung des Titels „Ingenieur“. Die Partei in Rosenheim stellte ihm dafür ein Zeugnis aus: „Kathrein hat sich jederzeit für die Ziele der Partei tatkräftig eingesetzt. Er ist politischvollkommen einwandfrei.“

Die Herstellung von elektronischen Artikeln – auch für die Kriegsindustrie – brummte, Kathrein erhielt 1942 etwa 50 Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine zugeteilt. Eine soll nach Schlägen eines Angestellten mit blutverschmiertem Gesicht von der Firma ins Arbeitsamt geflohen sein. Außerdem sollen unwillige Zwangsarbeiterinnen übers Wochenende in den Keller gesperrt worden sein. Eine von ihnen hat sich 2004 daran erinnert, dass sie am freien Sonntag in den umliegenden Dörfern um Nahrung bettelte. Bis zum Schluss sei Kathrein ein Aktivist der Nazis gewesen, soll Lehrbuben zum bewaffneten Widerstand aufgerufen haben, sagte ein Zeuge 1946 aus.

Das alles lässt sich aus den Akten der Spruchkammer, die Anton Kathrein 1949 als Mitläufer einstufte, herauslesen. Kathrein stritt damals alle Vorwürfe ab. Er habe von der Partei weder persönlich noch wirtschaftlich profitiert, sagte er. Aus dem Stadtrat sei er 1936 freiwillig ausgeschieden. Für die Zwangsarbeiterinnen will er ordentlich gesorgt haben. Mehr darüber weiß in Rosenheim niemand. Das Thema Nationalsozialismus wird in der Stadt weitgehend gemieden. Zwei wissenschaftliche Arbeiten und eine Ausstellung Ende der achtziger Jahre, mehr ist in der öffentlichen Diskussion seit Kriegsende nicht verzeichnet. Nun ist jedoch für den heutigen Mittwoch ein Vortrag angekündigt: „Kathrein und Döser – Profiteure der Nazis?“. Referent Klaus Weber, Professor an der FH München, will eine Aufarbeitung der Nazi-Zeit in Rosenheim anstoßen, „die schon in den siebziger und achtziger Jahren hätte stattfinden sollen“. Darum habe er die Geschichte der „zwei einflussreichsten und die Öffentlichkeit der Stadt prägendsten Unternehmen“ untersucht.

Neben dem Antennenhersteller Kathrein hat sich Weber mit der Verlegerfamilie Döser beschäftigt. Vor dem Krieg war Alfons Döser, Großvater des heutigen Verlagsleiters Oliver, ein einfacher Angestellter. Wenige Jahre danach war er beteiligt an dem Rosenheimer Verlag, der heute mit sieben Lokalzeitungen, zwei Anzeigenblättern und zwei Radiosendern ein fast uneingeschränktes Monopol in der Region besitzt. Ihm wurde vorgeworfen, die Notlage eines KZ-Häftlings für Geschäfte zu seinem Vorteil ausgenutzt zu haben. Er wurde als „Belasteter“ in zweiter Instanz dazu verurteilt, ein Viertel seines Vermögens abzugeben und auf viele bürgerliche Ehrenrechte zu verzichten. Das Urteil wurde 1950 aufgehoben, da nicht nachzuweisen war, ob er sich tatsächlich bereichert habe oder es nur versucht hat.

Die heutigen Firmenchefs Anton Kathrein, Besitzer eines Unternehmens mit mehr als einer Milliarde Umsatz im Jahr, CSU-Mitglied und Dritter Bürgermeister, sowie Oliver Döser, Leiter des OVB Medienhauses, halten es wie ihre Vorfahren: Sie schweigen. Man wolle sich zu diesem Thema nicht äußern, heißt es. Eine Beteiligung der Firma Kathrein am Fonds zur Entschädigung von Zwangsarbeitern ist nicht bekannt.

Weitere Infos dazu hier

Und der Text des Vortrags

Geoerg Elser

Gemeinsam mit der Rosenheimer Info-Gruppe machte die GEW Rosenheim in der Rosenheimer Vetternwirtschaft auf Georg Elser aufmerksam. Auf 12 Plakaten wurde in der Gaststätte vom 30.10. bis zum 11.11.2007 über den Hitlerattentäter Georg Elser informiert.

Dazu gab es am Sonntag, den 4. November in der Vetternwirtschaft den eindrucksvollen Film „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ mit Klaus-Maria Brandauer.

Die einführenden Worte sprach Andreas Salomon.

Radltour nach Götting

3. GEW Radltour am 16.7.2005 von Kolbermoor nach Götting Thema: Widerstand gegen
das NS-Regime in der Provinz Leitung: Reiner SchoberPressemitteilung von Lothar Walter
vom 09.08.2005 (erschienen 22.8.2005 im OVB) Bilder: Helmut Pritschet

Radtour in die Zeitgeschichte nach Götting

Zu einer zeitgeschichtlichen Exkursion per Fahrrad lud der Kreisverband der Rosenheimer GEW. Vom Treffpunkt Kolbermoor radelten die Teilnehmer entlang der Mangfall nach Götting. Der Ort war Schauplatz einer Gräueltat des Nazi-Regimes kurz vor Kriegsende. Kreisvorstandsmitglied Reiner Schober führte in die St. Michaelkirche und erhellte den Hintergrund und die Umstände der Ermordung von Pfarrer Josef Grimm und Hauptlehrer Hangl durch eine vorübergehend im Ort stationierte SS-Einheit.

Ermuntert durch eine Radio-Ansage der „Freiheitsaktion Bayern“ entfernte Hangl in aller Herrgottsfrüh die Hakenkreuzfahne vom Kirchturm und hisste die bayerische Fahne.

Rasch wurden er und der Hausherr der Kirche, Pfarrer Grimm, von den SSlern ergriffen und nach Misshandlungen binnen Stunden ermordet. Pfarrer Grimm, wohl um unnötiges Aufsehen zu vermeiden, wurde in dem Wald auf dem Weg nach Irschenberg hingerichtet. Dort steht heute ein Steindenkmal und Holzkreuz am authentischen Ort – was auch der nächste Halte- und Umkehrpunkt der Exkursion war. Beifällig bemerkten die Gewerkschafter die frischen Blumen am Denkmal; sicher ein Zeichen des wertschätzenden Erinnerns innerhalb der Bevölkerung.

Am Ende der Radtour wurde, wieder in Götting, im Schwoagerwirt eingekehrt. Kreisvorsitzender Andreas Salomon dankte Reiner Schober für die detaillierte Informationen und wies auf die Verantwortung gerade von Lehrern und Erziehern hin, das Wissen um solche lokalgeschichtlichen Ereignisse und das ehrende Gedenken daran lebendig zu halten und an die junge Generation weiter zu geben.