Franziska Gräfin zu Reventlow

Besuch der Ausstellung „Alles möchte ich immer – Franziska Gräfin zu Reventlow 1871 – 1918“ im „Haus der Literatur“ München

Bericht: Lothar Walter

GEW Rosenheim im Münchner „Haus der Literatur“

Zum letztmöglichen Termin vor Ausstellungsende noch eine Führung gebucht – so trafen sich mit Kreisvorsitzenden Andreas Salomon ein gutes Dutzend an Literatur interessierte GEWler Samstag Nachmittag am Rosenheimer Bahnhof. Uns angeschlossen hatten sich drei Damen eines privaten Literaturzirkels aus Stephanskirchen. Im Literaturhaus angekommen erfuhren wir, dass die Ausstellung verlängert wurde.

Zeit war genügend, so dass sich jede/r schon vor Beginn der Führung mit der Ausstellung vertraut machen konnte. Diese ist biografisch ausgerichtet und gliedert sich in die vier Lebensabschnitte bzw. Lebensorte Husum: Kindheit, Lübeck: Jugend, München: Die Bohème als Lebensmodell und Ascona: Rückzug und Tod. Neben Originaldokumenten (z. B. des Buddenbrookhauses in Lübeck und der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel) war die Ausstellung mit audio-visuellen Medien gut ausgestattet: Viele Fotographien, auch Großfotos, Hörstationen und auch ein Film des Bayerischen Rundfunks (15 Minuten) mit dem Sohn der Reventlow (1897 – 1984).

Die einstündige Führung leitete Frau Katrin Wilhelm, eine Germanistik-Doktorandin.

Fanny, so wurde Franziska genannt, wuchs in einer Familie des uralten schleswig-holsteinischen, aber verarmten Adels auf. Nach einer lieblosen Kindheit und einer reglementierten Jugend gelang ihr ein Ausbruch aus den beengenden Verhältnissen: Statt auf eine „gute Partie“ zu warten, ließ sie sich zur Lehrerin ausbilden. Das sollte später für sie zum Vorteil werden, durfte sie so ihr uneheliches Kind allein erziehen und unterrichten; eingedenk ihrer eigenen leidvollen Erfahrungen ersparte sie ihrem Sohn Rolf die Schulzeit.

Freiheit ohne Tabus, Freizügigkeit, Liebschaften – selbstbestimmt, so wollte sie leben. Ihr Milieu fand sie in der Schwabinger Bohème, zu deren Symbolgestalt sie wurde. Der Preis dafür war ein ständiger Existenzkampf, Krankheiten, Prostitution und zeitweilige Depression. Mit dem Rückzug nach Ascona in einer Scheinehe mit einem adligen russischen Trinker fand sie gewisse finanzielle Sicherheit. Ihr Ende kam schnell: Sie starb an den Folgen eines Fahrradunfalls. Malerin wollte sie werden, doch als Schriftstellerin und Kultfigur einer untergegangenen Epoche erlangte Franziska zu Reventlow Berühmtheit. Sie schrieb Skizzen, Romane, lebendige Schilderungen des Münchner Lebens in Schwabing von der Jahrhundertwende bis zum ersten Weltkrieg. Dabei skizzierte sie die Personen ihrer Umgebung in ironisch-kritischer Distanz. Sie hatte auch Kontakt zur Frauenbewegung, z. B. zu Anita Augspurg, lehnte aber deren politische Forderungen nach Gleichheit und Geschlechtergerechtigkeit ab. Sie wollte Frau sein und beanspruchte alle Freiheiten, die sich in ihrer Zeit nur Männer herausnehmen konnten.

