Freie Schule Glonntal

Pressemitteilung von Lothar Walter über den Besuch der Freien Schule Glonntal

Lehrer-Gewerkschaft auf der Suche nach Alternativen

Besuch der Freien Schule Glonntal

Zehn Lehrerinnen und Lehrer der Bildungsgewerkschaft GEW des Kreisverbands Rosenheim besuchen am unterrichtsfreien Samstag die Freie Schule Glonntal in Piusheim bei Glonn. Schulgründer und Schulleiter Hartmut Lüling fesselt die interessierten Pädagogen mit seinem ambitionierten Vortrag, so dass am Ende der Führung aus den veranschlagten 90 Minuten drei Stunden geworden sind.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat weitergehende bildungsreformerische Vorstellungen, z. B. fordert sie eine Schule für alle ohne Leistungsdruck und Auslese. Die überwiegende Zahl der Mitglieder kennen aus der Praxis die Schwächen und Krankheiten des gegliederten Schulsystems. So ist der Kreisverband Rosenheim seit Jahren auf der Suche nach praktikablen Alternativen und besucht jedes Jahr eine pädagogische Alternative zur staatlichen Schule. Heuer stand nun die Freie Schule Glonntal auf dem Programm.

Schulleiter Hartmut Lüling wies sich in seiner kurzweiligen Einführung als engagierter Pädagoge aus, dessen Lebens- und Berufsweg konsequenterweise in die Gründung seiner Schule mündete. Sie beruhe auf einem erweiterten Waldorf-Konzept und ist staatlich genehmigt. Sie biete einen integrativen und einheitlichen Bildungsgang von der 1. bis zur 12. Klasse an und führe zu Abitur oder mittlere Reife. Eine Auslese auf Grund der Begabungslage oder der vorherigen Leistungen und Verhaltensauffälligkeiten der Schüler/innen finde nicht statt. Erwartet werde aber ein pädagogisches wie finanzielles Engagement der Eltern.

Die Schule wurde vor vier Jahren mit 220 Kindern gegründet, hat derzeit 370 Schüler und 64 Mitarbeiter; auf der Warteliste sind 160 Kinder vorgemerkt. Diese gestiegene Nachfrage spricht für eine erfolgreiche Schulgründung. Ist der Grund des Erfolgs auch in den drei Segelschiffen, vor Elba liegend, zu suchen? Mehrwöchige Segeltörns seien in der Tat, so Lüling, eine tragende Komponente des pädagogischen Konzepts der Schule und hätten nichts mit Dolce Vita zu tun, er erachte sie als einen wesentlichen Baustein der Menschenbildung. Das pädagogische Konzept sieht Schule als „Quelle der Kultur“, sie dürfe nicht den Zwecken der Wirtschaft untergeordnet werden. Es gelte, so Lüling, dem jungen Menschen eine „Berufsgestaltungskompetenz“ mitzugeben in einem angstfreien Schulklima ohne Sitzenbleiben und Notendruck.

Lülings Vortrag enthielt genügend Stichworte, die das Herz jedes Lehrergewerkschafters höher schlagen ließen und die zu einer kritischen Diskussion einluden. Es wurde auch zu Bedenken gegeben, ob es nicht trotz aller hehren pädagogischen Ziele zu einer sozialen Auslese der Schülerschaft komme. Das monatliche Schulgeld beträgt 270 Euro, hinzu kommen Essensgeld und Zusatzkosten für die schulischen Aktivitäten wie z. B. der Segeltörn. Die Schulfamilie sei, so Lüling, eine Solidargemeinschaft, in der jeder das gibt, was er geben kann. Aus finanziellen Gründen sei noch keine Aufnahme eines Schülers gescheitert. Ein anderer finanzieller Aspekt, gerade für Lehrer von Interesse, sei die gleiche Bezahlung.

Nach einem Rundgang durch das leere Schulgebäude und ohne natürlich die Fragen ausdiskutiert zu haben bedankte sich Kreisvorsitzender Andreas Salomon beim Gastgeber für die bereitwillige Auskunft und offene Atmosphäre, die viele interessante Informationen brachte und einen engagierten Meinungsaustausch ermöglichte.

Franziska Gräfin zu Reventlow

Besuch der Ausstellung „Alles möchte ich immer – Franziska Gräfin zu Reventlow 1871 – 1918“ im „Haus der Literatur“ München

Bericht: Lothar Walter

GEW Rosenheim im Münchner „Haus der Literatur“

Zum letztmöglichen Termin vor Ausstellungsende noch eine Führung gebucht – so trafen sich mit Kreisvorsitzenden Andreas Salomon ein gutes Dutzend an Literatur interessierte GEWler Samstag Nachmittag am Rosenheimer Bahnhof. Uns angeschlossen hatten sich drei Damen eines privaten Literaturzirkels aus Stephanskirchen. Im Literaturhaus angekommen erfuhren wir, dass die Ausstellung verlängert wurde.

Zeit war genügend, so dass sich jede/r schon vor Beginn der Führung mit der Ausstellung vertraut machen konnte. Diese ist biografisch ausgerichtet und gliedert sich in die vier Lebensabschnitte bzw. Lebensorte Husum: Kindheit, Lübeck: Jugend, München: Die Bohème als Lebensmodell und Ascona: Rückzug und Tod. Neben Originaldokumenten (z. B. des Buddenbrookhauses in Lübeck und der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel) war die Ausstellung mit audio-visuellen Medien gut ausgestattet: Viele Fotographien, auch Großfotos, Hörstationen und auch ein Film des Bayerischen Rundfunks (15 Minuten) mit dem Sohn der Reventlow (1897 – 1984).

Die einstündige Führung leitete Frau Katrin Wilhelm, eine Germanistik-Doktorandin.

