Radltour zur Erkundung von Gedenkorten

Bericht über den Radlausflug am 13.7.2013
in den östlichen Landkreis Rosenheim

zur Erkundung von Gedenkorten Text: Lothar Walter

GEW-Radltour: Auf Gedenkorte-Erkundung im östlichen Landkreis

Der Sommerausflug des GEW-Kreisverbands Rosenheim wurde heuer als Radtour zu einigen Gedenkorten im östlichen Landkreis durchgeführt. Das Angenehme verband sich dabei für die Lehrer-Gewerkschafter mit dem Nützlichen: Wurden doch nebenbei auch mögliche Ziele für Klassenfahrten im heimatkundlichen Unterricht erkundet. Entsprechend des schon mehrjährigen Projekts im Kreisverband einer historisch-kritischen Auseinandersetzung mit Faschismus und Krieg besuchten die GEWler diesmal die Orte Haidholzen, Baierbach, Schmidham und Niedernburg. Der relativ junge Ort Haidholzen, Gemeinde Stephanskirchen, war, bevor er Heimat vieler Flüchtlinge und Vertriebener wurde, eine Wehrmachtskaserne und vorübergehend, von Dezember 1944 bis März 1945, ein Außenlager des KZ Dachau. Etwa 250 russische, polnische und französische Häftlinge wurden überwiegend für die Flugzeugmotoren-Fertigung dem NS-Programm „Vernichtung durch Arbeit“ unterworfen. Bei der Evakuierung des Lagers kam es zu einigen Toten unter den KZ-Häftlingen. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen im Gemeinderat hat die Gemeinde 1996 einen Gedenkstein an den Torsäulen zum Eingang des ehemaligen Kasernen- bzw. Lagergeländes errichtet. Diese begrüßenswerte Initiative ist allerdings im Wortsinne erblasst: Für die Radtour-Teilnehmer war die Inschrift kaum mehr lesbar und sollte baldmöglichst erneuert werden.

Inschrift: Stephanskirchen erinnert an die Jahre der Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945 und ihre Folgen. Hier befand sich auf dem ehemaligen Flakgelände der Wehrmacht von Dezember 1944 bis März 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau mit 200 bis 250 Häftlingen. Ihr Leid wollen wir nicht vergessen. Nach dem 2. Weltkrieg entstand hier der Ort Haidholzen. Er wurde Heimat für über 2000 Vertriebene.

Nächste Station der geschichtsinteressierten GEW-Mitglieder war Baierbach. Auf dem Friedhof der Dorfkirche St. Magdalena gibt es ein anonymes Grab, bekannt als „Russengrab“, der eben erwähnten KZ-Toten. Hier ist eine ansprechende Gedenktafel angebracht.

Nun ging es etwas beschwerlicher hügelan zum dritten Zielpunkt, dem Gedenkstein auf der Höhe im Hochwald über Schmidham, Gemeinde Riedering. Hier mussten wenige Tage vor Kriegsende acht Soldaten sterben, weil sie dem mörderischen Befehl Folge leisteten, anrückende Panzer der US-Armee mit MG unter Beschuss zu nehmen. Dreißig Jahre nach diesem Ereignis wurde ein Gedenkstein errichtet. Die Gewerkschafter konnten sich aber nicht für die Inschrift begeistern, nach der sie einen Heldentod gestorben seien. War es fehlender Mut oder blinder Gehorsam, einem verbrecherischen Befehl zu folgen oder waren es fanatische Nazis, die noch an den Endsieg glaubten? Selbst der örtliche Veteranenverein hat auf einer Gedenkfeier aus Anlass des 60-jährigen Kriegsendes von einem sinnlosen Tod gesprochen. Die Schrifttafel auf dem Gedenkstein enthält nur die Namen und Herkunftsorte der Gefallenen. Die Teilnehmer an der GEW-Radtour fänden es angebracht, wenn der schwer zugängliche Gedenkort besser erschlossen würde, eine Stellwand mit Hinweisen zum Hergang und zu den Personen errichtet und der Text dem heutigen Verständnis entsprechend geändert würde. Dann wäre er auch für Schulklassen interessant, um an Ort und Stelle z. B. über Krieg und Frieden und Gehorsam und Widerstand nachzudenken – heimatkundlicher Unterricht gepaart mit Friedenserziehung.

