gesund bleiben

Ansprache für die GEW-Veranstaltung „Gesund bleiben in pädagogischen Berufen“ am Donnerstag, den 23. Oktober 2008 in der Privaten Wirtschaftsschule Dr. Kalscheuer in Rosenheim

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste,

ich darf Sie alle hier im Namen des Kreisvorstandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft recht herzlich zu unserer Veranstaltung „Gesund bleiben in pädagogischen Berufen“ begrüßen. Wir freuen uns sehr, dass wir mit Herr Dr. Vogt aus Bad Tölz einen weit über die Grenzen Bayerns anerkannten Fachmann unter uns haben, der uns auf dem Gesundheitstag der GEW in München bereits begeistert hat und nun hier zu Gast ist. Herzlich willkommen!

Es ist schön, dass wir uns hier in diesen Räumlichkeiten treffen können, wofür ich meinem Schulleiter, Herrn Studiendirektor Thomas Seidel, recht herzlich danken möchte.

Vor einigen Tagen, meine Damen und Herren, hatte ich einige Referendare zu Besuch in meinem Unterricht und im Anschluss lud ich sie auch zu dieser Veranstaltung ein. Aber ihre Reaktionen waren sehr verhalten – verständlicherweise, wie ich mir danach überlegte, denn die Belastungen des Lehrerberufs bauen sich meist erst mit der Zeit auf und die Erkenntnis, sich irgendwie schützen zu müssen, reift oft erst mit voranschreitendem Alter.

Aus einer Studie von Buch und Frieling aus dem Jahre 2001 geht hervor, dass die Lärmbelästigung in Kitas über sämtliche Phasen des Arbeitstages Spitzen von 80 Dezibel (dB) erreicht. Das Maximum lag bei 113 dB. Nicht viel anderes dürfte es in manchen Schulen sein.

Die Folgen sind im Laufe der Zeit verringertes Konzentrationsvermögen, gestörte Kommunikation, verminderte Leistungsfähigkeit, Kopfschmerzen, Stressreaktionen und schlimmstenfalls der Verlust des Hörvermögens – sprich „Lärmschwerhörigkeit“. So war es jüngst nachzulesen in dem Artikel „Gesundheitsschutz für Kita-Beschäftigte“ in der Zeitschrift „Die demokratische Schule“ vom September 2008.

Welche Ansprüche heute an Lehrer gestellt werden, las ich letzte Woche in dem Buch „Große Pause“ der Gymnasiallehrerin Marga Bayerwaltes. Uns Lehrern sei es aufgegeben, in jedem Kind, und sei es auf den ersten Blick noch so abstoßend, einen hilfe- und liebebedürftigen kleinen Menschen zu sehen, der auf uns persönlich angewiesen ist. Wenn es uns nicht gelinge, unsere eigenen starren Reaktions- und Rollenschemata zu überwinden und den Schülern als Menschen mit Herz und Hirn als vertrauenswürdige, liebenswürdige und interessante Erwachsenenexemplare entgegenzutreten, dann werde der Lehrerberuf in Zukunft, so Bayerwaltes, noch mehr als bisher zu „einem der schrecklichsten und armseligsten Berufe aller Zeiten werden“.

Ein schlechter Lehrer sei verheerender als ein schlechter Arzt, Psychologe oder Anwalt. Der Lehrerberuf, so die Verfasserin, dürfe nicht länger Auffangbecken der Mittelmäßigen und Unentschlossenen, der Ängstlichen und Labilen, der Faulen und Kranken sein.

Wir merken, hier schießt eine Kollegin weit über das Ziel hinaus. Sie fordert den Übermenschen und das können und wollen wir nicht sein. Die Kräfte eines Lehrers sind natürlich genauso begrenzt wie die eines jeden anderen Menschen. Aber die Bedingungen, unter denen er arbeiten muss, werden von der breiten Öffentlichkeit in aller Regel deutlich unterschätzt, zumal die Medien nur zu gerne althergebrachte Vorurteile vom gut bezahlten Halbtagsarbeiter pflegen, der im Wesentlichen seinen Hobbys nachgeht.