Fanny, so wurde Franziska genannt, wuchs in einer Familie des uralten schleswig-holsteinischen, aber verarmten Adels auf. Nach einer lieblosen Kindheit und einer reglementierten Jugend gelang ihr ein Ausbruch aus den beengenden Verhältnissen: Statt auf eine „gute Partie“ zu warten, ließ sie sich zur Lehrerin ausbilden. Das sollte später für sie zum Vorteil werden, durfte sie so ihr uneheliches Kind allein erziehen und unterrichten; eingedenk ihrer eigenen leidvollen Erfahrungen ersparte sie ihrem Sohn Rolf die Schulzeit.

Freiheit ohne Tabus, Freizügigkeit, Liebschaften – selbstbestimmt, so wollte sie leben. Ihr Milieu fand sie in der Schwabinger Bohème, zu deren Symbolgestalt sie wurde. Der Preis dafür war ein ständiger Existenzkampf, Krankheiten, Prostitution und zeitweilige Depression. Mit dem Rückzug nach Ascona in einer Scheinehe mit einem adligen russischen Trinker fand sie gewisse finanzielle Sicherheit. Ihr Ende kam schnell: Sie starb an den Folgen eines Fahrradunfalls. Malerin wollte sie werden, doch als Schriftstellerin und Kultfigur einer untergegangenen Epoche erlangte Franziska zu Reventlow Berühmtheit. Sie schrieb Skizzen, Romane, lebendige Schilderungen des Münchner Lebens in Schwabing von der Jahrhundertwende bis zum ersten Weltkrieg. Dabei skizzierte sie die Personen ihrer Umgebung in ironisch-kritischer Distanz. Sie hatte auch Kontakt zur Frauenbewegung, z. B. zu Anita Augspurg, lehnte aber deren politische Forderungen nach Gleichheit und Geschlechtergerechtigkeit ab. Sie wollte Frau sein und beanspruchte alle Freiheiten, die sich in ihrer Zeit nur Männer herausnehmen konnten.

Am Ende der einstündigen Führung blieb kaum mehr Zeit für einen vertiefenden individuellen Rundgang. Kreisvorsitzender Salomon drängte zur Eile. Zunächst war aber nicht klar, ob die Rückfahrt am näheren Ost- oder ferneren Hauptbahnhof beginnen sollte. Dank der Unschlüssigkeit wurde schließlich die Zeit zum Ostbahnhof zu knapp, so dass die Gewerkschaftsgruppe doch zum Haupbahnhof fuhr. Da war aber wiederum reichlich Zeit für eine Einkehr ins Cafe. Vier Stunden an einem Samstag Nachmittag ab und bis Bahnhof Rosenheim bei günstigem Gruppentarif für Fahrt, Eintritt und Führung – ein kurzweiliger, geselliger Tag, der allseits zufriedene Gesichter bescherte und nach Wiederholung drängt.

Bericht über den Vortrag von Felix Berth

„Die Verschwendung der Kindheit“ Eine Gemeinschaftsveranstaltung der GEW Rosenheim und der
kritischen Bildungswerkstatt des DGB

Bericht: Lothar Walter


Die Verschwendung der Kindheit – wie Deutschland seinen Wohlstand verliert

Auf Einladung der Kritischen Bildungswerkstatt Rosenheim des DGB sowie des DGB Kreis- und Stadtverbands Rosenheim und der GEW Rosenheim hielt der Journalist und Buchautor Felix Berth einen Vortrag vor gut 20 Zuhörern im Gasthaus Höhensteiger. Berth war ab 2003 Redakteur der Süddeutschen Zeitung im Ressort Innenpolitik mit dem Schwerpunkt Kind und Familie. Seit 2010 ist er im Forschungszentrum Berlin. In Vertretung des Kreisvorsitzenden stellte sein Stellvertreter Reiner Schober in der Begrüßung die Bedeutung dieses bildungspolitischen Themas heraus. Es sei ein Kernbereich der GEW-Politik, sich um ein gedeihliches Aufwachsen der Kinder zu sorgen und hier für förderliche Rahmenbedingungen zu kämpfen. Darüber hinaus verwies er auf die Premiere der ersten Zusammenarbeit von GEW und Bildungswerkstatt und hoffte auf weitere gemeinsame Veranstaltungen.


Berth führte in seinem Vortrag, basierend auf seinem 2011 erschienenen Buch1, rezensiert in DDS Oktober 20112 sowie Leserbrief hierzu vom Kreisvorsitzenden Andreas Salomon in DDS Januar/Februar 20123, „drei Stränge“ zusammen und legte dar, „wo das Buch herkommt“. Erster Anlass war die kritische Sichtung von Experimenten in den USA in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Kindern mit miserablen Startchancen. Die frühkindliche, kom-pensatorische Förderung brachte mehr Chancen für das spätere Berufsleben als bei Kindern ohne frühe Förderung. „Frühe Bildung lohnt sich“, so Felix Berth. Ein zweiter Ausgangspunkt sind verschiedene Aspekte der Kinderarmut, die wie mehrere PISA-Studien zeigten, zu Schul-versagen führen. Dabei sind dies, so der Rückschluss, immer Kinder armer Eltern. Der dritte Input entstand aus Berths aktueller Arbeit im Forschungszentrum Berlin. Als Ergebnis wird bestätigt, dass je schwieriger die Lebensverhältnisse sind, desto früher eine pädagogische Förderung notwendig ist. Diese führt zu Schulerfolg und weiter zu Berufstätigkeit, was Arbeitslosigkeit, staatliche Hilfen, Steuerausfälle und gar Kriminalität vermeidet.

