Leserbriefe 09

Andreas Salomon, Kreisvorsitzender, Kolbermoor

7.9.2009

Sitzenbleiben abschaffen!

In keinem anderen Industrieland der Welt bleiben so viele Schüler sitzen wie in Deutschland und innerhalb von Deutschland ist ausgerechnet Bayern mit 3,6 % aller Schüler absoluter Spitzenreiter, also das Bundesland, das sich immer am lautesten seiner vorbildlichen Bildungspolitik rühmt. 250.000 Schüler müssen in Deutschland jährlich wiederholen, ca. jeder Dritte muss insgesamt mindestens ein Jahr länger die Schulbank drücken.

Dabei ist Wissenschaftlern und vielen Lehrern längst klar, dass das Drehen der sogenannten „Ehrenrunde“ eine Maßnahme ist, die noch aus der pädagogischen Mottenkiste mitgeschleppt wird, und deren weitere Beibehaltung eher als Akt der Hilflosigkeit zu verstehen ist. Zudem werden dadurch in Bayern jedes Jahr 270 Millionen Euro in den Sand gesetzt, die zur Verkleinerung der Klassen und zur Einstellung von mehr Lehrern deutlich besser angelegt wären.

Jeder vernünftige Mensch fragt sich doch, welchen Sinn es macht, den gesamten Jahrgangsstoff zu wiederholen, wenn nur in zwei Fächern das Leistungsziel nicht erreicht wurde. Zudem ließ sich vielfach beobachten, dass Wiederholer meist derartig enttäuscht und frustriert sind, sich herabgesetzt und gedemütigt fühlen, dass ihnen nun auch die letzte Motivation fehlt, sich intensiver zu bemühen. Der Verlust von Freunden der alten Klasse, erheblicher Stress mit den Eltern, die Schwierigkeiten, in der neuen Klasse sich einzuleben wirken eher bremsend statt aktivierend. Und Verhaltensprobleme tun oft noch ein Übriges, weil Sitzenbleiber die Schande des Wiederholens nicht selten durch besonders häufige Verstöße gegen Ordnungsprinzipien zu überspielen versuchen.

Fördernd ist in der Regel nicht der Tadel, nicht das Herabstufen, das Zurücklassen, sondern die Ermutigung, die Zuwendung, das Mitnehmen. Es ist doch völlig lebensfremd, von den unterschiedlichsten Schülern zu erwarten, dass sie alle bei unterschiedlichstem Entwicklungsstand, unterschiedlichsten Elternhäusern und unterschiedlichsten Schulen und Lehrern immer in der gleichen Zeit das Gleiche leisten.

An die Stelle des Sitzenbleibens muss die frühzeitige individuelle kostenlose Förderung durch die Schulen treten. In Finnland rückt bei Leistungsabfall sofort die Schlechte-Schüler-Feuerwehr aus. Sitzenbleiben gibt es im PISA-Spitzenland nicht.

Im Zentrum aller pädagogischer Überlegungen muss immer der Schüler stehen und die Frage, wie ihm am besten zu helfen ist. Jeden rechtzeitig zu fördern und niemanden zurücklassen muss die Devise sein.

Andreas Salomon, Kreisvorsitzender, Kolbermoor Antwort auf einen Leserbrief zum historischen Rundgang

Unrühmliche Tradition des Chiemgaubundes

Der Autor Werner Krämer hält es für angemessen anlässlich der bayerischen Revolution vor 90 Jahren ausführlich die mehr als zweifelhafte Tradition des Chiemgaubundes in Erinnerung zu rufen. Dabei lässt er sich, um ein möglichst positives Bild zu zeichnen, von jeder Menge stereotyper Vorurteile leiten, die er ergänzt durch Geschichtsverfälschungen in Form von Falschbehauptungen und Weglassungen.

Stolz wird berichtet, dass die Samerberger Gebirgsschützen sich auf den Pfaden des Chiemgaubundes bewegen würden und die Verpflichtung eingegangen seien, „die Tradition der Freischärler von 1919 aufrecht zu erhalten.“ Dass die Freicorps bei der Zerschlagung der bayerischen Räterepublik sich durch besondere Brutalität und Grausamkeit auszeichneten, findet leider keine Erwähnung.

Hingegen wird behauptet, der Rosenheimer Volksratsvorsitzende Guido Kopp habe vor Ort eine „Schreckensherrschaft“ ausgeübt. Worin diese bestanden haben soll, erfährt man aber leider nicht. Richtig ist vielmehr, dass die Räte in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg sich in aufopferungsvoller Weise um die Versorgung der Stadt gekümmert haben, dabei allerdings den Großkopferten erheblich auf die Finger sahen.