Am Ende der einstündigen Führung blieb kaum mehr Zeit für einen vertiefenden individuellen Rundgang. Kreisvorsitzender Salomon drängte zur Eile. Zunächst war aber nicht klar, ob die Rückfahrt am näheren Ost- oder ferneren Hauptbahnhof beginnen sollte. Dank der Unschlüssigkeit wurde schließlich die Zeit zum Ostbahnhof zu knapp, so dass die Gewerkschaftsgruppe doch zum Haupbahnhof fuhr. Da war aber wiederum reichlich Zeit für eine Einkehr ins Cafe. Vier Stunden an einem Samstag Nachmittag ab und bis Bahnhof Rosenheim bei günstigem Gruppentarif für Fahrt, Eintritt und Führung – ein kurzweiliger, geselliger Tag, der allseits zufriedene Gesichter bescherte und nach Wiederholung drängt.

Bericht über den Vortrag von Felix Berth

„Die Verschwendung der Kindheit“ Eine Gemeinschaftsveranstaltung der GEW Rosenheim und der
kritischen Bildungswerkstatt des DGB

Bericht: Lothar Walter


Die Verschwendung der Kindheit – wie Deutschland seinen Wohlstand verliert

Auf Einladung der Kritischen Bildungswerkstatt Rosenheim des DGB sowie des DGB Kreis- und Stadtverbands Rosenheim und der GEW Rosenheim hielt der Journalist und Buchautor Felix Berth einen Vortrag vor gut 20 Zuhörern im Gasthaus Höhensteiger. Berth war ab 2003 Redakteur der Süddeutschen Zeitung im Ressort Innenpolitik mit dem Schwerpunkt Kind und Familie. Seit 2010 ist er im Forschungszentrum Berlin. In Vertretung des Kreisvorsitzenden stellte sein Stellvertreter Reiner Schober in der Begrüßung die Bedeutung dieses bildungspolitischen Themas heraus. Es sei ein Kernbereich der GEW-Politik, sich um ein gedeihliches Aufwachsen der Kinder zu sorgen und hier für förderliche Rahmenbedingungen zu kämpfen. Darüber hinaus verwies er auf die Premiere der ersten Zusammenarbeit von GEW und Bildungswerkstatt und hoffte auf weitere gemeinsame Veranstaltungen.


Berth führte in seinem Vortrag, basierend auf seinem 2011 erschienenen Buch1, rezensiert in DDS Oktober 20112 sowie Leserbrief hierzu vom Kreisvorsitzenden Andreas Salomon in DDS Januar/Februar 20123, „drei Stränge“ zusammen und legte dar, „wo das Buch herkommt“. Erster Anlass war die kritische Sichtung von Experimenten in den USA in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Kindern mit miserablen Startchancen. Die frühkindliche, kom-pensatorische Förderung brachte mehr Chancen für das spätere Berufsleben als bei Kindern ohne frühe Förderung. „Frühe Bildung lohnt sich“, so Felix Berth. Ein zweiter Ausgangspunkt sind verschiedene Aspekte der Kinderarmut, die wie mehrere PISA-Studien zeigten, zu Schul-versagen führen. Dabei sind dies, so der Rückschluss, immer Kinder armer Eltern. Der dritte Input entstand aus Berths aktueller Arbeit im Forschungszentrum Berlin. Als Ergebnis wird bestätigt, dass je schwieriger die Lebensverhältnisse sind, desto früher eine pädagogische Förderung notwendig ist. Diese führt zu Schulerfolg und weiter zu Berufstätigkeit, was Arbeitslosigkeit, staatliche Hilfen, Steuerausfälle und gar Kriminalität vermeidet.

In der Diskussion seiner Thesen kam Berth auch auf die Finanzierung der frühkindlichen Fördermaßnahmen zu sprechen. Was der Staat heute ausgebe, so Berth, bekomme er morgen durch Ersparnisse von gesellschaftlichen Kosten wieder zurück. Was aber die gegenwärtige Finanzierung angehe, so plädierte Berth nicht für eine Umverteilung staat-licher Ausgaben, sondern für eine Umschichtung im Ausgabenblock für Erziehung und Bil-dung. Es sei nicht sinnvoll, nach dem Gießkannenprinzip jedes Kind durch das Kindergeld gleich finanziell zu unterstützen, sondern z. B. durch Abschaffung des Kindergelds die ein- gesparten Gelder für eine gezielte Förderung der wirklich pädagogisch Bedürftigen einzu- setzen.