In der Diskussion seiner Thesen kam Berth auch auf die Finanzierung der frühkindlichen Fördermaßnahmen zu sprechen. Was der Staat heute ausgebe, so Berth, bekomme er morgen durch Ersparnisse von gesellschaftlichen Kosten wieder zurück. Was aber die gegenwärtige Finanzierung angehe, so plädierte Berth nicht für eine Umverteilung staat-licher Ausgaben, sondern für eine Umschichtung im Ausgabenblock für Erziehung und Bil-dung. Es sei nicht sinnvoll, nach dem Gießkannenprinzip jedes Kind durch das Kindergeld gleich finanziell zu unterstützen, sondern z. B. durch Abschaffung des Kindergelds die ein- gesparten Gelder für eine gezielte Förderung der wirklich pädagogisch Bedürftigen einzu- setzen.

1Berth, Felix: Die Verschwendung der Kindheit. Wie Deutschland seinen Wohlstand verschleudert. Beltz Verlag 2011
2Ehler Karin: Plädoyer für gerechtere Bildungsförderung. In: DDS Oktober 2011, S. 22
3Lesrebrief in DDS Januar/Februar 2012, S. 25

Zeiten im Inntal

Bericht über die die Buchvorstellung

Konrad Schinkinger stellte der GEW am 1.3.2012 sein Buch vor „Zeiten im Inntal“

Bericht von Lothar Walter

Eine andere Heimatgeschichte

Es sei für Lehrkräfte jeder Schulart wichtig, das heimatliche Umfeld ihrer Schüler zu kennen, so Andreas Salomon, Kreisvorsitzender der GEW Rosenheim, zur Eröffnung einer Veranstaltung mit dem Raublinger Heimatforscher Konrad Schinkinger, dessen kürzlich erschienenes Buch „Zeiten im Inntal“ Recherchen zur jüngeren Zeitgeschichte der Gemeinde Raubling enthält. Dass dieses Thema Fortbildungsqualität habe, sehe man an der Kooperation mit der Grundschule Großholzhausen und so konnte Salomon die Rektorin Anita Schober und Kolleginnen begrüßen. Schinkinger erläuterte, bevor er den Inhalt seines Buches in gestraffter Form referierte, seinen persönlichen Hintergrund und die Motivation für seine Forschungen. Anstoß waren die Erzählungen seines Großvaters über die unmenschliche Behandlung von Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen in der Papierfabrik Redenfelden, aber dass zur offiziellen 100-Jahr-Feier nur ein reduziertes, immer nur positives Bild der jüngeren Zeitgeschichte gezeichnet wurde. „Ist mit blinden gleich braunen Flecken die NS-Zeit in der Heimatgemeinde begreifbar?“, fragte Schinkinger. Ihm gehe es nicht darum zu verurteilen und Menschen an den Pranger zu stellen, sondern zu erklären und damit beizutragen, dass niemals wieder solche Unmenschlichkeit in die Heimat einzieht. In seinem Vortrag beleuchtete Schinkinger Aufstieg und Untergang der lokalen NSDAP in den Ortschaften der Gemeinde Raubling, er zeigte örtliche Machtstrukturen und Abhängigkeiten, Verfolgung und Widerstand bis hin zu Untergang und Befreiung und die Entnazifizierung. Um das Jahr 1930 wurde der unselbstständige NSDAP-Stützpunkt Raubling gegründet. 1935 wurde Raubling zur NSDAP- Ortsgruppe erhoben, bis zu 90% der NS-Funktionäre waren Mitarbeiter der Aschaffenburger Zellstoffwerke. Die Redenfeldener Papierfabrik war somit die Keimzelle der örtlichen NSDAP, so Schinkinger. Auch war gerade diese straff geführte Ortsgruppe in der Umsetzung der nationalsozialistischen Politik besonders linientreu, „also hundertfünfzigprozentig“. Ganz anders die andere Ortsgruppe auf dem Gemeindegebiet in Großholzhausen. Schinkinger las ein Dokument vor, in dem sich ein zugezogener Nazi über die Laschheit in der Ortsgruppe beschwerte. Überhaupt habe sich Großholzhausen bis zur Machtergreifung den Nazis verweigert. „Wie gehe ich mit (Heimat-) Geschichte um?“, fragte GEW-Kreisvorsitzender Salomon nach dem Referat. Es müsse die Vielgestaltigkeit der vergangenen Wirklichkeit in allen Facetten dargestellt werden, es müsse alles aufgedeckt werden, dass sich nichts wiederhole. Er dankte dem Referenten für sein mutiges Gegen-den-Strom-Schwimmen trotz mancher persönlicher Anfeindungen. Schinkingers Forschungsarbeiten haben über die Gemeinde hinaus allgemeine Bedeutung für eine konkrete Geschichtsvermittlung an die Jugend, damit sich jede Generation die Bedeutung von Demokratie, Freiheit und Menschnrechten für ihr eigenes Leben bewußt mache.

Zeiten im Inntal
Recherche zur jüngeren Zeitgeschichte der Gemeinde Raubling
Erscheint im Eigenverlag.
322 Seiten, S/W, 70 Tabellen und gut 100 Abbildungen.
ISBN 978-3-00-036064-0
Preis 24,90€ (Versand gegen Vorkasse zzgl 5,00€ Versandkostenanteil)
Bezugsadresse:
Konrad Schinkinger
Hoppenbichlstraße 18a
83064 Raubling
Tel: 08035-984755
konrad_schinkinger@t-online.de

