Die Schulkatastrophe

Buchbesprechung für die „DDS“

Kurt Singer: Die Schulkatastrophe, Beltz Verlag Weinheim,
Februar 2009, 16.95 Euro von Andreas Salomon GEW-Kreisvorsitzender Rosenheim

Dieses Buch wird mich nicht mehr loslassen. Es wird mein ständiger Begleiter werden. Es ist das erste pädagogische Buch, das ich gleich ein zweites Mal lesen musste. Von ihm geht eine ungeheure Kraft aus. Es wirkt auf mich befreiend, geradezu entfesselnd, es richtet den Blick nach vorne. Es konfrontiert mich mit mir selbst, zwingt zum Blick in den Spiegel. Es verspricht mir zu helfen. Und es fordert mich auf zu handeln – nicht morgen, sofort! Worauf noch warten!

Selten hat ein Buch mich so elektrisiert, so euphorisch gestimmt. Denn es ist ein Buch über mich und eines über dich, eines über uns alle, die wir wesentlich dazu beitragen, der Schule ihr heutiges Gesicht zu geben. Einer Schule, die wir aber so gar nicht wollen, die völlig anders werden muss, in die wir uns hineingepresst sehen, von Paragraphen gefesselt, von Bürokraten drangsaliert. Es ist eine Schule, die uns weit von uns weggeführt hat, in der wir uns oft selbst nicht mehr wiedererkennen. An manchen Tagen vielleicht sogar erschrecken über uns selbst, darüber, was wir angerichtet habe – obwohl wir es doch eigentlich viel besser könnten.

Analyse und zugleich Hilfe

Aber nicht nur die sorgfältige Analyse des maroden Schulsystems macht das Buch lesenswert, sondern vielmehr die Flut an konkreten Vorschlägen, wie wir mit und in dieser Schullandschaft besser leben können. Und vor allem – wie die Schüler mit uns besser leben können und auch deren Eltern.

Blick in den Spiegel

Es sei dabei gleich vorweg gesagt: Wir werden in unserem Lehrerverhalten nicht geschont. Uns wird ein Spiegel vorgehalten, in dem wir uns leider viel zu oft als Vollzugsbeamte wiedererkennen, die sich hinter angeblichen Sachzwängen verstecken und es an Phantasie fehlen lassen, die Lücken des Systems zu nutzen. Mangel an Kreativität, Mutlosigkeit, das zu tun, was man eigentlich für richtig hält: Widerstand zu organisieren – das zeichnet nur zu oft unser Verhalten aus.

Natürlich plädiert Singer als erfahrener Pädagoge vehement für „Eine Schule für alle“, wehrt sich gegen jede Form von Ausgrenzung und Herabsetzung, aber gleichzeitig macht er Vorschläge, was wir hier und schon heute tun können und tun müssen.

Forderung nach humaner Schule

Die Tiefe und damit das Ergreifende des Buches steckt aber in seiner ethischen Grundhaltung, die durch eine zutiefst humane Gesinnung geprägt ist. Prof. Singer, der Mitbegründer der Aktion Humanen Schule, will eigentlich nur eines, dass wir uns als Menschen erkennen und als solche handeln, den Schülern gegenüber, den Kollegen, den Eltern und nicht zuletzt uns selbst gegenüber. Und er macht als großer Lehrer ganz im Brechtschen Sinne Vorschläge, wie jeder von uns das im Schulalltag tun kann, wenn er denn will.

Angsthaus Schule

Wer von euch hat selber Kinder? Oder wer kann sich noch gut an seine eigene Schulzeit erinnern? Es ging uns doch allen gleich, dass wir tief durchgeatmet haben, als wir das „Angsthaus“ Schule endlich verlassen durften. Ihr wisst vom Schulversagen eines Heinrich Böll, Hermann Hesse, Günter Grass, Thomas Bernhard. Fast könnte man sagen, nur Schulversager haben es zu etwas gebracht. Wer selbst Kinder hat, sehnt den Tag herbei, an dem sie hoffentlich ihr Abschlusszeugnis in Händen halten. Hunderte von Euros für Nachhilfe und zusätzliche Lernhilfen, Ärger über Korrekturen von Kollegen, Streit bei Elternsprechtagen. Kranke Kinder, die nicht mehr zur Schule wollen, kranke Eltern, die ständig streiten – wann ist das alles endlich vorbei!

Nach Alternativen suchen

Prüfungen müssen einen nicht in Angst und Schrecken versetzen, Noten die Schüler nicht selektieren und erniedrigen. Sitzenlassen eines Schülers führt meist nur zu weiterem Misserfolg. Kein Kind darf verloren gehen! Es ist doch purer Unsinn, allen in gleicher Zeit das Gleiche abzuverlangen und das noch meist ohne Hilfsmittel. Welche völlig unwirklichen Situationen schafft die Schule! Oder liegt jetzt etwa neben mir eine Uhr, wann dieser Artikel fertig zu sein hat und darf ich dabei keinen Blick mehr in das zu besprechende Buch werfen?