1Berth, Felix: Die Verschwendung der Kindheit. Wie Deutschland seinen Wohlstand verschleudert. Beltz Verlag 2011
2Ehler Karin: Plädoyer für gerechtere Bildungsförderung. In: DDS Oktober 2011, S. 22
3Lesrebrief in DDS Januar/Februar 2012, S. 25

Zeiten im Inntal

Bericht über die die Buchvorstellung

Konrad Schinkinger stellte der GEW am 1.3.2012 sein Buch vor „Zeiten im Inntal“

Bericht von Lothar Walter

Eine andere Heimatgeschichte

Es sei für Lehrkräfte jeder Schulart wichtig, das heimatliche Umfeld ihrer Schüler zu kennen, so Andreas Salomon, Kreisvorsitzender der GEW Rosenheim, zur Eröffnung einer Veranstaltung mit dem Raublinger Heimatforscher Konrad Schinkinger, dessen kürzlich erschienenes Buch „Zeiten im Inntal“ Recherchen zur jüngeren Zeitgeschichte der Gemeinde Raubling enthält. Dass dieses Thema Fortbildungsqualität habe, sehe man an der Kooperation mit der Grundschule Großholzhausen und so konnte Salomon die Rektorin Anita Schober und Kolleginnen begrüßen. Schinkinger erläuterte, bevor er den Inhalt seines Buches in gestraffter Form referierte, seinen persönlichen Hintergrund und die Motivation für seine Forschungen. Anstoß waren die Erzählungen seines Großvaters über die unmenschliche Behandlung von Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen in der Papierfabrik Redenfelden, aber dass zur offiziellen 100-Jahr-Feier nur ein reduziertes, immer nur positives Bild der jüngeren Zeitgeschichte gezeichnet wurde. „Ist mit blinden gleich braunen Flecken die NS-Zeit in der Heimatgemeinde begreifbar?“, fragte Schinkinger. Ihm gehe es nicht darum zu verurteilen und Menschen an den Pranger zu stellen, sondern zu erklären und damit beizutragen, dass niemals wieder solche Unmenschlichkeit in die Heimat einzieht. In seinem Vortrag beleuchtete Schinkinger Aufstieg und Untergang der lokalen NSDAP in den Ortschaften der Gemeinde Raubling, er zeigte örtliche Machtstrukturen und Abhängigkeiten, Verfolgung und Widerstand bis hin zu Untergang und Befreiung und die Entnazifizierung. Um das Jahr 1930 wurde der unselbstständige NSDAP-Stützpunkt Raubling gegründet. 1935 wurde Raubling zur NSDAP- Ortsgruppe erhoben, bis zu 90% der NS-Funktionäre waren Mitarbeiter der Aschaffenburger Zellstoffwerke. Die Redenfeldener Papierfabrik war somit die Keimzelle der örtlichen NSDAP, so Schinkinger. Auch war gerade diese straff geführte Ortsgruppe in der Umsetzung der nationalsozialistischen Politik besonders linientreu, „also hundertfünfzigprozentig“. Ganz anders die andere Ortsgruppe auf dem Gemeindegebiet in Großholzhausen. Schinkinger las ein Dokument vor, in dem sich ein zugezogener Nazi über die Laschheit in der Ortsgruppe beschwerte. Überhaupt habe sich Großholzhausen bis zur Machtergreifung den Nazis verweigert. „Wie gehe ich mit (Heimat-) Geschichte um?“, fragte GEW-Kreisvorsitzender Salomon nach dem Referat. Es müsse die Vielgestaltigkeit der vergangenen Wirklichkeit in allen Facetten dargestellt werden, es müsse alles aufgedeckt werden, dass sich nichts wiederhole. Er dankte dem Referenten für sein mutiges Gegen-den-Strom-Schwimmen trotz mancher persönlicher Anfeindungen. Schinkingers Forschungsarbeiten haben über die Gemeinde hinaus allgemeine Bedeutung für eine konkrete Geschichtsvermittlung an die Jugend, damit sich jede Generation die Bedeutung von Demokratie, Freiheit und Menschnrechten für ihr eigenes Leben bewußt mache.

