Mit vorsichtigem Optimismus ins neue Jahr

Mit vorsichtigem Optimismus startet der Kreisverband Rosenheim der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ins neue Jahr: Der Generationenwechsel wurde angegangen. Angesichts der aktuellen Lage wurde die Rückschau auf das abgelaufene Jahr gestrafft. Breiten Raum in der Diskussion nahm das Volksbegehren gegen die Studiengebühren ein. Die GEW Rosenheim unterstützt einhellig das Volksbegehren. In der Diskussion wurde herausgestellt, dass das Menschenrecht auf Bildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig gemacht werden darf. Jeder junge Mensch sollte die seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechende Ausbildung, ohne zahlen zu müssen, machen können und schuldenfrei in das Berufsleben starten. Die Lehrergewerkschafter wollen aber keine Privilegien für bestimmte Bevölkerungsgruppen, sondern sehen auch das Problem der Eigenfinanzierung bei der beruflichen Bildung, z. B. bei der Meisterausbildung. Fernziel müsse sein, Bildung als öffentliches Gut für alle kostenfrei anzubieten. Deutschland als eine reiche Nation kann sich das leisten, wenn man die Steuergeschenke der letzten Jahrzehnte an die Reichen rückgängig mache und die Verschwendung von Steuergeldern, wie z. B. das Landesbankdebakel, verhindert. Der Erfolg des Volksbegehrens sei aber nicht sicher. Die Rosenheimer GEW ruft nicht nur die direkt Betroffenen auf, in die Rathäuser zu gehen und gegen Studiengebühren zu stimmen. Dies wäre ein erster Schritt, um das Menschenrecht auf Bildung für alle zu gewährleisten. Ein weiterer Diskussionsschwerpunkt war, wie die Erinnerung an Elisabeth Block würdig und dauerhaft wach gehalten werden kann. Sie ist durch ihre Tagebücher bekannt geworden, die die zunehmende Entrechtung und Vernichtung ihrer Familie als Juden in der Nazizeit dokumentieren. Einen Vorschlag, der schon bei der Übergabe der Originaltagebücher an die Stadt Rosenheim geäußert wurde, griff Kreisvorsitzender Andreas Salomon auf und sprach sich dafür aus, dass die Städtische Realschule für Mädchen den Namen „Elisabeth Block“ tragen sollte. Mit dieser Namensgebung könne das Andenken und das antifaschistische Vermächtnis bewahrt und an die nächste Generation weitergegeben werden. Da der Rechenschaftsbericht mit der Einladung versandt wurde, konnte Kreisvorsitzender Salomon bei seinem Vortrag sich auf einige Schwerpunkte beschränken. So lobte er die vertrauensvolle Zusammenarbeit im Rosenheimer DGB- Kreisvorstand, wo auch die Stimme der kleinen Gewerkschaft GEW zählt. Kassier Toni Reil konnte erstmals seit drei Jahren wieder einen positiven Kassenbericht vorlegen. Es wurde ein Überschuss in der Einnahmen-Ausgaben-Rechnung erzielt, so dass die Finanzlage des GEW Kreisverbandes stabil ist. Bevor es zu der Neuwahl des Vorstands kam, hob Salomon in seinem Dank an die Vorstandskollegen besonders Reiner Schober hervor, der als sein Stellvertreter viele wichtige Impulse für den Kreisverband gegeben habe und der Spiritus Rector der antifaschistischen Erinnerungsarbeit war. Schober hatte viele Exkursionen der Rosenheimer GEW zu Mahn- und Gedenkorten in der Umgebung wie auch bayernweit organisiert. Nach seiner Pensionierung stand Schober für eine weitere Amtszeit nicht mehr zur Verfügung. Die Vorstandswahlen brachten folgendes Ergebnis: Wiedergewählt wurden Vorsitzender Andreas Salomon, Kassier Toni Reil und Schriftführer Lothar Walter, neu ins Amt kam Stephan Geuenich als Stellvertretender Kreisvorsitzender. Beisitzer sind Helmut Pritschet, Michael Mende und Wolfgang Orlowski. In seinem Schlusswort bedauerte der alte und neue Vorsitzende Andreas Salomon zwar das Ausscheiden seines bisherigen Stellvertreters, mit dem er sehr harmonisch zusammengearbeitet habe, er freute sich aber, dass es gelungen sei, zwei engagierte Mitglieder aus der Generation der Dreißig-jährigen für die Vorstandsarbeit zu gewinnen und zugleich den Bereich der Sozialpädagogen und ErzieherInnen fachlich abzudecken. Als „Zuckerl“ für die Anwesenden verteilte er das in Eigenarbeit erstellte mittlerweile siebte Jahrbuch der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft des Kreisverbandes Rosenheim.

Lernerfolg

Rezension des Buches Remo H.Largo, „Wer bestimmt den Lernerfolg:“ Kind, Schule, Gesellschaft?“

Beltz Verlag, Weinheim 2013

„Das Beste, was einem Individuum passieren kann, ist, dass es sich so, wie es in seinem Wesen angelegt ist, verwirklichen darf.“ Die Einzigartigkeit eines jeden Kindes müsse gesehen werden, sagt der Arzt und Anwalt der Kinder Remo H. Largo und klagt damit die Schulen an, die dieser Individualität nicht gerecht würden.