Schule soll wieder Spaß machen. Nein, natürlich ist nicht Hully – Gully gemeint, vielmehr Lebensfreude. Schule als Ort des Aufspürens und Entdeckens, des sozialen Miteinanders. Leistung gemeinsam zu erbringen, jeden Tag etwas mit nach Hause nehmen, etwas, das fürs Leben nützlich ist, kein staubiges Buchwissen. Pädagogen wissen: Ist die Stimmung gut, stimmt auch die Leistung.

Demokratie praktizieren

Aber eine gute Stimmung setzt demokratisches Verhalten voraus. Toleranz und Akzeptanz sind Voraussetzungen, um Schüler zu stärken, ihnen Kraft zu geben und ein solides Selbstbewusstsein. An unzähligen konkreten Beispielen aus der Praxis zeigt Singer auf, wie aufbauend Lehrerverhalten sein kann, aber auch wie destruktiv. „Du bis ein hoffnungsloser Fall!“ Oder: „Deine Leistungen werden immer besser, merkst du, was alles in dir steckt!“ Das „aufrichtende Wort“ kann Wunder bewirken, das herabsetzende auch. Und wie hilfreich ist es für Lehrer, wenn sie es schaffen, ihre Kinder näher kennenzulernen, ihnen wirklich zu begegnen, vielleicht in ihre Seele zu schauen.

„Ohne Liebe ist alles nichts!“

Enden tut das Buch – und anders ist es gar nicht vorstellbar – mit der Aufforderung zur Liebe. „Ohne Liebe ist alles nichts!“ Der Mensch möge dem Menschen ein Helfender sein. Singer zeigt, dass der Lehrerberuf ein sehr schöner Beruf sein kann. Er rüttelt uns wach, nicht zu resignieren, sondern uns neu zu besinnen und aufzubrechen. Ein Buch, das hoffnungsvoll stimmt, das viel Kraft gibt! Ich werde es sicher oft verschenken und der GEW-Landesvorstand sowie die Bezirks- und Kreisvorstände vielleicht auch.

Jahreshauptversammlung 09

Pressemitteilung vom 02.02.2009 von Lothar Walter

Rückblick auf erfolgreiches Jahr

Jahreshauptversammlung der GEW Rosenheim

Auf ein erfolgreiches Jahr nach der Umstrukturierung im Vorstand konnte der Kreisvorsitzende der Gewerk schaft Erziehung und Wissenschaft, Andreas Salomon, zurückblicken. Das hohe Niveau der Aktivitäten, wie z. B. regelmäßige Information der Mitglieder und etliche Veranstaltungen politischer und geselliger Art, eine stabile Kassenlage sowie ein leichter Mitgliederzuwachs ließen viel Freude aufkommen.

In seinem Rechenschaftsbericht sah Salomon den Rosenheimer GEW-Kreis an der Spitze der ländlichen Kreisverbände in Oberbayern. Erfolgsfaktoren seien eine weitgehende Harmonie im Verband und eine emotionale Bindungskraft, die einen aktiven Kern von GEWlern entstehen ließen. Salomon dankte für stabile und verläßliche Arbeitsstrukturen im Vorstand, namentlich seinen Stellvertretern Reiner Schober und Wolfgang Orlowski, dem Kassier Toni Reil, dem Homepage-Master Helmut Pritschet und dem Pressewart Lothar Walter. Einen eigenen Rechenschaftsbericht brachte Michael Mende für die Junge GEW ein.

In der anschließenden Dikussion nahmen die aktuellen tarif- und beamtenpolitischen Probleme einen breiten Raum ein. Im Nachfolgetarifvertrag für den früheren BAT, dem Tarifvertrag für die Landesangestellten TV-L seien von der Gewerkschaft Fehler gemacht worden. Bei einem Arbeitsplatzwechsel nach vielen Berufsjahren werde der Besitzstand nicht gewahrt, es sei nicht zwingend die Anrechnung der Berufserfahrung vorgeschrieben, was sich vor allem private Arbeitgeber zu Nutze machten. Das könne bis zu 1 000 Euro Einkommensverlust pro Monat führen. Als einen Fortschritt mit Nebenwirkungen bezeichnete Reiner Schober die für September 2009 vorgesehenen ersten funktionsunabhängigen Beförderungen für Grund- und Hauptschullehrer nach A 12 plus Zulage. Dies ergebe nun einen Beurteilungsmarathon, dem fast alle Lehrkräfte, auch jenseits der bisherigen Altersgrenze, unterworfen seien, was zu verständlicher Unruhe in den Kollegien führe. Ein Riesenproblem für die Kollegialität sah Schober in der Zukunft, da natürlich nur Wenige auch befördert werden. Er warnte vor Miss gunst und Demotivation. Die GEW Rosenheim sieht die unterschiedliche Eingruppierung und Laufbahnchance als nicht gerechtfertigt an und fordert für alle Lehrer eine gleiche Eingangsbesoldung nach A 13 und eine funk tionsunabhängige Beförderungsmöglichkeit.