Zeiten im Inntal
Recherche zur jüngeren Zeitgeschichte der Gemeinde Raubling
Erscheint im Eigenverlag.
322 Seiten, S/W, 70 Tabellen und gut 100 Abbildungen.
ISBN 978-3-00-036064-0
Preis 24,90€ (Versand gegen Vorkasse zzgl 5,00€ Versandkostenanteil)
Bezugsadresse:
Konrad Schinkinger
Hoppenbichlstraße 18a
83064 Raubling
Tel: 08035-984755
konrad_schinkinger@t-online.de

Mythos Schule

Schulkritiker Professor Dr. Ulrich Klemm im „Z“

Bericht von Lothar Walter

Auf Einladung der GEW Rosenheim und der infogruppe Rosenheim hielt Professor Dr. Ulrich Klemm im „Z -linkes Zentrum in Selbstverwaltung“ einen Vortrag zu „Mythos Schule – Warum Bildung entstaatlicht und entschult werden muss“ . Quasi-Hausherr Stephan Geuenich begrüßte die zahlreichen Zuhörer und stellte anfangs gleich klar, dass Entstaatlichung nicht mit Privatisierung gleichzusetzen sei. Der GEW-Kreisvorsitzende Andreas Salomon hieß den Referenten zu dieser Veranstaltung mit einem für die GEW eher ungewöhnlichen Thema willkommen, sei doch Klemms theoretischer Ansatz „jenseits des offiziellen Standpunkts der GEW“. Professor Klemm wunderte sich selbst über die Einladung, da es ihm nicht um Reformen gehe, sondern die Schule müsse „als Ganzes neu gedacht werden, das System Schule ist in Frage zu stellen“. Der Vertreter einer libertären Pädagogik versuchte seine Theorie in vier Anti-Thesen zum staatlichen Schulsystem zu komprimieren. Er argumentierte dagegen, dass die jetzige Schule Wissen sichert, Kinder schützt, kulturellen Fortschritt garantiert und dass Schulreformen Schule verbessern – alles Attribute des Mythos Schule, dessen Entzauberung Klemm sich vornahm. Leitmotivisch zitierte er aus der Rede eines Rektors einer Schule in Helsinki anlässlich dessen Ansprache zum Schuljahres beginn: „Ich bin ein glücklicher Mensch, weil ich mit Euch wieder ein ganzes Jahr zusammen arbeiten darf“ und stellte dies der Wirklichkeit an deutschen Schulen gegenüber, wo Stress und Frust für alle Beteiligten, ob Schüler, Lehrer, Eltern, herrschten. Klemm kritisierte, dass die Schulpflicht das Elternrecht breche. Seiner Meinung nach sollten Eltern eigenverantwortlich entscheiden können, was, wann, wie und wo ihre Kinder lernen. Damit alle Kinder aber auch wirklich die Möglichkeit des Lernens wahrnehmen können, forderte er statt einer Schulpflicht ein Bildungsrecht für alle. Ob es Professor Klemm gelungen war, am Ende seines Vortrags den Schulmythos bei allen Zuhörern zu entzaubern, war sicher ungewiss, wie sich in der intensiven und kontroversen Diskussion zeigte. Es herrschte weitgehend Einigkeit in der Beschreibung aktueller Schwachpunkte des deutschen Schulwesens wie z. B. einer großen Zahl von Schülern ohne Abschluss oder von funktionalen Analphabeten, der Entstehung eines großen Nachhilfemarktes, von Schul- und Lernverweigerung. Um dieser Schulmisere die Alternative einer „entstaatlichten und entschulten Schule“ entgegenzusetzen, forderte Klemm vier Strukturänderungen, nämlich die Aufhebung des Lehrer-Schüler-Prinzips zugunsten eines partnerschaftlichen Unterrichtens; die Aufhebung des Lernorts Schule, stattdessen sollte das Lernen auf der Straße ermöglicht werden; die Aufhebung fremdbestimmter Lehrpläne und schließlich die Aufhebung des Unterrichts als zentrale Lernmethode. Damit würde, so Klemm, die Schule eine größere Unabhängigkeit vom Staat erhalten und zugleich würde eine demokratische Schulkultur gefördert werden. Ein kritisches Hinterfragen von Klemms antistaatlichen Positionen zeigte, dass weniger Staat zu mehr Markt führe und in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung sich der kapitalkräftigere Marktteilnehmer durchsetze – am Ende bestimme die Wirtschaft, welche Bildung die Absolventen haben müssten und das humanistische Ideal der Klemmschen Pädagogik bliebe auf der Strecke. GEW-Kreisvorsitzender Andreas Salomon dankte dem Referenten für sein spannendes Referat und stellte in seinem Schlusswort fest, dass wohl das Unbehagen am selektiven Schulsystem von allen geteilt werde, aber über Ziele und Wege einer alternativen Schule noch ein großer Diskussionsbedarf bestehe.