Weiterhin ist bezüglich Kolbermoor zu lesen, diese Stadt habe neben anderen Städten „unter den politischen Wirren der damaligen Zeit am meisten zu leiden gehabt“. Richtig ist, wie umfassenden Studien von mir („Auf den Spuren von Georg Schuhmann und Alois Lahn“) ergeben haben, dass der demokratisch gewählte Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann und seine Mitstreiter sehr erfolgreich dem Leiden der Bevölkerung nach dem Krieg entgegengewirkt haben, indem sie sich für eine gerechte Lebensmittelzuteilung einsetzten, Schleichhandel und Wucherpreise unterbanden, Arbeitsplätze schufen und sich um das Gesundheitswesen kümmerten. Immer wieder taucht auch das Märchen auf, dass „bewaffnete Spartakisten und Kommunisten“ den Bürgermeister in Kolbermoor abgesetzt hätten. Im Protokollbuch der Räte ist nachzulesen, dass am 22. Februar eine außerordentliche Sitzung des Volksrates (der keineswegs nur von Kommunisten besetzt war) stattgefunden habe, auf der man Bürgermeister Bergmann den Rücktritt nahegelegt habe.

Dann ist in besagtem Artikel über Rosenheim zu lesen, „eine der ersten Handlungen der Rätediktatur unter Kurt Eisner war es, Rosenheims Oberbürgermeister Hofrat Josef Wüst regelrecht in die „Wüste“ zu schicken.“ Eisner war aber längst tot, als dies geschah. Richtig ist, dass der Volksrat in Rosenheim bereits am 8. November 1918 auf einer Versammlung von mehreren tausend Menschen auf der Loretowiese gegründet wurde, während Wüst erst 4 Monate später, nämlich einen Tag nach der Ermordung von Eisner (21.2.1919) zum Rücktritt aufgefordert wurde.

Besonders wichtig scheint Werner Krämer weiterhin die „Tradition“ des Chiemgaubundes zu sein, ohne sich aber darauf näher einzulassen. Generell ist nämlich unbestritten, dass die etwa 400.000 Mitglieder der 120 namentlich nachweisbaren Freicorps vor allem antirevolutionäre und antidemokratische Ansichten vertraten und „durch Erschießungen wesentlich zur Eskalation der Gewalt beigetragen“ haben (Miesbeck, Bürgertum und Nationalsozialismus in Rosenheim, S. 125).

Aus den Freicorps und damit auch dem Freicorps Chiemgau gingen seit 17. Mai 1919 die paramilitärischen Verbände der Einwohnerwehren hervor, so auch das „Wehrkommando Chiemgau“. Bei Miesbeck, S.127 ist nachzulesen: „Den Ruf als ebenso zuverlässige wie brutale Einheit erwarb sich der „Chiemgau“ mit dem Einsatz gegen Hof.“ Rund 700 Mann des „Chiemgau“ nahmen an der Expedition 1920 nach Hof teil, um den dortigen provisorischen Vollzugsrat, den USPD, MSPD und KPD gebildet hatten, zu stürzen. Zwar wurde Hof kampflos übergeben, „aber die Chiemgauer kamen bei den „Säuberungsaktionen“ in Hof und Umgebung „auf ihre Kosten, indem sie mutmaßliche Rädelsführer verhafteten und gründlich verprügelten“ Der Gauhauptmann Kanzler sprach von „heiteren Zwischenfällen“.

Als festgestellt wurde, dass sich auch Juden in den Reihen der Einwohnerwehr Chiemgau befanden, drängte man sie hinaus: „Protest! Wir Unterzeichneten, Mitglieder der Einwohnerwehr Rosenheim, verlangen, daß die Wehr sich nur aus deutschrassigen Mitgliedern zusammensetzt und erwarten daher das Ausscheiden der jüdischen Rase aus dem Verband. Sollte dies nicht freiwillig erfolgen, so lehnen wir innerhalb der Wehr weitere Kameradschaft mit der jüdischen Rasse ab und verweigern ihr jede persönliche Unterstützung und jeden kameradschaftlichen Schutz“ (Kögl, „Revolutionskämpfe“, S.281).

Am 27. Juni 1921 wurden die Einwohnerwehren verboten. Die Rosenheim führten aber den „Bund Chiemgau“ einfach fort, der schon 1923 eine „Arbeitsgemeinschaft Rosenheim“ mit den Nationalsozialisten einging. Als die Nazis die „Heimatschutzverbände“ auflösten, ging der Bund Chiemgau zu den Nazis über: Am 11. März 1933 wurde folgendes Telegramm an General Franz Ritter von Epp gesandt: „Der Bund Chiemgau steht nach einstimmigem Beschluß der Führerversammlung geschlossen hinter der nationalen Regierung im Reich und in Bayern, bittet um Eingliederung in die nationale Gesamtbewegung und um umgehende Mitteilung, wann Abordnung dieserhalb bei Genral von Epp vorsprechen kann.“ (Kögl, S. 289)

Die Samerberger Gebirgsschützen möchten also diese Tradition fortsetzen und sprechen dabei von „Frieden in Freiheit“. Welch ein Hohn!

Hat der Autor Werner Krämer mit Absicht diese Fakten fortgelassen oder war es nur schlampige Recherche?