Die Erkenntnisse des ehemaligen Züricher Professors für Kinderheilkunde beruhen auf langjährigen Forschungen als Leiter der „Züricher Longitudinalstudie“, bei der seit den 1970er Jahren inzwischen über 800 Kinder bis ins Erwachsenenalter beobachtet wurden. Der Autor der bekannten Bücher “ Babyjahre“, „Kinderjahre“ und „Jugendjahre“ geht in seinem neuen Buch der Frage nach, welche Faktoren für den Lernerfolg eines Kindes verantwortlich sind. So könne man z. B. Kindern nichts beibringen, wenn sie in ihrer persönlichen Entwicklung einfach noch nicht reif dafür seien, denn Lernen bedeute immer, an etwas Bekanntes anzuknüpfen. Kinder seien nicht zu belehren und auf das Erreichen von Standards zu reduzieren, sondern sie benötigten einen Rahmen, in dem sie selbständig lernen könnten. Lemgo kritisiert den Druck und die Gleichmacherei der Schulen, wobei die Individualität und Vielgestaltigkeit der menschlichen Natur vernachlässigt werde. Dies habe bereits Wilhelm von Humboldt vor 200 Jahren erkannt. Heute beherrschten aber immer noch praxisferne Schulreformen, zu volle Lehrpläne und ein Übermaß an bürokratischen Vorgaben den Alltag, während es doch die eigentliche Aufgabe der Bildungsministerien sei, „nachzufragen, zu unterstützen und Ressourcen bereitzustellen.“ Statt Bevormundung müssten wie in den skandinavischen Ländern Autonomie und Selbstverantwortung in den Schulen Einzug halten.

Unter Bezugnahme auf die Hattie-Studie, die zwar viele „Unschärfen“ aufweise, setzt Lemgo auf sehr kompetente und hochmotivierte Lehrer, die auch schwache Schüler zu guten Leistungen führen könnten. Der Unterricht müsse dabei auf den individuellen Schüler hin orientiert sein.

So weit so gut. Ob allerdings die äußeren Rahmenbedingungen wirklich derart zu vernachlässigen seien, wie es Hattie meint, muss doch in Zweifel gezogen werden. Hier übernimmt Largo die Ansichten Hatties recht unbedacht und glaubt wie dieser, Lehrer könnten die reinsten Supermenschen sein und alle gesellschaftlichen Probleme, die in die Schule hineingetragen werden, im Handstreich lösen.

Dies überrascht, da Largo eigentlich sehr deutlich sieht, wie groß die Unterschiede zwischen den Schülern sind, wofür er zurecht die gesellschaftlichen Bedingungen und unterschiedliche Anlagen und Lernerfahrungen verantwortlich macht sowie unterschiedliche außerschulische und vor allem vorschulische Erfahrungen.

So kritisiert er folgerichtig das mehrgliedrige Schulsystem, das bleibende Benachteiligung produziere. Chancengleichheit müsse gewährleistet sein, dass jedes Kind die Möglichkeit bekomme, sein individuelles Entwicklungspotential zu verwirklichen. Selektion und starre Bildungsstandards würden nicht mehr in die Welt von heute passen. Lernmotivation sei durch eigenes Handeln des Kindes zu wecken. Nachhaltiges Lernen beruhe auf eigenständigen Erfahrungen.

Von Chancengerechtigkeit sei man, so Largo, in Deutschland aber noch weit entfernt. Die soziale Herkunft eines Kindes spiele nach wie vor eine entscheidende Rolle. So werde die Einführung breit angelegter und wirksamer familienergänzender Tagesstrukturen (Kindertagesstätten, Ganztagsschulen) immer noch hinausgezögert und so bliebe die Schule eine „nacherzieherische Nothilfestation“. Folglich plädiert Largo für eine „grundlegende Erneuerung der Schule“, die auf jedes Kind mit seinen individuellen Eigenheiten eingehen und die Gesetzmäßigkeiten der kindlichen Entwicklung achten müsse.

Der Autor des schmalen, gut lesbaren Buches redet nie lange um den heißen Brei herum, sondern redet gleich Tacheles. Die Verbindung ärztlicher Beobachtungen mit pädagogischen Erkenntnissen führt zu überzeugenden Ergebnissen. So ist es kein Zufall, dass das Buch als Flugschrift vom Archiv der Zukunft herausgegeben wird und mit einem längeren Gespräch zwischen dem Autor und Reinhard Kahl, dem bekannten Schulzukunftsforscher, endet. Auf die Frage Kahls, worin der Vorteil des Verschiedenseins der Kinder bestehe, äußert Largo: „Jeder leistet mit seinen Stärken in der Gemeinschaft seinen Beitrag. Gerade weil wir unterschiedlich sind, entsteht eine produktive Gemeinschaft.“