Das „Wunder von Rosenheim“

Am Samstag gegen 15 Uhr konnte man auf dem May-Josefs-Platz eine Flashmob sehen, eine lange Schlange von Lehramtsreferendaren, die schweigend mit Transparenten darauf aufmerksam machten, dass ihnen trotz bestandenen Examens eine Anstellung als Lehrkraft versagt wird. Die wohlwollende Unterstützung der Bevölkerung war ihnen gewiss. Zumal auch noch durch die Presse ging, dass über 800 Stellen von Kolleginnen und Kollegen, die in den Ruhestand gehen, nicht mehr neu mit Junglehrern besetzt werden, obwohl Seehofer dies ausdrücklich vor der Wahl zugesagt hatte. Die großen Lehrerverbände haben sich alle auf Initiative des Philologenverbands, der Standesvereinigung der Gymnasiallehrer, zusammengeschlossen und sprechen in Bezug auf die Nichteinstellung der Referendare von einem „volkswirtschaftlichen Wahnsinn“. Nicht weniger Lehrer an den Schulen sei das Gebot der Stunde, sondern mehr. „Angesichts immer neuer Zusatzaufgaben müssen neue Stellen im Haushalt für mehr Lehrkräfte geschaffen werden.“ Dem steht jetzt die Behauptung der Schulleiter der Rosenheimer Gymnasien entgegen: „Wir sind alle sehr zufrieden!“ Wie ist das möglich? Dort gibt es doch auch zahlreiche Referendare, die in ihrem zweiten Ausbildungsabschnitt 16-18 Unterrichtsstunden unterrichten müssen. Diese hohe Zahl an Stunden dient doch einzig dazu, den Lehrermangel zu verdecken und die Kosten niedrig zu halten. Denn die Referendare bekommen dafür nur halb so viel wie ein voll ausgebildeter Lehrer. Würde man die Pflichtstundenzahl der Referendare nur um wenige Stunden reduzieren, könnte man hunderte von frisch ausgebildeten Lehrern neu anstellen. Und wie wäre es mit einer Verringerung der Klassengrößen, die gerade an Gymnasien besonders hoch sind? Und erfordert nicht die konsequente Umsetzung der Inklusion deutlich mehr Lehrerstellen? Vielleicht sollte man einmal die Schüler der Gymnasien und die Elternbeiräte befragen, ob sie die Situation auch so rosig sehen wie die Schulleitungen.