Mythos Schule

Schulkritiker Professor Dr. Ulrich Klemm im „Z“

Bericht von Lothar Walter

Auf Einladung der GEW Rosenheim und der infogruppe Rosenheim hielt Professor Dr. Ulrich Klemm im „Z -linkes Zentrum in Selbstverwaltung“ einen Vortrag zu „Mythos Schule – Warum Bildung entstaatlicht und entschult werden muss“ . Quasi-Hausherr Stephan Geuenich begrüßte die zahlreichen Zuhörer und stellte anfangs gleich klar, dass Entstaatlichung nicht mit Privatisierung gleichzusetzen sei. Der GEW-Kreisvorsitzende Andreas Salomon hieß den Referenten zu dieser Veranstaltung mit einem für die GEW eher ungewöhnlichen Thema willkommen, sei doch Klemms theoretischer Ansatz „jenseits des offiziellen Standpunkts der GEW“. Professor Klemm wunderte sich selbst über die Einladung, da es ihm nicht um Reformen gehe, sondern die Schule müsse „als Ganzes neu gedacht werden, das System Schule ist in Frage zu stellen“. Der Vertreter einer libertären Pädagogik versuchte seine Theorie in vier Anti-Thesen zum staatlichen Schulsystem zu komprimieren. Er argumentierte dagegen, dass die jetzige Schule Wissen sichert, Kinder schützt, kulturellen Fortschritt garantiert und dass Schulreformen Schule verbessern – alles Attribute des Mythos Schule, dessen Entzauberung Klemm sich vornahm. Leitmotivisch zitierte er aus der Rede eines Rektors einer Schule in Helsinki anlässlich dessen Ansprache zum Schuljahres beginn: „Ich bin ein glücklicher Mensch, weil ich mit Euch wieder ein ganzes Jahr zusammen arbeiten darf“ und stellte dies der Wirklichkeit an deutschen Schulen gegenüber, wo Stress und Frust für alle Beteiligten, ob Schüler, Lehrer, Eltern, herrschten. Klemm kritisierte, dass die Schulpflicht das Elternrecht breche. Seiner Meinung nach sollten Eltern eigenverantwortlich entscheiden können, was, wann, wie und wo ihre Kinder lernen. Damit alle Kinder aber auch wirklich die Möglichkeit des Lernens wahrnehmen können, forderte er statt einer Schulpflicht ein Bildungsrecht für alle. Ob es Professor Klemm gelungen war, am Ende seines Vortrags den Schulmythos bei allen Zuhörern zu entzaubern, war sicher ungewiss, wie sich in der intensiven und kontroversen Diskussion zeigte. Es herrschte weitgehend Einigkeit in der Beschreibung aktueller Schwachpunkte des deutschen Schulwesens wie z. B. einer großen Zahl von Schülern ohne Abschluss oder von funktionalen Analphabeten, der Entstehung eines großen Nachhilfemarktes, von Schul- und Lernverweigerung. Um dieser Schulmisere die Alternative einer „entstaatlichten und entschulten Schule“ entgegenzusetzen, forderte Klemm vier Strukturänderungen, nämlich die Aufhebung des Lehrer-Schüler-Prinzips zugunsten eines partnerschaftlichen Unterrichtens; die Aufhebung des Lernorts Schule, stattdessen sollte das Lernen auf der Straße ermöglicht werden; die Aufhebung fremdbestimmter Lehrpläne und schließlich die Aufhebung des Unterrichts als zentrale Lernmethode. Damit würde, so Klemm, die Schule eine größere Unabhängigkeit vom Staat erhalten und zugleich würde eine demokratische Schulkultur gefördert werden. Ein kritisches Hinterfragen von Klemms antistaatlichen Positionen zeigte, dass weniger Staat zu mehr Markt führe und in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung sich der kapitalkräftigere Marktteilnehmer durchsetze – am Ende bestimme die Wirtschaft, welche Bildung die Absolventen haben müssten und das humanistische Ideal der Klemmschen Pädagogik bliebe auf der Strecke. GEW-Kreisvorsitzender Andreas Salomon dankte dem Referenten für sein spannendes Referat und stellte in seinem Schlusswort fest, dass wohl das Unbehagen am selektiven Schulsystem von allen geteilt werde, aber über Ziele und Wege einer alternativen Schule noch ein großer Diskussionsbedarf bestehe.

40 Jahre GEW – Interview mit Andreas Salomon

GEW: Wie bist du 1975 zur GEW gekommen?
Seit meinem Studienbeginn 1968 in Kiel bin ich politisch in linken Gruppen aktiv. 1971 ging ich nach Freiburg und schloss mich der KHG an, der Kommunistischen Hochschulgruppe des KBW. Eine Kandidatur zum Studentenparlament 1974 führte dazu, dass ich zu Anhörungen aufs Oberschulamt Karlsruhe geladen wurde und 1976 Berufsverbot erhielt. Ich trat 1975 der GEW in der Hoffnung auf Rechtsschutz bei, denn das Berufsverbot hing da bereits über mir.

GEW: Wie waren deine ersten Erfahrungen mit der GEW?
Damals gab es in den Gewerkschaften die Unvereinbarkeitsbeschlüsse, die darauf ausgerichtet waren, Mitglieder oder Gesinnungsgenossen bestimmter linker Organisationen gar nicht erst aufzunehmen bzw. auszuschließen. Der Kreisverband Rastatt, dem ich angehörte, unterzog mich einem strengen öffentlichen Verhör und strengte dann meinen Ausschluss an, der prompt vollzogen wurde – noch bevor ich das Berufsverbot erhielt. So waren mir die Möglichkeiten genommen, mich juristisch zu wehren. 40 Jahre GEW – Interview mit Andreas Salomon weiterlesen

4. Rundbrief 2014

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unsere Tagung in Freising, die der Bezirk Oberbayern zum Thema „Kommunikation“ organisiert hatte, war wieder einmal ausgebucht und fand sehr großen Anklang. Auch aus unserem Landkreis waren eine Reihe Kolleginnen und Kollegen dabei.

