Meinungsaustausch zum Thema Sitzenbleiben

Leserbrief Andreas Salomon 2.3.2013

Sitzenbleiben abschaffen!

Über dem Eingang einer finnischen Schule fanden Besucher den Satz: „Kein Kind darf verloren gehen.“ In unserem nordischen Nachbarland gibt es kein Sitzenbleiben mehr und die PISA-Sieger fahren sehr gut damit. Auch in Deutschland reift zunehmend die Einsicht, das Sitzenbleiben abzuschaffen.

Der Leistungsabfall eines Schülers – oft in der Pubertät – hat in aller Regel erkennbare Ursachen. Frühzeitig muss in jedem Einzelfall Klärung erfolgen und frühzeitige Hilfe organisiert werden. Eltern, Lehrer und auch die Schüler selbst sind gefragt zu handeln. Meist sind es ja nur wenige Fächer, in denen Probleme auftreten. In Finnland wird den betroffenen Schülern in Kleingruppen kostenlose Nachhilfe angeboten. Manchmal lockern sich aber Lernblockaden schon, wenn häusliche Probleme, die die Kinder belasten, eine Lösung erfahren oder durch persönliche Zuwendung der Lehrkräfte begehbare Wege gefunden werden. In Einzelfällen kann auch ärztliche Hilfe sinnvoll sein bzw, die Unterstützung durch Psychologen und Therapeuten. Schüler sitzenbleiben zu lassen ist eine pädagogische Bankrotterklärung. Diese Maßnahme ist Ausdruck des Unvermögens, dem betroffenen Kind rechtzeitig geholfen zu haben. Allein schon die Gefahr des Sitzenbleibens am Ende des Schuljahres produziert unnötige Ängste, die den Leistungsabfall noch verstärken. Zu Hause gibt es bei jeder neuen schlechten Note dann auch noch Zank und Streit, Strafen werden verhängt und unbeschadet davon nimmt die drohende Katastrophe ihren Lauf, ja nimmt durch den Stress zu Hause erst richtig an Fahrt auf.

Schüler sitzenbleiben zu lassen ist eine teure disziplinarische bildungspolitische Maßnahme des Staates, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Pädagogisch sinnvoll ist diese Vorgehensweise nicht und human schon gar nicht. Das bayerische Schulsystem ist auf Aussortierung und Abstieg programmiert, auch wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird. Sinnvoll wäre es aber, niemanden zurückzulassen, niemanden zu demütigen und zu kränken und keinen zu zwingen, ein Jahr wiederholen zu müssen.

Antwort von Helmut Pritschet

Es ist immer das Gleiche: Es gilt, die eigene Ideologie durchzusetzten, da setzt man Scheuklappen auf, um von Gegenargumenten nicht verunsichert zu werden, da verwendet man in der Argumentation absolute Formulierungen wie „alle“ , „keiner“, „muss“ oder „darf nicht“, da werden mit einer falschen Logik Schlüsse gezogen, da verschweigt man Alternativen und Folgen werden einfach ignoriert. Auf die gleiche Weise wird der Einsatz für die Gesamtschule zu einem fundamentalistischen Gesamtschulismus.

Wie unseriös Gesamtschulbefürworter gegen jegliche Erkenntnistheorie verstoßen, möchte ich hier an einem häufig zitierten Beispiel zeigen:

Wenn zwei Kennzeichen A und B korrelieren

  1. kann A eine Folge von B sein.
  2. Es kann aber auch umgekehrt B eine Folge von A sein.
  3. Beide können aber auch völlig unabhängig voneinander sein.
  4. Oder beide sind von einem dritten Faktor C abhängig.

Welcher Zusammenhang besteht nucn zwischen Gesamtschulen in Skandinavien und den Pisa-Ergebnissen?

  1. Die Pisa-Ergebnisse sind in den skandinavischen Ländern, in denen es Gesamtschulen gibt, gut ausgefallen. Die GEW zieht mit dem Slogan „Von den Siegern lernen“ den Schluss, dass die Gesamtschulen Ursachen für die guten Pisa-Ergebnisse sind. Wäre dies der Fall, könnte man mit dem gleichen Recht mit dem Schlagwort „Von den Verlierern abschrecken lassen“ gegen die Gesamtschulen argumentieren, immerhin sind Berlin und NRW mit ihren Gesamtschulen im unteren Bereich der Tabelle zu finden.
  2. Nicht selten berichten Skandinavien-Reisende begeistert von der menschenfreundlichen Atmosphäre in diesen Ländern. Gäbe es diesen Menschenschlag bei uns öfter, würde es den Reisenden nicht auffallen. Man könnte folglich auch zu dem Schluss kommen, dass sich Finnland und Schweden wegen ihrer motivierten Schüler Gesamtschulen leisten kann.
  3. Für die schlechten Pisa-Ergebnisse in Deutschland spielt es sicher auch eine Rolle, dass viele unserer unmotivierten Kinder nur durch Notendruck zu besonderen Leistungen zu bewegen sind. Fehlt der Notendruck oder die Sorge vor dem Durchfallen, tun die Kinder nichts.
  4. Pisa-Sieger sind Länder wie Kanada, Australien oder Skandinavien. Das sind alles Länder mit einer geringen Bevölkerungsdichte. Auch innerhalb Deutschlands schneiden Länder mit einer geringen Bevölkerungsdichte besser ab. Eigentlich schaut es doch so aus, als sei nicht das Schulsystem für die Pisa-Ergebnisse verantwortlich, sondern ganz andere Faktoren wie die Bevölkerungsdichte. Lehrer aus dem Bayerischen Wald wissen zu berichten, dass menschenleere Waldgebiete beruhigend aufs Gemüt und den Unterricht wirken. Eine Enge wie in unseren Ballungsgebieten führt nicht nur bei Ratten zur Aggressivität. Mir wurde von Münchner Großbetrieben berichtet, die wegen der mangelnden Motivation keine Azubis aus der Stadt, sondern nur noch aus der Region nehmen. Finnland würde mit jedem Schulsystem gut abschneiden und in Ballungsgebieten helfen nicht einmal Gesamtschulen.

Beim Thema Sitzenbleiben wird ähnlich schludrig argumentiert:

„Kein Kind darf verloren gehen“, zitiert Salomon finnische Pädagogik. Klar, beim Klassenausflug darf keiner verloren gehen. Was ist aber zu tun, damit keiner verloren geht?

  • Man teilt die Kinder in Leistungsklassen, damit jeder in seinem ihm angemessenem Tempo marschieren kann. Beim Sport, bei Kursen aller Art, werden die Teilnehmer in möglichst homogene Gruppen aufgeteilt, damit man jedem gerecht werden kann. Da fühlt sich keiner beschämt, wenn er in der C-Klasse Fußball spielt. Nur der Gesamtschulismus verpönt diese Maßnahme als „Trennung von Spreu und Weizen“. Selbst Gesamtschulen trennen in Leistungsgruppen, der eine lernt Integralrechnung, der andere bleibt bei der Prozentrechnung stecken. Im Berufsleben geht es weiter, der eine bekommt eine attraktive Lehrstelle, der andere nicht, der eine macht Mikro-, der andere Kartoffel-Chips. In Berlin und Hamburg, wo die von der GEW propagierte Gesamtschule die Regelschule ist, wird tatsächlich die Spreu vom Weizen getrennt, dort schicken die Besserverdiener, denen an einer guten Schulbildung liegt, ihre Kinder auf private Gymnasien. Dies ist umso mehr verwunderlich, als es ein Anliegen der GEW ist, dass nicht nur die Kinder der Reichen eine gute Schulbildung bekommen.
  • Damit keiner verloren geht, bestimmt der Langsamste das Tempo. Dann geht aber das Potential der Schnellsten verloren. Ist es wirklich in unserem Sinne, Schüler, die beim Lernfortschritt mit dem ICE fahren können, in die Bimmelbahn zu setzen?
  • Die dritte Möglichkeit, niemanden zurück zu lassen, besteht darin, den langsamen Schülern zu helfen. Und hier zeigt sich die Unredlichkeit der Salomonschen Argumentation, er weiß zwar, dass das Sitzenbleiben teuer ist, erwähnt aber nicht, dass die von ihm vorgeschlagenen Hilfen wesentlich mehr kosten, besonders dann, wenn sie wie in Finnland, für die Eltern kostenlos sind.

Salomons Leserbrief suggeriert, dass das Sitzbleiben die Schüler demütigt und die Schule versagt hat. Er verschweigt, dass es für viele Kinder eine Chance zum Neuanfang bedeutet und dass viele Schüler Hilfen gar nicht annehmen wollen. Mit dem Begriff „demütigen“ kann man ja sehr gut Propaganda für einen -ismus machen.

Das Problem liegt meines Erachtens ganz wo anders: Lehrer mit längeren Berufserfahrung berichten übereinstimmend, dass sie Schulaufgaben, die sie vor vielen Jahren geschrieben haben, heute nicht mehr gehalten werden können, weil sie zu schlecht ausfallen würden. Und dies nicht, weil die Schüler dümmer würden, sondern weil die Leistungsbereitschaft sinkt. Dafür steigt sie Erwartungshaltung an die Schule. Viele Schüler wollen sich nicht anstrengen, aber Alles auf dem Silbertablett serviert bekommen. Die letzte Motivation mehr zu lernen, ist für Viele das Bestehen des Klassenziels. Für viele Lehrer ist die drohende Wiederholung der Klasse das letzte Mittel, Disziplin zu halten. Und genau dieses Mittel soll jetzt wegfallen. Und wenn ein Schüler nicht die Noten zum Durchkommen oder zum Übertritt bekommt, zweifeln manche Eltern nicht die Motivation des Kindes an, sondern beauftragen einen Rechtsanwalt, der die Sache richten soll. Ist es tatsächlich im Sinne der GEW, dass deshalb das Sitzenbleiben abgeschafft werden soll, weil man vor denen einknickt, die sich einen Rechtsanwalt leisten können?