Radltour zur Erkundung von Gedenkorten

Bericht über den Radlausflug am 13.7.2013
in den östlichen Landkreis Rosenheim

zur Erkundung von Gedenkorten Text: Lothar Walter

GEW-Radltour: Auf Gedenkorte-Erkundung im östlichen Landkreis

Der Sommerausflug des GEW-Kreisverbands Rosenheim wurde heuer als Radtour zu einigen Gedenkorten im östlichen Landkreis durchgeführt. Das Angenehme verband sich dabei für die Lehrer-Gewerkschafter mit dem Nützlichen: Wurden doch nebenbei auch mögliche Ziele für Klassenfahrten im heimatkundlichen Unterricht erkundet. Entsprechend des schon mehrjährigen Projekts im Kreisverband einer historisch-kritischen Auseinandersetzung mit Faschismus und Krieg besuchten die GEWler diesmal die Orte Haidholzen, Baierbach, Schmidham und Niedernburg. Der relativ junge Ort Haidholzen, Gemeinde Stephanskirchen, war, bevor er Heimat vieler Flüchtlinge und Vertriebener wurde, eine Wehrmachtskaserne und vorübergehend, von Dezember 1944 bis März 1945, ein Außenlager des KZ Dachau. Etwa 250 russische, polnische und französische Häftlinge wurden überwiegend für die Flugzeugmotoren-Fertigung dem NS-Programm „Vernichtung durch Arbeit“ unterworfen. Bei der Evakuierung des Lagers kam es zu einigen Toten unter den KZ-Häftlingen. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen im Gemeinderat hat die Gemeinde 1996 einen Gedenkstein an den Torsäulen zum Eingang des ehemaligen Kasernen- bzw. Lagergeländes errichtet. Diese begrüßenswerte Initiative ist allerdings im Wortsinne erblasst: Für die Radtour-Teilnehmer war die Inschrift kaum mehr lesbar und sollte baldmöglichst erneuert werden.

Inschrift: Stephanskirchen erinnert an die Jahre der Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945 und ihre Folgen. Hier befand sich auf dem ehemaligen Flakgelände der Wehrmacht von Dezember 1944 bis März 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau mit 200 bis 250 Häftlingen. Ihr Leid wollen wir nicht vergessen. Nach dem 2. Weltkrieg entstand hier der Ort Haidholzen. Er wurde Heimat für über 2000 Vertriebene.

Nächste Station der geschichtsinteressierten GEW-Mitglieder war Baierbach. Auf dem Friedhof der Dorfkirche St. Magdalena gibt es ein anonymes Grab, bekannt als „Russengrab“, der eben erwähnten KZ-Toten. Hier ist eine ansprechende Gedenktafel angebracht.

Nun ging es etwas beschwerlicher hügelan zum dritten Zielpunkt, dem Gedenkstein auf der Höhe im Hochwald über Schmidham, Gemeinde Riedering. Hier mussten wenige Tage vor Kriegsende acht Soldaten sterben, weil sie dem mörderischen Befehl Folge leisteten, anrückende Panzer der US-Armee mit MG unter Beschuss zu nehmen. Dreißig Jahre nach diesem Ereignis wurde ein Gedenkstein errichtet. Die Gewerkschafter konnten sich aber nicht für die Inschrift begeistern, nach der sie einen Heldentod gestorben seien. War es fehlender Mut oder blinder Gehorsam, einem verbrecherischen Befehl zu folgen oder waren es fanatische Nazis, die noch an den Endsieg glaubten? Selbst der örtliche Veteranenverein hat auf einer Gedenkfeier aus Anlass des 60-jährigen Kriegsendes von einem sinnlosen Tod gesprochen. Die Schrifttafel auf dem Gedenkstein enthält nur die Namen und Herkunftsorte der Gefallenen. Die Teilnehmer an der GEW-Radtour fänden es angebracht, wenn der schwer zugängliche Gedenkort besser erschlossen würde, eine Stellwand mit Hinweisen zum Hergang und zu den Personen errichtet und der Text dem heutigen Verständnis entsprechend geändert würde. Dann wäre er auch für Schulklassen interessant, um an Ort und Stelle z. B. über Krieg und Frieden und Gehorsam und Widerstand nachzudenken – heimatkundlicher Unterricht gepaart mit Friedenserziehung.