Einladung 1.Mai

Jetzt laufen bereits die Vorbereitungen für den 1. Mai auf Hochtouren. Wieder ist es uns gelungen – im Gegensatz zu fast allen anderen Städten Oberbayerns – eine Demonstration zu organisieren. Um 9 Uhr treffen wir uns alle auf dem Parkplatz von Danone in der Schönfeldstraße 12. Wie in den letzten Jahren stellen wir (d.h. der Kreisvorstand des DGB) die Demonstration unter ein bestimmtes Thema: Dieses Mal wollen wir unser Augenmerk auf das Prekariat richten. Dazu wird u.a. auch ein Redner der GEW das Wort ergreifen, Stefan Geuenich, unser Stellvertretender Vorsitzender. Bei der Demonstration ist in diesem Jahr auch eine Trommelgruppe dabei, die die Stimmung sicher gut anheizen wird. Um 10 Uhr sind wir dann vor dem Gewerkschaftshaus in der Brixstr.2, wo die Stellvertretende Vorsitzende des DGB Bezirk Bayern Dr. Verena Di Pasquale die 1. – Mai – Rede halten wird. Der Liedermacher Martin Pieper wird wieder passende Lieder singen.

Einladung – Weber zu „Mein Kampf“

Weiterhin laden wir euch alle zu einer Veranstaltung mit Prof. Dr. Klaus Weber aus München ein, der über Hitlers Buch „Mein Kampf“ referieren wird. Am Münchner Institut für Zeitgeschichte wird gerade die kommentierte Ausgabe dieses Buch vorbereitet. Dr. Weber von der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München fungiert dabei als ehrenamtlicher Projektberater für psychologische und sozialpsychologische Fragestellungen.

Donnerstag, 15. Mai, 19 Uhr, Rosenheim, „Z“, Innstraße 45
Herzliche Grüße

Euer Andreas

PISAker 2013

Bericht über das Lehrerkabarett „Die PISAker“ mit ihrem 7. Programm „Nachsitzen!“ am 28.6.2013 auf der Bühne im Lokschuppen

Bericht: Lothar Walter

Die PISAker mit ihrem siebten Programm Nachsitzen bei der GEW Rosenheim

Zu einer Doppelstunde Nachsitzen lud die GEW Rosenheim in den Saal des Stadtjugendrings im Lokschuppen ein. Statt eines Nachhilfelehrers kam das Lehrerkabarett „PISAker“ mit ihrem siebten Programm „Nachsitzen“. Vielleicht wegen eines Missverständnisses über nicht existente Karten – „Es gibt keine Karten“ meinte der Eintritt war frei, nicht dass die Vorstellung ausverkauft sei – waren die Stuhlreihen nur zu einem Drittel besetzt, weit überwiegend von noch aktiven und ehemaligen LehrerInnen. Aber Kleinkunst lebt von der Unverdrossenheit und so meinte GEW-Kreisvorsitzender Andreas Salomon ob der doch etwas enttäuschenden Resonanz bei seiner kurzen Begrüßung, so lange das Ensemble gegenüber den Zuschauern nicht in der Überzahl ist, könne nicht von einem Reinfall gesprochen werden. Es sei aber anerkennenswert, dass doch etliche Kollegen und Kolleginnen bereit seien, zu ihrer Selbstwahrnehmung im Beruf einen Blick in den Spiegel der nicht immer schmeichelhaften Fremdwahrnehmung zu riskieren, ach was, sich lustvoll hinzugeben.

In dem flotten zweistündigen Programm in zwölf Sketchen und sechs Liedern -alte Schlagermelodien mit neuen Texten- wurden die bekannten Lehrertypen – den „Dampfhammerlehrer“, den schrulligen Altachtundsechziger, den durchsetzungsunfähigen Schöngeist usw. – in skurril überzeichneten Situationen des Klassenkampfes im Klassen- und Lehrerzimmer vorgeführt. Das Publikum wusste bei „Nomen est Omen“ die Satire auf die Entwicklung sprachlich immer anspruchsvollerer Lehrpläne, die in einem mehrstufigen Prozess aus einem Vogelhäuschen im Werkunterricht ein ornithologisches Domizil macht, während der Lehrer im Unterricht dankbar auf den High-Tech-Trichter Nürnberger Provenienz zurückgreift, der alle Inhalte aller Fächer sekundenschnell in lerngerechte Papierstreifen zerschnipselt – in einer gelungenen Persiflage auf den Typus amerikanische Verkaufsshow witzig dargeboten. Andere Szenen strapazierten die Vorstellungskraft des Absurden schon sehr. So wenn sich der nicht zu Wort kommende neue Kollege als mobile Reserve mit Zusatzqualifikation für Kriseninterventionen entpuppt, in dessen Geigenkasten eine Maschinenpistole für alle Fälle bereit liegt. Oder wenn Rektorin bzw. Rektor der Förderschule bzw. der Mittelschule und die Gymnasialdirektorin um Ali als neuen Schüler bei der Mutter konkurrieren und als Gegenleistung Bügeln, Obststandaufbau oder die Steuererklärung für Alis Papa sich abpressen lassen, um im globalen Kampf um schrumpfende Humanressourcen ihre Schule nicht ins Hintertreffen geraten zu lassen. Nach kräftigem Applaus und Dank an das Ensemble bat Kreisvorsitzender Andreas Salomon die Zuschauer um einen Obolus, den das Publikum großzügig

Meinungsaustausch zum Thema Sitzenbleiben

Leserbrief Andreas Salomon 2.3.2013

Sitzenbleiben abschaffen!

Über dem Eingang einer finnischen Schule fanden Besucher den Satz: „Kein Kind darf verloren gehen.“ In unserem nordischen Nachbarland gibt es kein Sitzenbleiben mehr und die PISA-Sieger fahren sehr gut damit. Auch in Deutschland reift zunehmend die Einsicht, das Sitzenbleiben abzuschaffen.