Mir ist ein Fall einer Schule bekannt, in der das Sitzenbleiben nicht offiziell aber de facto abgeschafft wurde. Unterricht mit dem Ziel eines mittleren oder höheren Abschlusses ist dort nicht mehr möglich. Kein Wunder, dass das durchschnittliche Verfallsdatum der Lehrer weit unter 60 Jahren liegt. Dabei frage ich mich, wer die Lehrer in so einer Situation unterstützt, die GEW offenbar nicht, der geht es offenbar nur um die Würde der Schüler. Lieber sendet man das falsche Signal, indem man im Fall des Sitzenbleibens vom „Unvermögen“ der Schule spricht.

Die Kinder sollen nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen. Und so erscheint es mir zweifelhaft, ob man die Kinder wirklich aufs Berufsleben vorbereitet, wenn ihnen der Eindruck vermittelt wird, dass sie immer wieder aufgefangen werden. Es gibt schon genügend junge Leute, die bei den geringsten Problemen ihre Berufsausbildung abbrechen, weil sie an der Schule nicht ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz erworben haben.

Es ist klar, dass man mit der Forderung, das Sitzenbleiben abzuschaffen, die Zustimmung vieler Eltern erreicht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es einer mittleren Katastrophe gleich kommt, wenn sich abzeichnet, dass das Kind wiederholen muss. Die Schüler selbst sehen das anders, ein Großteil spricht sich für das Sitzenbleiben aus, wahrscheinlich weil sie wissen, dass sie ohne Druck nicht lernen würden und weil ihnen nicht geholfen ist, wenn ihnen alle Hürden aus dem Weg geräumt werden. Befürworter der Abschaffens, Otto Herz, meint dazu: „Nur die allerdümmsten Kälber, wählen ihre Metzger selber.“ Die Frage muss gestattet sein, was das für ein Pädagoge ist, der 80% der Schüler mit den allerdümmsten Kälbern vergleicht.

Was will man als Nächstes abschaffen, damit keiner beschämt oder gedemütigt wird? Noten? Abschlussprüfungen? Soll die Zukunft etwa so aussehen: Diejenigen, die für die Arbeitswelt geeignet sind, erwirtschaften das Bruttosozialprodukt und der Rest bleibt bis zur Promotion in der Ausbildung, um dann schließlich Reformpädagoge zu werden.

Lernerfolg

Rezension des Buches Remo H.Largo, „Wer bestimmt den Lernerfolg:“ Kind, Schule, Gesellschaft?“

Beltz Verlag, Weinheim 2013

„Das Beste, was einem Individuum passieren kann, ist, dass es sich so, wie es in seinem Wesen angelegt ist, verwirklichen darf.“ Die Einzigartigkeit eines jeden Kindes müsse gesehen werden, sagt der Arzt und Anwalt der Kinder Remo H. Largo und klagt damit die Schulen an, die dieser Individualität nicht gerecht würden.

Die Erkenntnisse des ehemaligen Züricher Professors für Kinderheilkunde beruhen auf langjährigen Forschungen als Leiter der „Züricher Longitudinalstudie“, bei der seit den 1970er Jahren inzwischen über 800 Kinder bis ins Erwachsenenalter beobachtet wurden. Der Autor der bekannten Bücher “ Babyjahre“, „Kinderjahre“ und „Jugendjahre“ geht in seinem neuen Buch der Frage nach, welche Faktoren für den Lernerfolg eines Kindes verantwortlich sind. So könne man z. B. Kindern nichts beibringen, wenn sie in ihrer persönlichen Entwicklung einfach noch nicht reif dafür seien, denn Lernen bedeute immer, an etwas Bekanntes anzuknüpfen. Kinder seien nicht zu belehren und auf das Erreichen von Standards zu reduzieren, sondern sie benötigten einen Rahmen, in dem sie selbständig lernen könnten. Lemgo kritisiert den Druck und die Gleichmacherei der Schulen, wobei die Individualität und Vielgestaltigkeit der menschlichen Natur vernachlässigt werde. Dies habe bereits Wilhelm von Humboldt vor 200 Jahren erkannt. Heute beherrschten aber immer noch praxisferne Schulreformen, zu volle Lehrpläne und ein Übermaß an bürokratischen Vorgaben den Alltag, während es doch die eigentliche Aufgabe der Bildungsministerien sei, „nachzufragen, zu unterstützen und Ressourcen bereitzustellen.“ Statt Bevormundung müssten wie in den skandinavischen Ländern Autonomie und Selbstverantwortung in den Schulen Einzug halten.

Unter Bezugnahme auf die Hattie-Studie, die zwar viele „Unschärfen“ aufweise, setzt Lemgo auf sehr kompetente und hochmotivierte Lehrer, die auch schwache Schüler zu guten Leistungen führen könnten. Der Unterricht müsse dabei auf den individuellen Schüler hin orientiert sein.

So weit so gut. Ob allerdings die äußeren Rahmenbedingungen wirklich derart zu vernachlässigen seien, wie es Hattie meint, muss doch in Zweifel gezogen werden. Hier übernimmt Largo die Ansichten Hatties recht unbedacht und glaubt wie dieser, Lehrer könnten die reinsten Supermenschen sein und alle gesellschaftlichen Probleme, die in die Schule hineingetragen werden, im Handstreich lösen.

Dies überrascht, da Largo eigentlich sehr deutlich sieht, wie groß die Unterschiede zwischen den Schülern sind, wofür er zurecht die gesellschaftlichen Bedingungen und unterschiedliche Anlagen und Lernerfahrungen verantwortlich macht sowie unterschiedliche außerschulische und vor allem vorschulische Erfahrungen.

So kritisiert er folgerichtig das mehrgliedrige Schulsystem, das bleibende Benachteiligung produziere. Chancengleichheit müsse gewährleistet sein, dass jedes Kind die Möglichkeit bekomme, sein individuelles Entwicklungspotential zu verwirklichen. Selektion und starre Bildungsstandards würden nicht mehr in die Welt von heute passen. Lernmotivation sei durch eigenes Handeln des Kindes zu wecken. Nachhaltiges Lernen beruhe auf eigenständigen Erfahrungen.

Von Chancengerechtigkeit sei man, so Largo, in Deutschland aber noch weit entfernt. Die soziale Herkunft eines Kindes spiele nach wie vor eine entscheidende Rolle. So werde die Einführung breit angelegter und wirksamer familienergänzender Tagesstrukturen (Kindertagesstätten, Ganztagsschulen) immer noch hinausgezögert und so bliebe die Schule eine „nacherzieherische Nothilfestation“. Folglich plädiert Largo für eine „grundlegende Erneuerung der Schule“, die auf jedes Kind mit seinen individuellen Eigenheiten eingehen und die Gesetzmäßigkeiten der kindlichen Entwicklung achten müsse.

Der Autor des schmalen, gut lesbaren Buches redet nie lange um den heißen Brei herum, sondern redet gleich Tacheles. Die Verbindung ärztlicher Beobachtungen mit pädagogischen Erkenntnissen führt zu überzeugenden Ergebnissen. So ist es kein Zufall, dass das Buch als Flugschrift vom Archiv der Zukunft herausgegeben wird und mit einem längeren Gespräch zwischen dem Autor und Reinhard Kahl, dem bekannten Schulzukunftsforscher, endet. Auf die Frage Kahls, worin der Vorteil des Verschiedenseins der Kinder bestehe, äußert Largo: „Jeder leistet mit seinen Stärken in der Gemeinschaft seinen Beitrag. Gerade weil wir unterschiedlich sind, entsteht eine produktive Gemeinschaft.“

Eröffnungsrede Mai 2011

Eröffnungsbeitrag zur Demonstration und Kundgebung am 1. Mai 2011 in Rosenheim von Andreas Salomon

Liebe Kolleginnen und Kollegen, Personal- und Betriebsräte, Vertreter aus der Politik und dem öffentlichen Leben, liebe Schüler und Studenten, Freunde von attac, der Infogruppe und der Aktion Bildungsstreik, der Friedengruppen und aller Menschen, die für die sofortige Abschaltung der todbringenden Atomkraftwerke eintreten, am 1. Mai in Rosenheim kann uns niemand trennen, am 1. Mai in Rosenheim demonstrieren wir gemeinsam für unsere Ziele, die darin gipfeln, dass wir in einer demokratischen Gesellschaft leben wollen, die frei ist von Profitgier und Unterdrückung, frei von Rassismus und Intoleranz und frei von Entfremdung und Fremdbestimmung.

Millionen von Menschen gehen heute auf der ganzen Welt auf die Straße. Sie kämpfen gegen Diktatoren, die sie ihrer Menschenrechte berauben und sie in Gefängnissen der Folter unterziehen und sie kämpfen für Demokratie und für ein freies und selbstbestimmtes Leben.

Die Demonstrationen und Kundgebungen am 1. Mai haben eine lange Tradition und gehen zurück auf den 1. Mai 1886,als in den USA 400.000 Menschen aus mehr als 11.000 Betrieben dem Aufruf der 8-Stunden-Bewegung zum Generalstreik folgten. Allein in Chicago legten an diesem Tag 40.000 die Arbeit nieder. Es kam zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei, die ohne Warnung die Arbeiter mit Schlagstöcken und Revolvern angriff. In den folgenden Wochen eskalierte die Gewalt und schließlich wurden acht Anarchisten und Aktivisten der 8-Stunden-Bewegung wegen „Verschwörung“ und „Beihilfe zum Mord“ angeklagt, obwohl bekannt war, dass die Polizei selbst anarchistische Vereinigungen gegründet und mit Waffen und Bomben ausgestattet hatte. Am 11. November wurden die Angeklagten trotz weltweiter Proteste hingerichtet.