Um die letzte Station zu erreichen, war eine längere Strecke zurückzulegen. In Niedernburg, Gemeinde Prutting, wohnte die jüdische Familie Block, die hier eine Gärtnerei betrieb, bis sie nach einer Phase der zunehmenden Entrechtung und Ausgrenzung im Konzentrationslager ermordet wurde. Deren Tochter Elisabeth ist durch ihre Tagebücher bekannt geworden. Die Sackstraße gegenüber ihrem ehemaligen Wohnhaus ist die Elisabeth-Block-Straße. Die Lehrergruppe monierte, dass es an Ort und Stelle keinen Hinweis auf diese Zusammenhänge gibt und daher eine Eignung als Gedenkort noch nicht erfüllt ist. Das Schicksal der jüdischen Familie verdiente es, angemessen gewürdigt zu werden, z. B. mit einer Informationstafel. Zum Abschluss der GEW-Radtour verwies Kreisvorsitzender Andreas Salomon auf die Wichtigkeit solcher sinnlich erfahrbarer Gedenkorte, die bei entsprechender informativer und kritischer Gestaltung Zielorte für Schulklassen im heimatkundlichen Unterricht sein könnten.

Hitlers „Mein Kampf“

GEW Rosenheim mit Prof. Dr. Klaus Weber, München

Hitlers „Mein Kampf“ – die Banalität des Bösen entmystifiziert

Zur kommentierten Neuausgabe des Instituts für Zeitgeschichte

Auf Einladung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Kreisverband Rosenheim sprach Professor Dr. Klaus Weber von der Hochschule München, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften, zur gerade vorbereiteten kommentierten Neuausgabe des „verbotenen Buches“ durch das Münchner Institut für Zeitgeschichte im Rosenheimer „Z – linkes Zentrum in Selbstverwaltung“. Kreisvorsitzender Andreas Salomon konnte ein „volles Haus“ begrüßen mit Interessierten weit über den üblichen Kreis der GEWler. Professor Dr. Klaus Weber ist Erzieher und Diplompsychologe und forscht seit 30 Jahren zu den Themen Rassismus und Faschismus. Er ist ehrenamtlicher Projektberater für psychologische und sozialpsychologische Fragestellungen für das Institut für Zeitgeschichte im Zusammenhang mit der kommentierten Neuausgabe von Hitlers „Mein Kampf“. Gleich vorneweg, so Klaus Weber, das „Buch“ sei nicht verboten. Sein Besitz, Erwerb und Verkauf ist, anders als Kinderpornographie, nicht verboten. Man kann es im Internet oder Antiquariaten kaufen. Nicht erlaubt ist der Nachdruck, weil der Freistaat Bayern das Urheberrecht darauf hat; dieses läuft 2015 aus. Weber glaubt nicht, dass rechte Kreise dann eine Neuauflage auf den Markt bringen werden, denn „Nazis würden sich eh antiquarisch eindecken – Kaufpreis je nach Auflage und Ausstattung von 40 bis 8 000 Euro“. Gedacht ist an eine vierbändige kommentierte Ausgabe für ca. 98 Euro – Weber schätzt deshalb eine Auflage von 5 000 Exemplaren, also für einen engen Kreis an, vorzugsweise institutionellen, Käufern. Allerdings plant die Bundeszentrale für politische Bildung Auszüge mit Handreichungen für Schulen in Millionen-Auflage. Ein 7-köpfiges Wissenschaftler-Team arbeitet sehr akribisch an der Neuausgabe; anerkennend bemerkte Weber, dass der Startschuss unter der schwarz-gelben