Die Kreisebene bricht zunehmend ein. Teil 2: Mögliche Lösungen

Im Mai 2019 hat der Kreisverband Rosenheim ein Papier vorgelegt, das im Prinzip aus zwei Teilen bestand. Im ersten Teil haben wir festgehalten, dass die Kreisebene des GEW Bayern weitgehend zerfallen ist und im zweiten Teil haben wir Fragen aufgeworfen, die daraus resultieren.

Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und skizzieren verschiedene  Szenarien.

Szenario 1:  Beibehaltung des Status quo

Gehen wir davon aus, dass kein Handlungsbedarf gesehen wird, setzt sich die Entwicklung der Erosion der Kreisverbände fort und wird schon sehr bald die Bezirksebene erreichen, was im Bezirk Obb bereits geschehen ist. Es werden also weitere Kreisverbände ihre Pforten schließen, vor allem diejenigen, bei denen  schon seit geraumer Zeit lediglich GEW-Senioren   die Fassaden ihrer Potemkinschen Dörfer festhalten. Andere KVs suchen weiterhin ihr Heil im Zusammenschluss mit benachbarten Kreisverbänden. Irgendwann werden aber nur noch die großen Stadtverbände und Bezirksverbände übrig bleiben. Im Zuge des Einbruchs der Kreisebene erodiert auch die Bezirksebene. Und die Landesebene ließe sich auf dem bisherigen Wege nicht mehr wählen. Es stehen also grundlegende Veränderungen an, ob man will oder nicht. Fazit: Das Szenario 1 anzuwenden, hieße nichts zu tun die Augen vor der Realität zu verschließen.

Szenario 2: Zusammenlegung von Kreisverbänden

Ein vergleichsweise einfacher Weg zur Lösung der aufgezeigten Probleme scheint darin zu bestehen, dass sich Kreisverbände  zunehmend zusammenschließen. Mindestens 17 KVs haben dies in den letzten Jahren getan. Ob darin wirklich eine Lösung gefunden war, müsste geprüft werden. Es mag im Einzelfall gelungen sein, ist aber insgesamt als Lösung der genannten Probleme sehr zu bezweifeln. Zwei Überlegungen sprechen entschieden dagegen. In einem Flächenstaat wie Bayern sind  die zu überwindenden Entfernungen einfach zu groß. Wir mussten erleben, dass bereits unsere Wasserburger Kollegen, also aus dem eigenen KV, sich nicht auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Rosenheim  machten und sahen daher weder im Zusammenschluss mit Miesbach noch mit Traunstein einen Sinn. Zudem muss man zweitens die von uns aufgezeigten Ursachen des Einbruchs der Kreisebene ins Kalkül ziehen. Ist es richtig, dass eine neue, anders sozialisierte Generation von GEW-Kolleginnen und –Kollegen zu uns stößt, dann muss langfristig davon ausgegangen werden, dass sich nicht mehr so viele ehrenamtliche Kolleginnen und Kollegen finden lassen, wie zur Aufrechterhaltung der Kreisebene nötig sind. Fazit: Das Szenario 2 zur Anwendung zu  bringen läuft lediglich auf einen Prozess der Sterbehilfe hinaus.

Szenario 3: Einrichtung von Kreisgruppen

Für die nächste LVV liegt ein Antrag von Erwin Saint Paul vor, Kreisgruppen einzurichten. In der Begründung heißt es: „Die Zusammenlegung von Kreisverbänden hat in der Vergangenheit nur selten  Synergie-Effekte hervorgerufen“. Und weiter: „Aktiven soll vor Ort die Gewerkschaftsarbeit erleichtert werden, indem sie von organisatorischen Dingen (Steuererklärung, Führen eines Bankkontos, Anforderungen des Vereinsrechts) entlastet werden.“ Fassen wir zusammen: Die Zusammenlegung von zwei oder drei Verbänden sei ineffektiv gewesen und der  Kassier des jeweiligen KVs habe zu viel Stress. Wie ist das zu beurteilen? Die Behauptung von dem großen Stress des Kassiers stellt unser Finanzverwalter, der diese Arbeit über 40 Jahre macht, in Abrede. Die fehlenden Synergie-Effekte bei Zusammenlegung haben wir allerdings auch beobachtet. Dann heißt es in der Begründung des Antrages: „Die Finanzmittel einer Kreisgruppe entsprechen denen eines Kreisverbandes und werden vom Landesverband verwaltet.“ Fazit: Mit einer Umsetzung dieses Szenarios kann ein Leben bzw. eine Belebung der KV-Ebene nicht erreicht werden, zumal vielen KVs dann auch die finanziellen Mittel dazu fehlen würden. Allerdings würde die momentane Situation der Erosion der Kreisverbände transparenter und die finanziellen Mittel vieler untätiger KVs würden der Landesebene zuwachsen und könnten sinnvoll eingesetzt werden.