Drei Jahre später am 14.Juli 1889, also genau 100 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille, wurde in Paris ein internationaler Arbeiterkongress eröffnet, auf dem die II. Internationale begründet und in Erinnerung an die Auseinandersetzungen in Chicago der 1. Mai als Tag der Internationalen Arbeiter-bewegung festgelegt wurde.

Im Rosenheimer DGB-Kreisvorstand haben wir uns entschieden, ins Zentrum der heutigen Demonstration die Bildungspolitik zu stellen. Denn Bildung ist die Voraussetzung für ein aufgeklärtes, selbstbestimmtes Leben und die Voraussetzung, in dieser Hochleistungsgesellschaft überhaupt bestehen zu können. Und Bildung ist auch die Voraussetzung, um die gesellschaftlichen Zusammenhänge des kapitalistischen Gesellschaftssystems verstehen und in dieses System politisch eingreifen zu können.

Wir wollen, dass niemand von Bildung ausgeschlossen wird. Jeder muss ein Recht auf eine umfassende Bildung haben, niemand darf zurückgelassen werden. In Deutschland leben 4 Millionen Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Und jedes Jahr verlassen 65.000 junge Menschen die Schule ohne einen Abschluss. Und noch immer haben 1.5 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren keine abgeschlossene Ausbildung.v Wie gering die bayerische Regierung Bildung schätzt, wird daran deutlich, wie die Kindergärten, öffentlichen Schulen und Universitäten unterfinanziert werden. Immer wieder wird der Sparstift angesetzt. Überfüllte Klassen besonders an den Realschulen und Gymnasien und ständiger Unterrichtsausfall sind die Regel, während gleichzeitig hunderte von ausgebildeten Lehrern nicht eingestellt werden. In Bayern wurden dieses Jahr allein bei den Grundschullehrerinnen, die erfolgreich ihre Ausbildung abgeschlossen hatten, nur 30 % übernommen. Während die Schüler unter immer stärkerem Leistungsdruck leiden, werden die Aufgaben der Lehrer immer umfangreicher. Die Quote der Lehrer, die die Schule krank macht und die frühzeitig aufhören müssen, wächst und wächst, während gleichzeitig die Arbeitsdauer bis zum 67. Lebensjahr ausgedehnt wurde. Aber auch die Schüler und Studenten müssen sich immer häufiger in ärztliche Behandlung begeben und sich Therapien unterziehen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft lehnt ein derartiges Schulsystem strikt ab. Wir wollen keine dreigliedrige Schule, bei der nach der 4. Klasse die Schüler aussortiert und dabei viele um ihre Bildungschancen gebracht werden. Die bayerische Regierung will diese Auslese, will Eliten züchten und die angebliche Spreu vom Weizen trennen. Wir halten dem entgegen. Lasst alle Kinder bis zur 10. Klasse zusammen! Wir wollen Eine Schule für alle. Wir wollen niemand von Bildung ausschließen. Dies gilt auch ganz besonders in Bezug auf die Schüler, die aus anderen Ländern zu uns kommen und bei dem bestehenden Schulsystem immer den Kürzeren ziehen. Und noch immer ist Bayern Schlusslicht in Deutschland, was den Zusammenhang von Bildung und sozialer Herkunft anbelangt. Wer nicht aus einem Akademikerhaushalt kommt, dem ist meist auch geringerer Schulerfolg beschieden. Das ist ein Skandal, der nur durch eine Änderung des Schulsystems behoben werden kann. Deshalb fordern wir: Eine Schule für alle und sagen: Die Kinder müssen sich nicht nach der Schule richten, sondern die Schule muss sich nach den Kindern richten.

Fortschrittliche Pädagogen in der GEW fordern, dass das Sitzenbleiben abgeschafft wird und kritisieren die Willkür der Notengebung. Schulen dürfen nicht zu Steigbügelhaltern der Wirtschaft degradiert werden, sondern müssen darauf ausgerichtet sein, jedem jungen Menschen ein Optimum an Bildung zu vermitteln, mit dem er dann sein eigenes Leben organisieren kann.

In Bezug auf die Hochschulen und besonders den Doppeljahrgang 2011 fordern wir die unverzügliche Schaffung der im Koalitionsvertrag vereinbarten 10.000 Studienplätze und langfristig den nachhaltigen und bedarfsgerechten Ausbau von Studienplätzen. Statt Zugangsbeschränkungen und finanziellen Hürden muss ein freier und kostenloser Zugang zu Bildung die Hochschullandschaft bestimmen und auch die finanziellen Mittel für die Hochschulen sind deutlich aufzustocken.

Kolleginnen und Kollegen, wir werden uns mit diesem Bidlungssystem nicht zufrieden geben. Beginnen wir unsere Demonstration mit den Forderungen: Mehr Geld für die Bildung, für ein Bildungssystem, das an den Interessen der Bevölkerung ausgerichtet ist!

Leserbriefe 09

Andreas Salomon, Kreisvorsitzender, Kolbermoor

7.9.2009

Sitzenbleiben abschaffen!

In keinem anderen Industrieland der Welt bleiben so viele Schüler sitzen wie in Deutschland und innerhalb von Deutschland ist ausgerechnet Bayern mit 3,6 % aller Schüler absoluter Spitzenreiter, also das Bundesland, das sich immer am lautesten seiner vorbildlichen Bildungspolitik rühmt. 250.000 Schüler müssen in Deutschland jährlich wiederholen, ca. jeder Dritte muss insgesamt mindestens ein Jahr länger die Schulbank drücken.

Dabei ist Wissenschaftlern und vielen Lehrern längst klar, dass das Drehen der sogenannten „Ehrenrunde“ eine Maßnahme ist, die noch aus der pädagogischen Mottenkiste mitgeschleppt wird, und deren weitere Beibehaltung eher als Akt der Hilflosigkeit zu verstehen ist. Zudem werden dadurch in Bayern jedes Jahr 270 Millionen Euro in den Sand gesetzt, die zur Verkleinerung der Klassen und zur Einstellung von mehr Lehrern deutlich besser angelegt wären.

Jeder vernünftige Mensch fragt sich doch, welchen Sinn es macht, den gesamten Jahrgangsstoff zu wiederholen, wenn nur in zwei Fächern das Leistungsziel nicht erreicht wurde. Zudem ließ sich vielfach beobachten, dass Wiederholer meist derartig enttäuscht und frustriert sind, sich herabgesetzt und gedemütigt fühlen, dass ihnen nun auch die letzte Motivation fehlt, sich intensiver zu bemühen. Der Verlust von Freunden der alten Klasse, erheblicher Stress mit den Eltern, die Schwierigkeiten, in der neuen Klasse sich einzuleben wirken eher bremsend statt aktivierend. Und Verhaltensprobleme tun oft noch ein Übriges, weil Sitzenbleiber die Schande des Wiederholens nicht selten durch besonders häufige Verstöße gegen Ordnungsprinzipien zu überspielen versuchen.

Fördernd ist in der Regel nicht der Tadel, nicht das Herabstufen, das Zurücklassen, sondern die Ermutigung, die Zuwendung, das Mitnehmen. Es ist doch völlig lebensfremd, von den unterschiedlichsten Schülern zu erwarten, dass sie alle bei unterschiedlichstem Entwicklungsstand, unterschiedlichsten Elternhäusern und unterschiedlichsten Schulen und Lehrern immer in der gleichen Zeit das Gleiche leisten.

An die Stelle des Sitzenbleibens muss die frühzeitige individuelle kostenlose Förderung durch die Schulen treten. In Finnland rückt bei Leistungsabfall sofort die Schlechte-Schüler-Feuerwehr aus. Sitzenbleiben gibt es im PISA-Spitzenland nicht.

Im Zentrum aller pädagogischer Überlegungen muss immer der Schüler stehen und die Frage, wie ihm am besten zu helfen ist. Jeden rechtzeitig zu fördern und niemanden zurücklassen muss die Devise sein.

Andreas Salomon, Kreisvorsitzender, Kolbermoor Antwort auf einen Leserbrief zum historischen Rundgang

Unrühmliche Tradition des Chiemgaubundes

Der Autor Werner Krämer hält es für angemessen anlässlich der bayerischen Revolution vor 90 Jahren ausführlich die mehr als zweifelhafte Tradition des Chiemgaubundes in Erinnerung zu rufen. Dabei lässt er sich, um ein möglichst positives Bild zu zeichnen, von jeder Menge stereotyper Vorurteile leiten, die er ergänzt durch Geschichtsverfälschungen in Form von Falschbehauptungen und Weglassungen.

Stolz wird berichtet, dass die Samerberger Gebirgsschützen sich auf den Pfaden des Chiemgaubundes bewegen würden und die Verpflichtung eingegangen seien, „die Tradition der Freischärler von 1919 aufrecht zu erhalten.“ Dass die Freicorps bei der Zerschlagung der bayerischen Räterepublik sich durch besondere Brutalität und Grausamkeit auszeichneten, findet leider keine Erwähnung.

Hingegen wird behauptet, der Rosenheimer Volksratsvorsitzende Guido Kopp habe vor Ort eine „Schreckensherrschaft“ ausgeübt. Worin diese bestanden haben soll, erfährt man aber leider nicht. Richtig ist vielmehr, dass die Räte in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg sich in aufopferungsvoller Weise um die Versorgung der Stadt gekümmert haben, dabei allerdings den Großkopferten erheblich auf die Finger sahen.

Weiterhin ist bezüglich Kolbermoor zu lesen, diese Stadt habe neben anderen Städten „unter den politischen Wirren der damaligen Zeit am meisten zu leiden gehabt“. Richtig ist, wie umfassenden Studien von mir („Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn“) ergeben haben, dass der demokratisch gewählte Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann und seine Mitstreiter sehr erfolgreich dem Leiden der Bevölkerung nach dem Krieg entgegengewirkt haben, indem sie sich für eine gerechte Lebensmittelzuteilung einsetzten, Schleichhandel und Wucherpreise unterbanden, Arbeitsplätze schufen und sich um das Gesundheitswesen kümmerten. Immer wieder taucht auch das Märchen auf, dass „bewaffnete Spartakisten und Kommunisten“ den Bürgermeister in Kolbermoor abgesetzt hätten. Im Protokollbuch der Räte ist nachzulesen, dass am 22. Februar eine außerordentliche Sitzung des Volksrates (der keineswegs nur von Kommunisten besetzt war) stattgefunden habe, auf der man Bürgermeister Bergmann den Rücktritt nahegelegt habe.