Bundesregierung fiel. Quasi jede Zeile aus „Mein Kampf“ wird daraufhin überprüft, was Hitler an wissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Zeit wissen konnte und welche Belegstelle es gibt. Webers Resümee: Hitler hat kaum originäre Gedanken entwickelt, allerdings bündelt er den grassierenden Antisemitismus seiner Zeit und treibt ihn auf eine massenmörderische Spitze. Weber bedauerte, dass diese kommentierte Neuausgabe so spät komme, diene sie doch der Entmystifizierung eines hetzerischen Machwerkes und zeige die Banalität des Bösen. In der sehr breiten Diskussion trat Weber der Auffassung entgegen, dass „Mein Kampf“ das Werk eines Irren, deshalb wirr und schwer verständlich sei. Wenn man die Grundannahmen teile, so Weber, argumentiere Hitler durchaus logisch, also nicht verwirrt. Der erste Teil (über die Juden) wende sich eher an Parteigenossen und sei in einem „Proletenjargon“ geschrieben – was sich zwar, so Weber, mit einem bildungsbürgerlichen Anspruch nicht decke, aber gerade deswegen leicht zu lesen sei. Deshalb wurde von mehreren Diskutanten gefragt, ob dieses Buch „gefährlich“ sei. Nach Weber sei „Mein Kampf“, das subjektivistische Geschreibsel über die eingebildete nationale Drangsal, nicht konstitutiv für den Nationalsozialismus. In millionenfacher Auflage vorhanden, hätte es angeblich fast niemand gelesen. Aber seine ideologischen Konstrukte des Antisemitismus und des Konzepts eines Volks ohne Raum waren damals allgegenwärtig. So fragte auch Kreisvorsitzender Andreas Salomon in seinem Schlusswort, auch wenn und weil heute der Antisemitismus nicht manifest ist, was an judenfeindlichen Vorurteilen in der Gesellschaft vorhanden sei. Er sehe in der kommentierten Neuausgabe einen wichtigen Beitrag zur politischen Aufklärung. Es sei aber auch die Stadt Rosenheim gefordert, ihren Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte zu leisten. Salomon erinnerte an das Gedenken an Elisabeth Block durch eine Namensgebung der städtischen Realschule wie auch an die Aktion Stolpersteine vor den ehemals jüdischen Kaufhäusern in Rosenheim.

Bilder aus dem Kreisverband

Andreas Salomon auf Bildungsreise

Elserdenkmal in Königsbronn
Andreas will auch mal Pfarrer sein
Radlparkplatz
Mit Sandalen und Aktenmappe ins Hochgebirge:
Andreas und Wolfgang in Oberaudorf
Wolfgang hat sich zum ersten Mal in seinem Leben die Bild gekauft.
Er liest nicht nur Bild, er trinkt auch Duce-Grappa
Abends in Flossenbürg
Schläfer, nach anstrengendem Programm
Bleibst, wo’s hi g’erst?
Der Zug ist auf der Heimfahrt wegen der Wiesen-Besucher restlos überfüllt
Andreas will es so haben (Barlach-Ausstellung)
Grabpflege
an der Friedhofsmauer
Mid’n Huat bist guat
Da müssen wir aussteigen.
Andreas erkundet die Stollen
„Ich will hier rein!“
Auf den Bus kannst du lange warten
GEW-Treffen beim Bardentreffen in Nürnberg
Helmut nach der Radltour auf dem Irschenberg
Andreas ist stolz, mit einer Veranstaltung ins Kuko zu kommen
Geburtstagsfeier bei Anita
Geburtstagsfeier bei Anita
Helmut erklärt den Gruppen-IQ