Szenario 4: Bezirksbetreuer und Kreisobleute etablieren

Bei absolut nüchterner Betrachtung der Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte muss davon ausgegangen werden, dass die Kreisebene nicht mehr zu halten ist und möglicherweise auch nicht die Bezirksebene. Wir stehen vor der schwierigen Aufgabe, dass unsere Mitgliederzahl wächst, aber es keine Ehrenamtlichen mehr geben wird, die vor Ort eine aktive GEW-Arbeit entfalten werden. Dies gilt in erster Linie für die Arbeit auf dem Lande. Wollen wir unsere Mitglieder halten, die alten wie die neu gewonnenen, müssen wir uns politisch vor Ort sichtbar machen. Wenn man eine gewisse Aktivität dort erhalten will, ließe sich versuchen, ein System von Bezirksbetreuern und Kreisobfrauen bzw. Kreisobmännern aufzubauen. Statt aktiver Bezirke und Kreise hätten wir dann professionelle Betreuer und finanziell unterstützte Ansprechpartner vor Ort. Die Gelder, die die Bezirke und Kreise bisher bekommen, könnten weitgehend dafür eingesetzt werden. Die Bezirksbetreuer würden nach Stundenzahl (Teilzeit-Beschäftigung) bezahlt (je nach dem, wie viel Geld frei wird), die Obleute bekämen eine Aufwandsentschädigung, und jeder KV benötigte gewisse (begrenzte) Mittel für seine organisatorische Arbeit. Die Bezirksbetreuer würden eng miteinander und mit dem Landesvorstand zusammenarbeiten und ein politisches Konzept entsprechend der Beschlusslage der  GEW  entwickeln sowie ein Konzept für die Umsetzung (Vorträge, Kampagnen usw. in den einzelnen KVs). Die Obleute vor Ort würden sich um die logistische Umsetzung in ihrem KV kümmern (Saalmiete, Einladungen, Bekanntmachung) sowie um die Betreuung der Mitglieder. Kompetente und erfahrene Bezirksbetreuer zu finden, halten wir für möglich, allerdings wird es nicht einfach werden, für jeden KV eine Obfrau oder einen Obmann zu gewinnen, besonders für die, die schon länger tot sind. Bleibt noch die Frage, wie der Landesvorstand zustande kommt. Es gibt zwei Möglichkeiten. Man könnte versuchen, zumindest einmal im Jahr in jedem KV eine Jahresversammlung einzuberufen, auf der Vertreter für eine LVV gewählt werden. Oder man geht basisdemokratisch vor und wählt die Kandidaten, die antreten,  direkt.  Fazit: Wir halten es für realistisch, dieses Szenario umzusetzen. Wir würden damit erreichen, dass unsere Mitglieder weiterhin vor Ort betreut werden und  sich politisch einbringen könnten. Ein aktives Leben auch auf dem Lande würde weiter bzw. könnte wieder entstehen. Die Gewerkschaftsanbindung würde wieder verstärkt werden und hätte Zukunft. Allerdings würde dieses Szenario eine starke Veränderung der bisherigen Struktur beinhalten und  eine Satzungsänderung erfordern. Aber das sollte ja zu machen sein.

Szenario 5: Anschluss an Verdi

Diskutiert haben wir auch die Frage, ob es nicht langfristig sinnvoll wäre, sich an Verdi anzuschließen. Dadurch könnte die gewerkschaftliche Arbeit auf Dauer gestärkt werden, da doch aktuell Kolleginnen vor Ort aus denselben Arbeitsbereichen nebeneinander her arbeiten, meist ohne weiteren Austausch.  Eine Bündelung der Kräfte könnte der Arbeit insgesamt nutzen. Fazit: Die GEW Bayern würde ihre Eigenständigkeit verlieren, was sehr schmerzlich wäre. Für die gewerkschaftliche Arbeit insgesamt wäre es wahrscheinlich von Nutzen. Aber um dies endgültig zu beurteilen, fehlt uns von Rosenheim aus der Überblick.

Andreas Salomon, 2. 12.2019, geändert am 10.12. nach Vorschlägen von Lothar und Stephan