Dann ist in besagtem Artikel über Rosenheim zu lesen, „eine der ersten Handlungen der Rätediktatur unter Kurt Eisner war es, Rosenheims Oberbürgermeister Hofrat Josef Wüst regelrecht in die „Wüste“ zu schicken.“ Eisner war aber längst tot, als dies geschah. Richtig ist, dass der Volksrat in Rosenheim bereits am 8. November 1918 auf einer Versammlung von mehreren tausend Menschen auf der Loretowiese gegründet wurde, während Wüst erst 4 Monate später, nämlich einen Tag nach der Ermordung von Eisner (21.2.1919) zum Rücktritt aufgefordert wurde.

Besonders wichtig scheint Werner Krämer weiterhin die „Tradition“ des Chiemgaubundes zu sein, ohne sich aber darauf näher einzulassen. Generell ist nämlich unbestritten, dass die etwa 400.000 Mitglieder der 120 namentlich nachweisbaren Freicorps vor allem antirevolutionäre und antidemokratische Ansichten vertraten und „durch Erschießungen wesentlich zur Eskalation der Gewalt beigetragen“ haben (Miesbeck, Bürgertum und Nationalsozialismus in Rosenheim, S. 125).

Aus den Freicorps und damit auch dem Freicorps Chiemgau gingen seit 17. Mai 1919 die paramilitärischen Verbände der Einwohnerwehren hervor, so auch das „Wehrkommando Chiemgau“. Bei Miesbeck, S.127 ist nachzulesen: „Den Ruf als ebenso zuverlässige wie brutale Einheit erwarb sich der „Chiemgau“ mit dem Einsatz gegen Hof.“ Rund 700 Mann des „Chiemgau“ nahmen an der Expedition 1920 nach Hof teil, um den dortigen provisorischen Vollzugsrat, den USPD, MSPD und KPD gebildet hatten, zu stürzen. Zwar wurde Hof kampflos übergeben, „aber die Chiemgauer kamen bei den „Säuberungsaktionen“ in Hof und Umgebung „auf ihre Kosten, indem sie mutmaßliche Rädelsführer verhafteten und gründlich verprügelten“ Der Gauhauptmann Kanzler sprach von „heiteren Zwischenfällen“.

Als festgestellt wurde, dass sich auch Juden in den Reihen der Einwohnerwehr Chiemgau befanden, drängte man sie hinaus: „Protest! Wir Unterzeichneten, Mitglieder der Einwohnerwehr Rosenheim, verlangen, daß die Wehr sich nur aus deutschrassigen Mitgliedern zusammensetzt und erwarten daher das Ausscheiden der jüdischen Rase aus dem Verband. Sollte dies nicht freiwillig erfolgen, so lehnen wir innerhalb der Wehr weitere Kameradschaft mit der jüdischen Rasse ab und verweigern ihr jede persönliche Unterstützung und jeden kameradschaftlichen Schutz“ (Kögl, „Revolutionskämpfe“, S.281).

Am 27. Juni 1921 wurden die Einwohnerwehren verboten. Die Rosenheim führten aber den „Bund Chiemgau“ einfach fort, der schon 1923 eine „Arbeitsgemeinschaft Rosenheim“ mit den Nationalsozialisten einging. Als die Nazis die „Heimatschutzverbände“ auflösten, ging der Bund Chiemgau zu den Nazis über: Am 11. März 1933 wurde folgendes Telegramm an General Franz Ritter von Epp gesandt: „Der Bund Chiemgau steht nach einstimmigem Beschluß der Führerversammlung geschlossen hinter der nationalen Regierung im Reich und in Bayern, bittet um Eingliederung in die nationale Gesamtbewegung und um umgehende Mitteilung, wann Abordnung dieserhalb bei Genral von Epp vorsprechen kann.“ (Kögl, S. 289)

Die Samerberger Gebirgsschützen möchten also diese Tradition fortsetzen und sprechen dabei von „Frieden in Freiheit“. Welch ein Hohn!

Hat der Autor Werner Krämer mit Absicht diese Fakten fortgelassen oder war es nur schlampige Recherche?

Leserbriefe

Andreas Salomon, Kreisvorsitzender, Kolbermoor

Alfons Döser – „schmutzige Gesinnung“

Das „Oberbayerische Volksblatt veröffentlichte kürzlich einen ausführlichen Nachruf auf Maria Bergmann, die sich als „Stimme der Behinderten“ in Rosenheim einen ausgezeichneten Namen gemacht hatte. Es wird zurecht darauf verwiesen, dass das Schicksal „es nicht immer gut“ mit ihr meinte. Weiter heißt es: „Als Kind musste sie erleben, wie ihr Vater im KZ Dachau inhaftiert wurde.“ Und: „Der Zeitungsverleger baute sich später eine neue Existenz in der Gastronomie auf.“

Offen bleibt die Frage, warum ihr Vater Heinrich Bergmann seine Zeitung „Wendelstein“ nicht weiterführen konnte, als er aus dem KZ kam und was für eine Zeitung das überhaupt war. Dazu muss man wissen, dass Bergmann mit seinen Publikationen, vornehmlich einem katholischen Zeitungsblock zur Abwehr des Nationalsozialismus, einer der schärfsten Kritiker der Nazis war. Wegen „staatsfeindlicher Umtriebe“ landete er schließlich in Dachau, wo er in einer Strafkompanie bis zur Erschöpfung arbeiten musste.

Als er endlich freikam, war sein Verlag in große wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht worden und die NSDAP bemüht, ihn vollends zu zerschlagen. Bergmann sah sich immer stärkerem politischen Druck ausgesetzt und wollte an auswärtige Interessenten für 100.000 Reichsmark verkaufen. Da trat das NSDAP-Mitglied Alfons Döser in Erscheinung (NSDAP-Mitgliedsnummer: 4007128, Parteieintritt am 1.5.1937) und drückte den Preis immer weiter bis auf 1.000 Reichsmark. Bergmann, so sein Anwalt, lag damals mittellos mit seiner fünfköpfigen Familie auf der Straße und nahm deshalb notgedrungen diese Summe an. „Auf diese Weise“, so Bergmanns Anwalt Dr. Schülein 1948, „hatte man den Antragsteller auf billige Weise aus der Firma, seinem Lebenswerk, ausgebootet, dem er 23 Jahre gedient hatte.“

Im Spruchkammerurteil vom 17. September 1949 (Registratur-Nummer 759/49) wird Alfons Döser als „Belasteter“ eingestuft. Er wird an 300 Tagen zu Sonderarbeiten herangezogen, muss Wiedergutmachung leisten, wird für unfähig erklärt ein öffentliches Amt zu bekleiden und vieles mehr. In der Begründung heißt es: „Der Betroffene ist beschuldigt auf Kosten eines politisch Verfolgten unmittelbar oder mittelbar, insbesondere im Zusammenhang mit einem Zwangsverkauf …, übermäßige Vorteile für sich erlangt oder angestrebt zu haben.“ Die Spruchkammer spricht von „einer schmutzigen Gesinnung“.

Leserbriefe 2007

Andreas Salomon Kreisvorsitzender, Kolbermoor am 30.6.2007 im OVB

Die Zukunft lautet: „Eine Schule für alle“

Der Ansturm auf die Gymnasien wird im nächsten Schuljahr größer sein als erwartet, berichten die Medien. Auf den ersten Blick sicher eine gute Nachricht, denn in keinem Bundesland machen so wenig Schüler eines Jahrgangs Abitur wie in Bayern. Aber leider wird gleich mitgeteilt, dass keineswegs mehr Gelder für die Bildung freigemacht werden, um entsprechend mehr Lehrkräfte einzustellen. So wird es vielerorts zu gigantischen Klassenstärken von über 30 Schülern kommen, wo es einfach nicht mehr möglich ist, jedem einzelnen Kind gerecht zu werden. Und auch die Belastung der Lehrer wird damit noch weiter steigen. Außerdem seien alle die Probleme in Erinnerung gerufen, die mit der übereilten, wenig durchdachten Einführung des G 8 verbunden sind. So ist schon jetzt vorauszusehen, dass viele Schulkinder diesem immensen Druck nicht gewachsen sein und bald wieder nach unten durchgereicht werden.

Sehen sollte man aber auch, dass der starke Zug zu den Gymnasien natürlich im Umgekehrschluss heißt, dass es ganz offensichtlich einen immer größeren Drang weg von den Hauptschulen gibt. Die vielfältigen Maßnahmen der bayerischen Regierung, das Image dieser „Rest“-Schulen aufzubessern, kommen bei der Bevölkerung nicht an. Es ist schlicht und einfach für jeden sichtbar, dass Hauptschüler sich bei der Lehrstellensuche ganz besonders schwer tun. Die Reform der Hauptschule wird deren Akzeptanz langfristig nicht verbessern.

Es ist davon auszugehen, dass die Dreigliedrigkeit des bayerischen Schulwesens auf die Dauer nicht zu halten ist. Verschiedene Schulleistungsstudien haben bewiesen, dass das integrative System der Grundschule (alle Kinder noch beieinander) dem selektiven System der Sekundarstufe I deutlich überlegen ist. Die Trennung der Kinder nach der 4. Klasse begrenzt nicht nur die Leistungsfähigkeit vieler Schüler, sondern zeigt leider auch, dass Kinder aus bildungsferneren Schichten eine um siebenmal geringere Chance zu einer gymnasialen Schullaufbahn haben.