Der Leistungsabfall eines Schülers – oft in der Pubertät – hat in aller Regel erkennbare Ursachen. Frühzeitig muss in jedem Einzelfall Klärung erfolgen und frühzeitige Hilfe organisiert werden. Eltern, Lehrer und auch die Schüler selbst sind gefragt zu handeln. Meist sind es ja nur wenige Fächer, in denen Probleme auftreten. In Finnland wird den betroffenen Schülern in Kleingruppen kostenlose Nachhilfe angeboten. Manchmal lockern sich aber Lernblockaden schon, wenn häusliche Probleme, die die Kinder belasten, eine Lösung erfahren oder durch persönliche Zuwendung der Lehrkräfte begehbare Wege gefunden werden. In Einzelfällen kann auch ärztliche Hilfe sinnvoll sein bzw, die Unterstützung durch Psychologen und Therapeuten. Schüler sitzenbleiben zu lassen ist eine pädagogische Bankrotterklärung. Diese Maßnahme ist Ausdruck des Unvermögens, dem betroffenen Kind rechtzeitig geholfen zu haben. Allein schon die Gefahr des Sitzenbleibens am Ende des Schuljahres produziert unnötige Ängste, die den Leistungsabfall noch verstärken. Zu Hause gibt es bei jeder neuen schlechten Note dann auch noch Zank und Streit, Strafen werden verhängt und unbeschadet davon nimmt die drohende Katastrophe ihren Lauf, ja nimmt durch den Stress zu Hause erst richtig an Fahrt auf.

Schüler sitzenbleiben zu lassen ist eine teure disziplinarische bildungspolitische Maßnahme des Staates, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Pädagogisch sinnvoll ist diese Vorgehensweise nicht und human schon gar nicht. Das bayerische Schulsystem ist auf Aussortierung und Abstieg programmiert, auch wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird. Sinnvoll wäre es aber, niemanden zurückzulassen, niemanden zu demütigen und zu kränken und keinen zu zwingen, ein Jahr wiederholen zu müssen.

Antwort von Helmut Pritschet

Es ist immer das Gleiche: Es gilt, die eigene Ideologie durchzusetzten, da setzt man Scheuklappen auf, um von Gegenargumenten nicht verunsichert zu werden, da verwendet man in der Argumentation absolute Formulierungen wie „alle“ , „keiner“, „muss“ oder „darf nicht“, da werden mit einer falschen Logik Schlüsse gezogen, da verschweigt man Alternativen und Folgen werden einfach ignoriert. Auf die gleiche Weise wird der Einsatz für die Gesamtschule zu einem fundamentalistischen Gesamtschulismus.

Wie unseriös Gesamtschulbefürworter gegen jegliche Erkenntnistheorie verstoßen, möchte ich hier an einem häufig zitierten Beispiel zeigen:

Wenn zwei Kennzeichen A und B korrelieren

  1. kann A eine Folge von B sein.
  2. Es kann aber auch umgekehrt B eine Folge von A sein.
  3. Beide können aber auch völlig unabhängig voneinander sein.
  4. Oder beide sind von einem dritten Faktor C abhängig.

Welcher Zusammenhang besteht nucn zwischen Gesamtschulen in Skandinavien und den Pisa-Ergebnissen?

  1. Die Pisa-Ergebnisse sind in den skandinavischen Ländern, in denen es Gesamtschulen gibt, gut ausgefallen. Die GEW zieht mit dem Slogan „Von den Siegern lernen“ den Schluss, dass die Gesamtschulen Ursachen für die guten Pisa-Ergebnisse sind. Wäre dies der Fall, könnte man mit dem gleichen Recht mit dem Schlagwort „Von den Verlierern abschrecken lassen“ gegen die Gesamtschulen argumentieren, immerhin sind Berlin und NRW mit ihren Gesamtschulen im unteren Bereich der Tabelle zu finden.
  2. Nicht selten berichten Skandinavien-Reisende begeistert von der menschenfreundlichen Atmosphäre in diesen Ländern. Gäbe es diesen Menschenschlag bei uns öfter, würde es den Reisenden nicht auffallen. Man könnte folglich auch zu dem Schluss kommen, dass sich Finnland und Schweden wegen ihrer motivierten Schüler Gesamtschulen leisten kann.
  3. Für die schlechten Pisa-Ergebnisse in Deutschland spielt es sicher auch eine Rolle, dass viele unserer unmotivierten Kinder nur durch Notendruck zu besonderen Leistungen zu bewegen sind. Fehlt der Notendruck oder die Sorge vor dem Durchfallen, tun die Kinder nichts.
  4. Pisa-Sieger sind Länder wie Kanada, Australien oder Skandinavien. Das sind alles Länder mit einer geringen Bevölkerungsdichte. Auch innerhalb Deutschlands schneiden Länder mit einer geringen Bevölkerungsdichte besser ab. Eigentlich schaut es doch so aus, als sei nicht das Schulsystem für die Pisa-Ergebnisse verantwortlich, sondern ganz andere Faktoren wie die Bevölkerungsdichte. Lehrer aus dem Bayerischen Wald wissen zu berichten, dass menschenleere Waldgebiete beruhigend aufs Gemüt und den Unterricht wirken. Eine Enge wie in unseren Ballungsgebieten führt nicht nur bei Ratten zur Aggressivität. Mir wurde von Münchner Großbetrieben berichtet, die wegen der mangelnden Motivation keine Azubis aus der Stadt, sondern nur noch aus der Region nehmen. Finnland würde mit jedem Schulsystem gut abschneiden und in Ballungsgebieten helfen nicht einmal Gesamtschulen.