Um die letzte Station zu erreichen, war eine längere Strecke zurückzulegen. In Niedernburg, Gemeinde Prutting, wohnte die jüdische Familie Block, die hier eine Gärtnerei betrieb, bis sie nach einer Phase der zunehmenden Entrechtung und Ausgrenzung im Konzentrationslager ermordet wurde. Deren Tochter Elisabeth ist durch ihre Tagebücher bekannt geworden. Die Sackstraße gegenüber ihrem ehemaligen Wohnhaus ist die Elisabeth-Block-Straße. Die Lehrergruppe monierte, dass es an Ort und Stelle keinen Hinweis auf diese Zusammenhänge gibt und daher eine Eignung als Gedenkort noch nicht erfüllt ist. Das Schicksal der jüdischen Familie verdiente es, angemessen gewürdigt zu werden, z. B. mit einer Informationstafel. Zum Abschluss der GEW-Radtour verwies Kreisvorsitzender Andreas Salomon auf die Wichtigkeit solcher sinnlich erfahrbarer Gedenkorte, die bei entsprechender informativer und kritischer Gestaltung Zielorte für Schulklassen im heimatkundlichen Unterricht sein könnten.

Bilder aus dem Kreisverband

Andreas Salomon auf Bildungsreise

Elserdenkmal in Königsbronn
Andreas will auch mal Pfarrer sein
Radlparkplatz
Mit Sandalen und Aktenmappe ins Hochgebirge:
Andreas und Wolfgang in Oberaudorf
Wolfgang hat sich zum ersten Mal in seinem Leben die Bild gekauft.
Er liest nicht nur Bild, er trinkt auch Duce-Grappa
Abends in Flossenbürg
Schläfer, nach anstrengendem Programm
Bleibst, wo’s hi g’erst?
Der Zug ist auf der Heimfahrt wegen der Wiesen-Besucher restlos überfüllt
Andreas will es so haben (Barlach-Ausstellung)
Grabpflege
an der Friedhofsmauer
Mid’n Huat bist guat
Da müssen wir aussteigen.
Andreas erkundet die Stollen
„Ich will hier rein!“
Auf den Bus kannst du lange warten
GEW-Treffen beim Bardentreffen in Nürnberg
Helmut nach der Radltour auf dem Irschenberg
Andreas ist stolz, mit einer Veranstaltung ins Kuko zu kommen
Geburtstagsfeier bei Anita
Geburtstagsfeier bei Anita
Helmut erklärt den Gruppen-IQ

Radltour nach Götting

3. GEW Radltour am 16.7.2005 von Kolbermoor nach Götting Thema: Widerstand gegen
das NS-Regime in der Provinz Leitung: Reiner SchoberPressemitteilung von Lothar Walter
vom 09.08.2005 (erschienen 22.8.2005 im OVB) Bilder: Helmut Pritschet

Radtour in die Zeitgeschichte nach Götting

Zu einer zeitgeschichtlichen Exkursion per Fahrrad lud der Kreisverband der Rosenheimer GEW. Vom Treffpunkt Kolbermoor radelten die Teilnehmer entlang der Mangfall nach Götting. Der Ort war Schauplatz einer Gräueltat des Nazi-Regimes kurz vor Kriegsende. Kreisvorstandsmitglied Reiner Schober führte in die St. Michaelkirche und erhellte den Hintergrund und die Umstände der Ermordung von Pfarrer Josef Grimm und Hauptlehrer Hangl durch eine vorübergehend im Ort stationierte SS-Einheit.

Ermuntert durch eine Radio-Ansage der „Freiheitsaktion Bayern“ entfernte Hangl in aller Herrgottsfrüh die Hakenkreuzfahne vom Kirchturm und hisste die bayerische Fahne.

Rasch wurden er und der Hausherr der Kirche, Pfarrer Grimm, von den SSlern ergriffen und nach Misshandlungen binnen Stunden ermordet. Pfarrer Grimm, wohl um unnötiges Aufsehen zu vermeiden, wurde in dem Wald auf dem Weg nach Irschenberg hingerichtet. Dort steht heute ein Steindenkmal und Holzkreuz am authentischen Ort – was auch der nächste Halte- und Umkehrpunkt der Exkursion war. Beifällig bemerkten die Gewerkschafter die frischen Blumen am Denkmal; sicher ein Zeichen des wertschätzenden Erinnerns innerhalb der Bevölkerung.

Am Ende der Radtour wurde, wieder in Götting, im Schwoagerwirt eingekehrt. Kreisvorsitzender Andreas Salomon dankte Reiner Schober für die detaillierte Informationen und wies auf die Verantwortung gerade von Lehrern und Erziehern hin, das Wissen um solche lokalgeschichtlichen Ereignisse und das ehrende Gedenken daran lebendig zu halten und an die junge Generation weiter zu geben.