Die Zukunft wird darin bestehen, alle Schüler bis zum mittleren Bildungsabschluss zusammenzulassen. Die Länder, die sich längst vom überholten Begabungsbegriff gelöst haben und „Eine Schule für alle“ anbieten, belegten bei der Pisa-Studie alle vordere Plätze. Deutschland mit seinem dreigliedrigen System war bekanntlich weit abgeschlagen.

Dass diese Erkenntnisse nicht ganz neu sind, beweist die Aussage des großen Pädagogen des 17. Jahrhunderts Johann Comenius: „….man solle die langsamen unter die Geschwinden, die Schwerfälligen unter die Wendigen, die Hartnäckigen unter die Folgsamen mischen. Wenn der Lehrer einen Begabteren entdeckt, so soll er ihm zwei oder drei Langsamere zum Belehren anvertrauen.“

Andreas Salomon Kreisvorsitzender, Kolbermoor

Klimakatastrophe kommt nicht überraschend

Aus den Medien könnte man den Eindruck gewinnen, wie eine biblische Plage habe uns plötzlich die Klimakatastrophe heimgesucht. Dabei sind alle wesentlichen Fakten nicht erst seit Jahren, sondern bereits seit Jahrzehnten bekannt gewesen und alle entsprechenden Warnungen von Wissenschaftlern immer und immer wiederholt worden.

Nun werden „massive Veränderungen auf allen Kontinenten“ (SZ) beobachtet und es wird konstatiert, dass der Wandel „schon“ da sei. Der Mangfall-Bote informiert uns, dass laut eines UN-Berichtes „der Klimawandel nicht mehr zu stoppen“ sei. Der bayerische Umweltminister Schnappauf empfiehlt, es sei nun viel zu tun, wir müssten uns aber „auch an die unvermeidlichen Klimafolgen anpassen“.

Darin sind wir ja geübt. Im Anpassen sind wir absolute Profis. Längst leben wir mit dem schleichenden Waldsterben, den Überschwemmungskatastrophen unserer Flüsse, der Gefahr heimischer Atomreaktoren, der Verstrahlung durch Tschernobyl und vielem, vielem mehr. Stets warten wir, bis die von Menschen verursachten Katastrophen da sind, um dann ein großes Jammergeschrei anzustimmen, dass damit nicht zu rechnen gewesen sei.

Ist die Frage erlaubt, warum wir uns eigentlich immer im Nachhinein anpassen sollen, statt es gar nicht erst so weit kommen zu lassen? Politiker, die wirklich die Interessen ihres Volkes vertreten, hätten doch die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, jegliche Gefahr rechtzeitig vom Volke abzuwenden, so schwören sie es zumindest bei ihrer Vereidigung. Wieder einmal wird sichtbar, dass die meisten Politiker eher geneigt sind, die Interessen der Wirtschaft zu vertreten als die der Bevölkerung.

Hätte man vor 30 Jahren die Warnungen der Wissenschaftler vor überhöhtem CO2-Ausstoß beim Kraftwerksbau und in der Autoindustrie beherzigt, hätten die Politiker der Industrie damals klare Vorgaben auferlegt, wären ihre vollmundigen Worte heute nicht nötig. Erst die Verseuchung der Umwelt zuzulassen und sich dann als Retter aufzuspielen, wirkt irgendwie lächerlich, zumal wenn man dann noch mit einer dicken Staatskarosse daherkommt.

Nun ist viel Zeit verloren und es bleibt zu hoffen, dass zumindest jetzt von Seiten der Verantwortlichen das Nötige geschieht – und dass die Zeit noch reicht.

Aber wir müssen uns auch an die eigene Nase fassen. Wäre es nicht begrüßenswert, wenn der Mangfall-Bote in einer kleinen Serie Maßnahmen vorstellt, die jeder Privatbürger ergreifen könnte?

Mein bescheidener Tipp des Tages lautet z.B. häufiger das Auto durch das Fahrrad zu ersetzen. Nur 9 % aller Strecken legen die Deutschen per Rad zurück, im Schnitt magere 300 Kilometer im Jahr. Das ließe sich, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, ganz erheblich steigern.

Wie lautet ihr Tipp des Tages angesichts der Klimakatastrophe?

Andreas Salomon Kreisvorsitzender, Kolbermoor erschienen am 3.2.07 im OVB

Milde Strafe für Peter Hartz – großer Schaden für die Demokratie

Die bereits im Vorfeld abgesprochene „Verurteilung“ des Peter Hartz kommt einem Freispruch gleich und wird, wie man an den Reaktionen ablesen kann, von der Bevölkerung auch so empfunden.

Niemand hätte aber wohl auch ernsthaft damit gerechnet, dass einer der „Oberen“ eine gerechte Strafe bekommt und tatsächlich in den Bau einfahren muss und vielleicht mit anderen Kriminellen in einer Viererzelle einige Jahre abbrummen muss. „Die Kleinen hängt man und die Großen lässt man laufen“, ist leider kein Vorurteil, sondern eine immer wieder gewonnene Erfahrung und trägt ganz erheblich zur viel beklagten Politikverdrossenheit der Bevölkerung bei. 25.700 Euro Rente darf Hartz nun monatlich einstreichen, wie einer großen Gazette zu entnehmen war und sich in Freiheit seines Lebens freuen, während Tausende andere als Hartz (!)-4- Empfängern täglich schauen müssen, dass sie über die Runden kommen.

Der Schaden, den Peter Hartz angerichtet hat, ist überhaupt nicht abzusehen. Bei der Bestechung eines Betriebsratsvorsitzenden geht es um viel mehr, als jemanden mit viel Geld und in diesem Fall auch noch zusätzlich mit unmoralischen Offerten, auf seine Seite zu bringen. Jemandem seine Meinung abzukaufen, ihn durch gigantische Geldsummen zu Fall zu bringen ist nur die vordergründige Seite des verwerflichen Handeln. Viel schlimmer ist dies, wenn man genau weiß, dass man hiermit jemanden zum Betrüger an seinen Wählern macht, also an den VW-Arbeitern, die den Betriebsratsvorsitzenden Volkerts im Vertrauen gewählt haben, dass er konsequent ihre Interessen vertritt.

Aber am schlimmsten ist der Schaden, den die Demokratie nimmt. Jemanden korrumpieren heißt wörtlich (lat. corrumpere), ihn vernichten, ihn verderben. Und in der Tat ist in diesem Fall mit Erfolg ein Stück lebendiger Demokratie vernichtet worden. Im Paragraph 119 des Betriebsverfassungsgesetzes wird gezielt jede Begünstigung oder Benachteiligung des Betriebsrates unter schwere Strafe gestellt. Dies gilt z.B. bereits, wenn jemand daran gehindert wird, während der Arbeitsszeit die Sprechstunde seines Betriebsrates aufzusuchen. Wird aber ein Betriebsratsvorsitzender mit Geld auf die Gegenseite gezogen, wird dadurch de facto der gesamte Betriebsrat als Institution ausgehebelt.

Peter Hartz offenbart hiermit, was er von demokratischer Mitbestimmung hält – nämlich gar nichts. Und zeigt gleichzeitig, wie man sich ihrer entledigen sollte, nämlich auf kriminelle Weise. Wenn so jemand dann mit einer Bewährungsstrafe und einer für seine Verhältnisse lächerlichen Geldsumme davonkommt, offenbart auch die Justiz ihr wahres Gesicht.

Übrigens ein Jugendlicher aus unserem Landkreis, der im Alkoholrausch eine Pylone (Hütchen zur Absperrung bei Baustellen), die nicht mehr benutzt wurde, mitnahm, musste wegen Diebstahls 16 Sozialstunden in einem Jugendzentrum ableisten.

Leserbriefe 06

Andreas Salomon Kreisvorsitzender, Kolbermoor 24.11.2006 erschienen 1.12.06 im OVB

Mobbing an Schulen

Im Zusammenhang mit dem Amoklauf eines Jugendlichen an einer Schule in Emsdetten war ein Interview mit der angeblichen Mobbing-Expertin Mechthild Schäfer zu lesen. Während sie zunächst durchaus sachkundig den Folgen von Mobbing für die Opfer nachspürt und deutlich macht, in welch hohem Maße Ängste und ein Gefühl von Wertlosigkeit entstehen können, äußert sie sich dann absolut unqualifiziert über die Rolle der Lehrer. Der Interviewer fragt sie allerdings bereits in unzulässiger Weise grob verallgemeinernd: „Warum werden Mobbing-Opfer von den Lehrern im Stich gelassen?“ Anstatt diese Frage als schlichtweg falsch zurückzuweisen und zu korrigieren, antwortet sie: „Die Lehrer fühlen sich nicht kompetent.“ Sie seien dafür nicht ausgebildet, auch werde darüber im Lehrerkollegium nicht gesprochen, obwohl man die täglichen Grenzüberschreitungen deutlich sehen könne.

Diese Behauptungen möchte ich als Kreisvorsitzender eines Lehrerverbandes mit aller Entschiedenheit zurückweisen, sind sie doch nichts weiter als die übliche Lehrerschelte und der Klärung des Sachverhaltes in keiner Weise dienlich.

Diese Behauptungen möchte ich als Kreisvorsitzender eines Lehrerverbandes mit aller Entschiedenheit zurückweisen, sind sie doch nichts weiter als die übliche Lehrerschelte und der Klärung des Sachverhaltes in keiner Weise dienlich.

Zwar läuft Mobbing weitgehend außerhalb des Unterrichts ab, wir Lehrkräfte erleben aber oft die Spannung zwischen Schülern, die mit in die Stunden hineingenommen wird und manchmal sogar dort zu herabwürdigenden Aktionen führt. Ein Lehrer, der hier wegschauen würde, wäre aus unterschiedlichen Gründen ganz schlecht beraten und wird deswegen auch agieren. Zum einen weiß er um seine Verantwortung den Schülern gegenüber und ist in aller Regel in hohem Maße daran interessiert, dass jeder unbeschadet bleibt, zum anderen ist auch ein wirkungsvolles Unterrichten bei einem Mobbingfall in der Klasse kaum möglich.