Beim Thema Sitzenbleiben wird ähnlich schludrig argumentiert:

„Kein Kind darf verloren gehen“, zitiert Salomon finnische Pädagogik. Klar, beim Klassenausflug darf keiner verloren gehen. Was ist aber zu tun, damit keiner verloren geht?

  • Man teilt die Kinder in Leistungsklassen, damit jeder in seinem ihm angemessenem Tempo marschieren kann. Beim Sport, bei Kursen aller Art, werden die Teilnehmer in möglichst homogene Gruppen aufgeteilt, damit man jedem gerecht werden kann. Da fühlt sich keiner beschämt, wenn er in der C-Klasse Fußball spielt. Nur der Gesamtschulismus verpönt diese Maßnahme als „Trennung von Spreu und Weizen“. Selbst Gesamtschulen trennen in Leistungsgruppen, der eine lernt Integralrechnung, der andere bleibt bei der Prozentrechnung stecken. Im Berufsleben geht es weiter, der eine bekommt eine attraktive Lehrstelle, der andere nicht, der eine macht Mikro-, der andere Kartoffel-Chips. In Berlin und Hamburg, wo die von der GEW propagierte Gesamtschule die Regelschule ist, wird tatsächlich die Spreu vom Weizen getrennt, dort schicken die Besserverdiener, denen an einer guten Schulbildung liegt, ihre Kinder auf private Gymnasien. Dies ist umso mehr verwunderlich, als es ein Anliegen der GEW ist, dass nicht nur die Kinder der Reichen eine gute Schulbildung bekommen.
  • Damit keiner verloren geht, bestimmt der Langsamste das Tempo. Dann geht aber das Potential der Schnellsten verloren. Ist es wirklich in unserem Sinne, Schüler, die beim Lernfortschritt mit dem ICE fahren können, in die Bimmelbahn zu setzen?
  • Die dritte Möglichkeit, niemanden zurück zu lassen, besteht darin, den langsamen Schülern zu helfen. Und hier zeigt sich die Unredlichkeit der Salomonschen Argumentation, er weiß zwar, dass das Sitzenbleiben teuer ist, erwähnt aber nicht, dass die von ihm vorgeschlagenen Hilfen wesentlich mehr kosten, besonders dann, wenn sie wie in Finnland, für die Eltern kostenlos sind.

Salomons Leserbrief suggeriert, dass das Sitzbleiben die Schüler demütigt und die Schule versagt hat. Er verschweigt, dass es für viele Kinder eine Chance zum Neuanfang bedeutet und dass viele Schüler Hilfen gar nicht annehmen wollen. Mit dem Begriff „demütigen“ kann man ja sehr gut Propaganda für einen -ismus machen.

Das Problem liegt meines Erachtens ganz wo anders: Lehrer mit längeren Berufserfahrung berichten übereinstimmend, dass sie Schulaufgaben, die sie vor vielen Jahren geschrieben haben, heute nicht mehr gehalten werden können, weil sie zu schlecht ausfallen würden. Und dies nicht, weil die Schüler dümmer würden, sondern weil die Leistungsbereitschaft sinkt. Dafür steigt sie Erwartungshaltung an die Schule. Viele Schüler wollen sich nicht anstrengen, aber Alles auf dem Silbertablett serviert bekommen. Die letzte Motivation mehr zu lernen, ist für Viele das Bestehen des Klassenziels. Für viele Lehrer ist die drohende Wiederholung der Klasse das letzte Mittel, Disziplin zu halten. Und genau dieses Mittel soll jetzt wegfallen. Und wenn ein Schüler nicht die Noten zum Durchkommen oder zum Übertritt bekommt, zweifeln manche Eltern nicht die Motivation des Kindes an, sondern beauftragen einen Rechtsanwalt, der die Sache richten soll. Ist es tatsächlich im Sinne der GEW, dass deshalb das Sitzenbleiben abgeschafft werden soll, weil man vor denen einknickt, die sich einen Rechtsanwalt leisten können?

Mir ist ein Fall einer Schule bekannt, in der das Sitzenbleiben nicht offiziell aber de facto abgeschafft wurde. Unterricht mit dem Ziel eines mittleren oder höheren Abschlusses ist dort nicht mehr möglich. Kein Wunder, dass das durchschnittliche Verfallsdatum der Lehrer weit unter 60 Jahren liegt. Dabei frage ich mich, wer die Lehrer in so einer Situation unterstützt, die GEW offenbar nicht, der geht es offenbar nur um die Würde der Schüler. Lieber sendet man das falsche Signal, indem man im Fall des Sitzenbleibens vom „Unvermögen“ der Schule spricht.

Die Kinder sollen nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen. Und so erscheint es mir zweifelhaft, ob man die Kinder wirklich aufs Berufsleben vorbereitet, wenn ihnen der Eindruck vermittelt wird, dass sie immer wieder aufgefangen werden. Es gibt schon genügend junge Leute, die bei den geringsten Problemen ihre Berufsausbildung abbrechen, weil sie an der Schule nicht ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz erworben haben.

Es ist klar, dass man mit der Forderung, das Sitzenbleiben abzuschaffen, die Zustimmung vieler Eltern erreicht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es einer mittleren Katastrophe gleich kommt, wenn sich abzeichnet, dass das Kind wiederholen muss. Die Schüler selbst sehen das anders, ein Großteil spricht sich für das Sitzenbleiben aus, wahrscheinlich weil sie wissen, dass sie ohne Druck nicht lernen würden und weil ihnen nicht geholfen ist, wenn ihnen alle Hürden aus dem Weg geräumt werden. Befürworter der Abschaffens, Otto Herz, meint dazu: „Nur die allerdümmsten Kälber, wählen ihre Metzger selber.“ Die Frage muss gestattet sein, was das für ein Pädagoge ist, der 80% der Schüler mit den allerdümmsten Kälbern vergleicht.