So ist es selbstverständlich, dass ein ganzes Bündel pädagogischer Maßnahmen zum Einsatz kommt. In zahlreichen Gesprächen mit der Klasse, dem Betroffenen, den Eltern und natürlich im Lehrerzimmer mit den Kollegen wird eine Ursachenanalyse betrieben und Maßnahmen ergriffen, um das Mobbing so schnell wie möglich abzustellen. Zusätzlich werden Mediatoren eingeschaltet und falls vorhanden Sozialpädagogen oder der Schulpsychologe.

Wenn man dann in der Zeitung lesen muss, die Lehrer würden die Mobbing-Opfer im Stich lassen und sich nicht um sie kümmern, ist dies nur ein weiteres Zeichen dafür, dass wieder einmal ein ganzer Berufsstand durch die Medien in Misskredit gebracht wird.

Wie wäre es, wenn die Organe der öffentlichen Meinungsbildung in größerem Maße der Frage auf den Grund gingen, warum manche Schüler anderen so zusetzen und zu klären versuchten, welche gesellschaftlichen Bedingungen hier ursächlich sind.

Leserbriefe

Andreas Salomon 11.6.2013:

Leserbrief zur Bekanntgabe des Kultusministeriums in Bezug auf die Lehrereinstellung

Keine Einsparung bei den Lehrerstellen! Der Rosenheimer Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wendet sich entschieden gegen die neuerlichen Sparmaßnahmen des bayerischen Kultusministeriums. Mehr als 600 erfolgreich ausgebildete junge Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer, die dringend an den Schulen gebraucht werden, lässt das Ministerium auf der Straße stehen. Dabei sind sogar Bewerber, die mit „sehr gut“ abgeschlossen haben. Weiterhin werden 832 Planstellen für Lehrerinnen und Lehrer in Folge des Schülerrückgangs gestrichen. Hier trifft es vor allem die Grund- und Mittelschullehrer. Aber gerade diese Junglehrerinnen und Junglehrer werden an den Schulen dringend gebraucht. Nur mit ihrer Hilfe kann der Unterrichtsausfall abgebaut werden. Nur mit mehr Lehrern lässt sich der Unterricht individualisieren, kann also jedem Kind gezielt geholfen werden. Geeignete Fördermaßnahmen darüber hinaus für schwache Schüler sind ebenfalls dringend erforderlich. Auch gute Ganztagsschulen haben einen hohen Lehrerbedarf. Und wie soll der steigende Bedarf bei der Sprachförderung ausländischer Schüler gedeckt werden? Und besonders wichtig ist die Verpflichtung der Staatsregierung zu realisieren, ein inklusives Schulsystem aufzubauen. Das geht nur mit deutlich mehr Lehrern, als bisher eingestellt sind. Die Entscheidungen des Kultusministeriums gehen an den gesellschaftlichen Notwendigkeiten vorbei und müssen dringend revidiert werden.

Flüchtlinge – Verdammte dieser Erde

Weltweit sind Millionen von Menschen auf der Flucht. Hunger und Elend und ein Leben ohne Zukunft bestimmen ihr Dasein. Schreckliche Kriege bedrohen ihr Leben und entziehen ihnen die letzten Lebensgrundlagen. Und jetzt kommen zunehmend die Auswirkungen der Klimakatastrophe dazu. Ganze Landstriche werden unbewohnbar und die Naturkatastrophen nehmen deutlich an Heftigkeit zu, wie jetzt auf den Philippinen sichtbar wurde. Aber vor allem ist es die weltweite Globalisierung, die an Ressourcen und Märkten z.B. des afrikanischen Kontinents Interesse hat, nicht aber an den Menschen. Der relative Reichtum der Industrieländer beruht auf der Ausbeutung der unterentwickelt gehaltenen Länder. Und jetzt machen sich immer mehr Flüchtlinge auf den Weg in ein besseres Leben. Ihre letzte Hoffnung ist die lebensgefährliche Flucht z.B. nach Europa. Tausende ertrinken dabei unbemerkt. Stürzt ein Flugzeug mit Europäern ab, ist die Aufmerksamkeit der Medien groß. Aber der ständige Tod im Meer gerät nur in die Schlagzeilen, wenn einmal mehrere Hundert ertrinken. Hilflosigkeit und das Schüren von Ängsten sind die Konzepte unserer Politiker. Bayerns Innenminister fordert „ein hartes Vorgehen der Behörden“. Die Mühldorfer Justizvollzugs- anstalt wird zum Abschiebeknast. Selbst von den Kirchen ist kein Aufschrei zu vernehmen. Was sind wir für Menschen? Bringen wir unseren Kindern nicht bei, Menschen in Not zu helfen? Lernen wir nicht, dass Menschen Brüder und Schwestern sind? Was ich sehe, ist nackter Egoismus. Wir feiern mit den Kindern den Martinstag, aber unseren eigenen Mantel zu teilen, sind wir nicht bereit. Wir sind die Kinder unserer Gesellschaft, in der das Haben mehr zählt als das Sein, in der der eine auf Kosten des anderen lebt. Wir sind Heuchler, wenn wir unsere Hände in Unschuld waschen, denn auch wir profitieren von der Armut der anderen. Und vor allem – wir dulden, dass alles so ist, wie es ist. Und Weihnachten beten wir für die Hungernden. Wenn wir die globalen Zusammenhänge nicht reflektieren, nicht verstehen, warum immer mehr Menschen auf der Welt auf die Straßen gehen und immer mehr aus ihrer Heimat flüchten müssen und wenn wir nicht bereit sind, über nötige gesellschaftliche Veränderungen nachzudenken, dann bleibt uns wirklich nur noch, Europa zur Festung auszubauen, Todesstreifen zu ziehen und Flüchtlingsboote zu bombardieren. Aber auch das wird nur kurzfristig helfen.

Überschwemmungen durch Hochwasser müssten nicht sein!

Verzweiflung und Angst stehen vielen der vom Hochwasser Betroffenen ins Gesicht geschrieben. Alle Habe verloren, ein Lebenswerk zerstört, oft nur das nackte Leben gerettet und eine ungewisse Zukunft vor sich. Das wirft die Frage nach den Ursachen auf und damit die Frage, ob in einem hochtechnisierten, vergleichsweise reichen Industrieland derartige Überschwemmungen durch Hochwasser unvermeidlich sind. Die Auswirkungen der vom Menschen verursachten Klimaerwärmung sind seit mindestens zwei Jahrzehnten bekannt und die verantwortlichen Politiker wissen ganz genau, dass nicht nur eine Zunahme von Naturkatastrophen damit verbunden ist, sondern auch eine erhebliche Intensivierung dieser. Das lässt sich seit langem weltweit beobachten und wurde auch in Deutschland nur zu deutlich in den letzten Jahren spürbar. Was nun Überschwemmungen in Deutschland anbelangt, so erleben wir sie in immer kürzeren Abständen mit immer höheren Pegelständen. Die Regenwasser fallen auf versiegelte Böden, können kaum noch von Auwäldern aufgesogen werden, da diese weitgehend längst vernichtet sind, finden nicht genügend Auffangbecken vor und müssen in begradigten Flussläufen durch viel zu eng bebaute Gebiete fließen. Die für den Hochwasserschutz verantwortlichen Politiker haben kläglich versagt. Sie haben den Ernst der Lage nicht rechtzeitig erkannt oder wahrhaben wollen, ließen wertvolle Zeit verstreichen und geplante Maßnahmen nach der großen Flut von 2002 im Dschungel ihrer Bürokratie versacken. Die Jahrhundertflut habe man ja bereits hinter sich, scheinen manche gedacht zu haben. Jetzt Mitgefühl und Betroffenheit zu äußern, mag ehrlich gemeint sein, wirkt aber angesichts dieser Fakten wenig überzeugend und wird von vielen sicher als Heuchelei wahrgenommen. Es ist das alte Lied, dass immer erst eine Katastrophe geschehen muss, bis effektiv gehandelt wird. Wir brauchen aber nicht nur sehr schnell einen wirksamen Hochwasserschutz, sondern auch eine völlig andere, eine alternative Energiepolitik, die zu einer drastischen Reduktion der Freisetzung von Kohlendioxid führt. Sonst werden die Folgen der Klimaerwärmung nicht mehr beherrschbar sein.

Sitzenbleiben abschaffen!

Über dem Eingang einer finnischen Schule fanden Besucher den Satz: „Kein Kind darf verloren gehen.“ In unserem nordischen Nachbarland gibt es kein Sitzenbleiben mehr und die PISA-Sieger fahren sehr gut damit. Auch in Deutschland reift zunehmend die Einsicht, das Sitzenbleiben abzuschaffen. Der Leistungsabfall eines Schülers – oft in der Pubertät – hat in aller Regel erkennbare Ursachen. Frühzeitig muss in jedem Einzelfall Klärung erfolgen und frühzeitige Hilfe organisiert werden. Eltern, Lehrer und auch die Schüler selbst sind gefragt zu handeln. Meist sind es ja nur wenige Fächer, in denen Probleme auftreten. In Finnland wird den betroffenen Schülern in Kleingruppen kostenlose Nachhilfe angeboten. Manchmal lockern sich aber Lernblockaden schon, wenn häusliche Probleme, die die Kinder belasten, eine Lösung erfahren oder durch persönliche Zuwendung der Lehrkräfte begehbare Wege gefunden werden. In Einzelfällen kann auch ärztliche Hilfe sinnvoll sein bzw, die Unterstützung durch Psychologen und Therapeuten. Schüler sitzenbleiben zu lassen ist eine pädagogische Bankrotterklärung. Diese Maßnahme ist Ausdruck des Unvermögens, dem betroffenen Kind rechtzeitig geholfen zu haben. Allein schon die Gefahr des Sitzenbleibens am Ende des Schuljahres produziert unnötige Ängste, die den Leistungsabfall noch verstärken. Zu Hause gibt es bei jeder neuen schlechten Note dann auch noch Zank und Streit, Strafen werden verhängt und unbeschadet davon nimmt die drohende Katastrophe ihren Lauf, ja nimmt durch den Stress zu Hause erst richtig an Fahrt auf. Schüler sitzenbleiben zu lassen ist eine teure disziplinarische bildungspolitische Maßnahme des Staates, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Pädagogisch sinnvoll ist diese Vorgehensweise nicht und human schon gar nicht. Das bayerische Schulsystem ist auf Aussortierung und Abstieg programmiert, auch wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird. Sinnvoll wäre es aber, niemanden zurückzulassen, niemanden zu demütigen und zu kränken und keinen zu zwingen, ein Jahr wiederholen zu müssen.

Andreas Salomon 12.1.13:

Elisabeth – Block – Schule

Zurecht mahnt der Artikel über die jüdische Familie Block an, die Erinnerung an deren Schicksal wachzuhalten. Die Verfasserin legt den Akzent auf die gute Integration der Blocks in Niedernburg und unterstreicht, dass sie dank der Unterstützung durch Mitbürger ein „den Umständen entsprechend beschauliches Leben führen konnten.“ Ob dem wirklich so war, ist heute kaum noch nachzuprüfen, zumal die Zeitzeugen verstorben sind. Die „Umstände“, von denen gesprochen wird, machen es allerdings unvorstellbar, hier noch von „Beschaulichkeit“ zu sprechen. Auch wenn Lisi in ihren Tagebüchern die schrecklichen Beschränkungen der Juden meist nur am Rande aufblitzen lässt, muss doch festgehalten werden, wie das Leben der Blocks immer mehr eingeengt wurde, bis es schließlich zur Deportation und Vernichtung kam. Am 3. 12 1938 wurden den Juden die Führerscheine und Kraftfahrzeuge weggenommen. Am 16.2.1939 wurde die bevorstehende Zwangssterilisation von Friedrich Block (Lisis Vater) mitgeteilt. Kurz darauf, am 31.5.1939 musste die Familie Block ihr Haus zum lächerlichen Preis von 10.000 Reichsmark verkaufen. Mit dem damit verbundenen Zwangsverkauf ihrer Gärtnerei wurde der Familie zugleich die Existenzgrundlage entzogen. Noch im gleichen Jahr, ab November 1939 erhielten Juden keine Reichskleidermarken mehr und am 19. des Monats schreibt Lisi in ihr Tagebuch: „Ich und auch Trudi und Arno dürfen nicht mehr zur Schule gehen.“ Ab dem 27. Mai 1940 musste der 50-jährige Friedrich Block dann harte Zwangsarbeit beim Gleisbau in Kempten verrichten, bei der er sich ein Rheumaleiden zuzog. Ein Jahr später, am 2. Mai 1941 begann für Elisabeth und ihre Schwester die Zwangsarbeit in der Landwirtschaft. Ein halbes Jahr später, ab dem 15. September 1941 mussten alle Juden den gelben Stern tragen und durften ihren Wohnort nicht mehr ohne Polizeierlaubnis verlassen. Lisi schreibt dazu in ihrem Tagebuch: „Leider können wir nun gar nicht mehr fortfahren und in unseren geliebten Bergen wandern.“ Und über den Zwang zum Tragen des Judensterns schreibt sie: „Welche Gehässigkeit und Boshaftigkeit!“. Und kurz darauf, am 19. Oktober 1941 äußert Lisi deutliche Ängste vor einer bevorstehenden Deportation der Eltern. Was wäre, wenn sie von der Arbeit nach Hause käme und „ein leeres Haus anträfe“. Im März 1942 wurde die Familie schließlich tatsächlich abgeholt und in das Lager Piaski verbracht. Die 19 -jährige Lisi Block wurde mit ihrer Familie so wie 9000 anderen Juden aus Bayern ermordet. Am 23. Februar dieses Jahres hätte Lisi Block ihren 90. Geburtstag feiern dürfen. Dieses Datum sollte zum Anlass genommen werden, um auf ganz besondere Weise ihres schrecklichen Schicksals zu gedenken. Ich möchte den Gedanken von Prof. Treml aufgreifen, den er im letzten November bei der Übergabe der Tagebücher an das Rosenheimer Stadtarchiv äußerte, nämlich die Rosenheimer Städtische Mädchenrealschule in Elisabeth-Block-Schule umzubenennen. Damit würde die Stadt Rosenheim ein deutliches Zeichen setzen. Durch kaum eine andere Maßnahme könnte die Erinnerung an Elisabeth Block, die diese Schule in der Nazizeit nicht mehr besuchen durfte, mehr am Leben gehalten werden. Ich bin mir sicher, dass diese Umbenennung breite Unterstützung erfahren würde.

Andreas Salomon 2.11.2012:

Studiengebühren endlich abschaffen!

wer in die Bildung investiert, investiert in die Zukunft. Wer dies unterlässt, sollte sich nicht beklagen, wenn es später an qualifizierten Mitarbeitern mangelt. Zudem darf das Recht eines jeden Menschen auf umfassende Bildung nicht aus finanziellen Gründen eingeschränkt werden. Studiengebühren von gut 500 Euro pro Semester (Halbjahr), wie es sie in dieser Form nur noch in Bayern und Niedersachsen gibt, hindern manche junge Menschen daran, ein Studium aufzunehmen bzw. es abzuschließen. Schon jetzt arbeiten mehr als zwei Drittel aller Studenten und Studentinnen nebenbei, um ihr Studium und ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können. Die zusätzliche Belastung durch die Studiengebühren drückt dann unsäglich. Die Entscheidung des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes, ein Volksbegehren gegen die Studiengebühren zuzulassen, ist ausgesprochen zu begrüßen. Der Rosenheimer Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wird dieses Volksbegehren unterstützen. Bildung muss gebührenfrei sein, und zwar von Anfang an. Das beginnt schon bei den Kindertagesstätten. Mit einem neuen Steuerkonzept, das auch den Vermögenden einen angemessenen Beitrag abverlangt, sind solche Forderungen auch finanzierbar. Im Grundgesetzt heißt es: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ (Art.14) und in der Bayerischen Verfassung steht: „Eigentum verpflichtet gegenüber der Gesamtheit.“ (Art.158). Ich appelliere an die Verantwortlichen in der Politik, diese Grundsätze zur Richtschnur ihres Handelns zu machen.

Andreas Salomon 3.7.2011:

Schafft die Hauptschule ab!

Die bayerische Regierung und speziell deren Bildungspolitiker beweisen immer wieder außerordentliches Talent, im bundesweiten Bildungszug den letzten Wagen zu besetzen und die rote Laterne zu schwenken. Dabei ist die Gefahr groß, auf irgendeinem Verschiebebahnhof abgehängt zu werden und die Orientierung völlig zu verlieren. Nur Bayern hält noch, und man darf sagen verzweifelt, an der Hauptschule fest und versucht mit immer neuen Etiketten deren miserables Image aufzupolieren. Erst kamen die M-Klassen („Mittlere-Reife-Klassen“), dann die „Hauptschulinitiative“ und schließlich die „Mittelschulen“. Alle diese Maßnahmen, die keine wirklichen Reformen waren, konnten nicht bewirken, dass die Hauptschulen immer mehr ausbluteten und das Vertrauen in diese Schulart wieder anstieg. Den letzten beißen die Hunde, sagt ein bekanntes Sprichwort. Das schwächste der gejagten Tiere, um im Bilde zu bleiben, wird von den Hunden gestellt (und zerrissen). Diese Schicksal erleiden zur Zeit bundesweit die Hauptschulen, soweit es sie überhaupt noch gibt. Und dieses Schicksal erfahren auch die Hauptschüler beim Kampf um die Lehrstellen. Sie haben erfahrungsgemäß die größten Probleme, einen geeigneten Ausbildungsplatz zu finden und das gilt besonders für diejenigen, die keinen Quali schaffen. Wenn davon ausgegangen werden darf, dass ausnahmslos jeder Mensch ein Recht auf umfassende Bildung hat, dann muss man ihm auch die gleichen Chancen einräumen. Es darf keine Auslese nach der 4. Klasse der Grundschule geben, weil jeder Mensch ein unterschiedliches Entwicklungstempo hat. Wenn man hier bereits Schüler der Hauptschule zuweist, bringt man sie um alle Bildungs- und damit späteren Berufschancen. Die Hauptschule ist leider zur Restschule, zur Schule der Übriggebliebenen geworden. Aus jahrzehntelanger Lehrerfahrung weiß ich, dass Schüler oft erst in höheren Jahrgangsstufen ihre wirklichen Potentiale zeigen und deshalb darf man sie nicht frühzeitig trennen, wie es das dreigliedrige Schulsystem leider tut. Daher ist eine Abkehr von einem mehrstufigen Schulsystem das Gebot der Stunde. Alle Schüler sollten bis zur 10. Jahrgangsstufe zusammen unterrichtet werden. In ganz Deutschland hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass mit der Hauptschule kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist. Leider dauert es in Bayern wieder einmal ein paar Jahre länger.