Was will man als Nächstes abschaffen, damit keiner beschämt oder gedemütigt wird? Noten? Abschlussprüfungen? Soll die Zukunft etwa so aussehen: Diejenigen, die für die Arbeitswelt geeignet sind, erwirtschaften das Bruttosozialprodukt und der Rest bleibt bis zur Promotion in der Ausbildung, um dann schließlich Reformpädagoge zu werden.

Lernerfolg

Rezension des Buches Remo H.Largo, „Wer bestimmt den Lernerfolg:“ Kind, Schule, Gesellschaft?“

Beltz Verlag, Weinheim 2013

„Das Beste, was einem Individuum passieren kann, ist, dass es sich so, wie es in seinem Wesen angelegt ist, verwirklichen darf.“ Die Einzigartigkeit eines jeden Kindes müsse gesehen werden, sagt der Arzt und Anwalt der Kinder Remo H. Largo und klagt damit die Schulen an, die dieser Individualität nicht gerecht würden.

Die Erkenntnisse des ehemaligen Züricher Professors für Kinderheilkunde beruhen auf langjährigen Forschungen als Leiter der „Züricher Longitudinalstudie“, bei der seit den 1970er Jahren inzwischen über 800 Kinder bis ins Erwachsenenalter beobachtet wurden. Der Autor der bekannten Bücher “ Babyjahre“, „Kinderjahre“ und „Jugendjahre“ geht in seinem neuen Buch der Frage nach, welche Faktoren für den Lernerfolg eines Kindes verantwortlich sind. So könne man z. B. Kindern nichts beibringen, wenn sie in ihrer persönlichen Entwicklung einfach noch nicht reif dafür seien, denn Lernen bedeute immer, an etwas Bekanntes anzuknüpfen. Kinder seien nicht zu belehren und auf das Erreichen von Standards zu reduzieren, sondern sie benötigten einen Rahmen, in dem sie selbständig lernen könnten. Lemgo kritisiert den Druck und die Gleichmacherei der Schulen, wobei die Individualität und Vielgestaltigkeit der menschlichen Natur vernachlässigt werde. Dies habe bereits Wilhelm von Humboldt vor 200 Jahren erkannt. Heute beherrschten aber immer noch praxisferne Schulreformen, zu volle Lehrpläne und ein Übermaß an bürokratischen Vorgaben den Alltag, während es doch die eigentliche Aufgabe der Bildungsministerien sei, „nachzufragen, zu unterstützen und Ressourcen bereitzustellen.“ Statt Bevormundung müssten wie in den skandinavischen Ländern Autonomie und Selbstverantwortung in den Schulen Einzug halten.

Unter Bezugnahme auf die Hattie-Studie, die zwar viele „Unschärfen“ aufweise, setzt Lemgo auf sehr kompetente und hochmotivierte Lehrer, die auch schwache Schüler zu guten Leistungen führen könnten. Der Unterricht müsse dabei auf den individuellen Schüler hin orientiert sein.

So weit so gut. Ob allerdings die äußeren Rahmenbedingungen wirklich derart zu vernachlässigen seien, wie es Hattie meint, muss doch in Zweifel gezogen werden. Hier übernimmt Largo die Ansichten Hatties recht unbedacht und glaubt wie dieser, Lehrer könnten die reinsten Supermenschen sein und alle gesellschaftlichen Probleme, die in die Schule hineingetragen werden, im Handstreich lösen.

Dies überrascht, da Largo eigentlich sehr deutlich sieht, wie groß die Unterschiede zwischen den Schülern sind, wofür er zurecht die gesellschaftlichen Bedingungen und unterschiedliche Anlagen und Lernerfahrungen verantwortlich macht sowie unterschiedliche außerschulische und vor allem vorschulische Erfahrungen.

So kritisiert er folgerichtig das mehrgliedrige Schulsystem, das bleibende Benachteiligung produziere. Chancengleichheit müsse gewährleistet sein, dass jedes Kind die Möglichkeit bekomme, sein individuelles Entwicklungspotential zu verwirklichen. Selektion und starre Bildungsstandards würden nicht mehr in die Welt von heute passen. Lernmotivation sei durch eigenes Handeln des Kindes zu wecken. Nachhaltiges Lernen beruhe auf eigenständigen Erfahrungen.

Von Chancengerechtigkeit sei man, so Largo, in Deutschland aber noch weit entfernt. Die soziale Herkunft eines Kindes spiele nach wie vor eine entscheidende Rolle. So werde die Einführung breit angelegter und wirksamer familienergänzender Tagesstrukturen (Kindertagesstätten, Ganztagsschulen) immer noch hinausgezögert und so bliebe die Schule eine „nacherzieherische Nothilfestation“. Folglich plädiert Largo für eine „grundlegende Erneuerung der Schule“, die auf jedes Kind mit seinen individuellen Eigenheiten eingehen und die Gesetzmäßigkeiten der kindlichen Entwicklung achten müsse.

Der Autor des schmalen, gut lesbaren Buches redet nie lange um den heißen Brei herum, sondern redet gleich Tacheles. Die Verbindung ärztlicher Beobachtungen mit pädagogischen Erkenntnissen führt zu überzeugenden Ergebnissen. So ist es kein Zufall, dass das Buch als Flugschrift vom Archiv der Zukunft herausgegeben wird und mit einem längeren Gespräch zwischen dem Autor und Reinhard Kahl, dem bekannten Schulzukunftsforscher, endet. Auf die Frage Kahls, worin der Vorteil des Verschiedenseins der Kinder bestehe, äußert Largo: „Jeder leistet mit seinen Stärken in der Gemeinschaft seinen Beitrag. Gerade weil wir unterschiedlich sind, entsteht eine produktive Gemeinschaft.“