Andreas Salomon 23.1.2011:

Keine Erhöhung des Rentenbeitrages

Als Mitglied des Rosenheimer DGB-Kreisvorstandes muss ich mich doch sehr wundern, dass der DGB-Chef Sommer eine Erhöhung der Rentenbeiträge um 0,6 % fordert und damit sich dafür stark macht, dass die ohnehin durch die Maßnahmen der ehemaligen SPD-Regierung und der jetzigen Koalition schwer gebeutelten Arbeitnehmer noch mehr bluten sollen. Recht hat Sommer natürlich, dass die Rente ab 67 weg muss, denn inzwischen hat sicher jeder gemerkt, dass diese völlig unrealistische Festlegung nur dazu dienen soll, die spätere Rente mächtig zu kürzen, da die meisten Arbeitnehmer bei früherem Renteneintritt mit erheblichen Abschlägen zu rechnen hätten. Aber wie kann man so dreist sein, den einen Griff in den Geldbeutel durch einen anderen ersetzen zu wollen und das dann auch noch als Fortschritt auszugeben. „Das wäre keine Zumutung“, sagt Sommer zu seinem Vorschlag. Doch, Herr Sommer, das ist eine Zumutung und eine noch größere Zumutung ist es, dass als Sie als DGB-Chef einen derartigen Vorschlag unterbreiten. Die Gewerkschaften sind angehalten, sich der Ausplünderung der Arbeiter und Angestellten entgegenzustellen und nicht daran mitzuwirken. Wenn die Rentenkassen gefüllt werden müssen, dann gäbe es doch ganz andere Möglichkeiten. So wäre es doch eher eine Überlegung wert, warum nicht die Selbstständigen endlich wie in Frankreich z.B. längst geschehen, dazu veranlasst werden, auch ihren Beitrag für die Solidargemeinschaft zu leisten, anstatt die Möglichkeit zu haben, sich privat abzusichern. Aber heilige Kühe schlachtet man offensichtlich nicht gern.

Andreas Salomon 19.1.2011

Alle Lehrer einstellen!

Immer wieder ruft die bayerische Bildungspolitik in der Bevölkerung Widerspruch hervorrufen, weil sie stets aufs Neue zeigt, dass sie nicht an den Bedürfnisse der Betroffenen ausgerichtet ist, sondern vom Diktat des Rotstiftes diktiert wird. Der neuerliche Offenbarungseid des Kultusministers Ludwig Spaenle (CSU) betrifft 750 erfolgreich ausgebildete Gymnasiallehrer, von denen „nur etwa jeder zweite Bewerber“ eine Stelle bekommen wird. Derartige Meldungen wiederholen sich alljährlich. Sie zeigen nicht nur die Unfähigkeit einer Planung auch nur über wenige Jahre, sondern erschrecken gleichzeitig, wie leichtfertig mit dem Schicksal junger Akademiker umgesprungen wird, die wesentliche Lebenszeit eingesetzt, viel Geld investiert und noch mehr Hoffnungen in sich getragen haben. Und an den Kopf fasst man sich, wenn man weiß, wie dringend diese jungen Lehrer an den Schulen gebraucht werden. Wir sehen doch die völlig überfüllten Schulklassen der Gymnasien, wir erleben den ständigen Unterrichtsausfall und wir wissen, dass junge, frische, tatendurstige Junglehrer manchen alternden Kollegien und auch der Schülerschaft ausgesprochen gut tun würden. Es kann nicht sein, dass Burnout-Erkrankungen und notwendig gewordene Frühpensionierungen sich häufen, weil keine Entlastung in Sicht ist und andererseits junge Lehrer Taxi fahren müssen. Es sei mir auch erlaubt als Vater zweier studierender Kinder zu sprechen (eines davon Lehramt), was er bedeutet, wenn ich am Ende des Studiums und meines großen finanziellen Einsatzes feststellen müsste, dass alles umsonst gewesen wäre. Und nicht zuletzt ist auch für jeden Steuerzahler der wirtschaftliche Aspekt einer derartigen Politik zu bedenken. Kann ein Land es sich wirklich leisten, hunderte von Abiturienten über viele Jahre hinweg zu Lehrern auszubilden und dann die Leistung nicht in Anspruch zu nehmen? Ein Land, das an Bildung spart, spart an den Möglichkeiten der nächsten Generationen und spart damit an der Gestaltung seiner eigenen Zukunft. Das kann kein Volk seiner Regierung durchgehen lassen!

Andreas Salomon:

„Eine Schule für alle!“

16 Bundesländer mit 16 verschiedenen Schulsystemen, das bedeutet hunderte verschiedene Lehrpläne und tausende unterschiedliche Lehrbücher. Macht das Sinn? Die Kleinstaaterei im deutschen Bildungswesen mahnt an vergangene Zeiten und ignoriert die Entwicklung hin zu einem vereinten Europa. 16 Kultusminister wahren ihre Pfründe und 16 gigantische Verwaltungsapparate verschlingen Millionen von Euro. Kann eine solche Gestaltung des Bildungswesens zukunftsweisend sein? Zunächst erst einmal erschwert sie überall den Kampf um Reformen, um die in allen Bundesländern gekämpft wird. Die gewaltige Zersplitterung lähmt Bewegungs-möglichkeiten und lässt die Bildungssysteme nicht mehr ihren Aufgaben gerecht werden. Das sieht man jetzt in Hamburg, wo ein Elitedenken sich behaupten konnte. Dort feiern die Vertreter eines ständischen Schulsystems vergangener Jahrhunderte ihren Sieg. Sie haben erreicht, dass das traditionelle Gymnasium unangefochten bleibt, indem der Übertritt auf weiterführende Schulen wie gehabt bereits nach der vierten. Klasse zu erfolgen hat. Eine ohnehin privilegierte Schicht grenzt sich also weiterhin nach unten ab und zementiert, dass die Mehrheit der Kinder sich als Verlierer wahrnehmen muss. Was aber in Hamburg Probleme bereitete und dort nur vorläufig vom Tisch sein wird, macht auch in Bayern Sorgen. Der Übertritt nach der vierten Jahrgangsstufe widerspricht allen pädagogischen und psychologischen Erkenntnissen und Erfahrungen. Das Grundschulabitur muss im Interesse aller Betroffenen – Kinder wie Eltern – so schnell wie möglich abgeschafft werden. Das soziale Bildungsgefälle, das Ausdruck extremer Benachteiligung von Kindern aus Nicht-Akademiker-Haushalten ist, darf nicht festgeschrieben werden. Kinder von Immigranten erfahren nicht hinreichend Förderung. Bayern ist nicht mit „heimlichen Schulrevolutionen“ geholfen, die letztlich keine sind, sondern es benötigt eine grundsätzlich neue Weichenstellung, die sich daran orientiert, dass Chancengleichheit herrscht. Und diese ist nur gegeben, wenn für die Dauer der Pflichtschulzeit gemeinsam in einer Schule gelernt wird. Es muss der Mut aufgebracht werden, sich vom herkömmlichen dreigliedrigen Schulsystem des letzten Jahrhunderts endlich zu verabschieden. Es ist schon lange nicht mehr zeitgemäß! Wollte Bayern wirklich bundesweit mit einer fortschrittlichen Bildungspolitik glänzen, dann sollte es diesen Weg beschreiten und außerdem Initiativen starten, dass die Vielstaaterei im Bildungswesen ein Ende findet und die Erkenntnis sich durchsetzt, dass „Eine Schule für alle!“ der schulpolitische Weg der Zukunft sein wird.

Vor kurzem regte Prof. Dr. Klaus Weber eine Gedenktafel für die Kolbermoorer Zwangsarbeiter an. Darauf erschien am 13. März ein Leserbrief, der dies ablehnte. GEW Vorstandsmitglied Andreas Salomon formulierte daraufhin folgenden Leserbrief:

Das Schicksal der Kolbermoorer Zwangsarbeiter nicht vergessen!

Nichts erinnert im Ortsbild Kolbermoors mehr daran, dass hier einmal fast 1000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, ausgemergelt und verachtet unter elenden Verhältnissen leben und arbeiten mussten. Nirgends findet man ein Zeichen, einen Hinweis oder gar eine Gedenktafel. Von der ehemaligen Kolbermoorer Zwangsarbeiterin Pawlina Mironowa konnte ich einiges über ihr damaliges Leben erfahren. 1942 überfiel die SS die sowjetische Stadt Stavropol und verschleppte zahlreiche junge Frauen nach Deutschland. Mit neun weiteren russischen Frauen kam die 19-jährige Pawlina nach Kolbermoor zur Arbeit in der Baumwollspinnerei. Später musste sie unter hohem Zeitdruck in der Gasmaskenfabrik Roeckl täglich 220 Gasmasken fertigten, was nie zu schaffen war. In Baracken an der Mangfall mussten 450 Zwangsarbeiterinnen hausen. Auf einem aus rohen Brettern gearbeiteten Stockbett, so erzählt Frau Gerner, wie sie heute heißt, sei ihr eine Lagerstatt zugewiesen worden. Sie habe sich einen Strohsack als Matratze füllen müssen und zwei dünne Decken bekommen. Im Winter sei es bitterkalt gewesen, da kein Heizmaterial für die Öfen dagewesen sei. Man habe so gefroren, dass man sich zu zweit in ein Bett gelegt habe. Hunger sei ihr ständiger Begleiter gewesen. „Morgens gab es Tee und eine Scheibe Brot, abends einen Teller Steckrübensuppe. Das war alles.“ Für die 450 Frauen standen auch nur zwei Toiletten zur Verfügung. Waschmöglichkeiten waren nicht vorhanden. In der Spinnerei hat man sich in einem großen Kessel schnell das Gesicht und die Hände gewaschen. Als Kleidung trug man ständig das, was man am Leibe gehabt hatte, als man verschleppt wurde. Kontakt zur Kolbermoorer Bevölkerung gab es nicht. „Wir wurden morgens von der Baracke direkt zur Spinnerei geführt und abends wieder zurück.“ 75 – 80 Stunden in der Woche wurde gearbeitet – ohne Lohn natürlich. Das Barackengelände durfte nie verlassen werden, auch am Wochenende nicht. Dieses Kapitel der Zwangsarbeit von fast 1000 Menschen gehört auch mit zu unserer Stadtgeschichte. Was diesen Menschen Schreckliches angetan wurde, lässt sich nicht ungeschehen machen. Aber was möglich und sinnvoll ist, wäre sie zu ehren, indem man im Spinnereigelände eine Gedenktafel errichtet, die erinnert und mahnt, dass so etwas nie wieder geschehen darf.