Zwar ist bekannt, dass die Klassen zu groß sind, die Stofffülle oft kaum Zeit zum sorgfältigen Erarbeiten lässt, das ständige Abprüfen viel Korrekturarbeit bedeutet und der Arbeitsalltag durch ein hohes Tempo, Lärm, Unruhe und die Notwendigkeit ständiger, höchster Konzentration gekennzeichnet ist, dennoch ist es für den Außenstehenden schwer nachvollziehbar, wie sehr die Gesundheit durch die „Normalität des Alltags“ angegriffen wird. Kommen noch Spannungen unter den Kollegen hinzu, Konflikte mit dem Chef oder mit Eltern, kommt es zu verbaler Aggression, zu Mobbing oder offener Gewalt, nimmt die Stressbelastung kein Ende mehr.

Dann fragt sich so mancher, wo ist meine Freude an diesem Beruf geblieben? Und viele zahlen dann körperlichen und seelischen Tribut.

Wenn die Kräfte nicht mehr reichen, es an Unterstützung mangelt, wenn die gegenseitigen Erwartungen zwischen Lehrkraft und Schulleitung nicht mehr stimmen, wenn ein Gleichgewicht zwischen Engagement und Wertschätzung aus den Fugen gerät, dann ist eine Reaktion der Verweigerung nicht mehr weit. Bei den einen erfolgt die innere Kündigung, bei den anderen verweigern der Körper oder die Seele ihren Dienst.

Wir treffen uns heute hier, um es nicht so weit kommen zu lassen, um zu erfahren, wie es uns gelingen kann, nicht in die Krankheitsfalle zu geraten. Wir können noch so gute Lehrer sein, aber was hilft es, wenn wir frühzeitig verbrennen.

Fehlt uns die Kraft, den Alltag für uns selbst zufriedenstellend zu bewältigen, werden wir zu Verwaltern pädagogischer und psychologischer Prozesse und werden zunehmend erstarren. Begeisterung und Freude am Lernen und am Leben kann nur jemand vermitteln, der selber sich immer wieder neu begeistern kann, einen Sinn in seiner Tätigkeit immer wieder neu entdeckt und sich freut, Lehrer junger Menschen sein zu dürfen.

Das alles kann aber nur gelingen, wenn wir gesund bleiben. Sprichwörtlich heißt es, so gesund wie ein Fisch im Wasser. Und das wird unter unseren Arbeits- und Lebensbedingungen immer schwerer. Aber das wünsche ich uns allen. Deshalb freue ich mich, jetzt Herrn Dr. Vogt das Wort geben zu können, von dem wir nun sicher Vieles, das uns helfen wird, lernen können.

Kathrein und Döser

Vortrag „Kathrein und Döser („Oberbayerisches Volksblatt“)
Profiteure der Nazis?“ Professor Dr. Klaus Weber Mittwoch, 29.Oktober 2008, 19.30 Uhr Rosenheim, Ocakbasi im Schützenhaus, Küpferlingstr.62

Bericht in SZ am 29.10.08

Ende des Schweigens – Vortrag über Rosenheimer Firmen in der NS-Zeit

Lange hat der Gründer des heute größten Unternehmens in Rosenheim nicht gebraucht, bis er sich als Mitglied Nummer 1 724 236 registrieren ließ. Am 1. Mai 1933 folgte Anton Kathrein senior dem Ruf des Führers. Im gleichen Jahr saß er für die Nazis im Stadtrat, von 1934 an gehörte er der SA an. Anfang der vierziger Jahre ersuchte der Handwerker und Fabrikant den NS-Bund Deutscher Technik um Zuerkennung des Titels „Ingenieur“. Die Partei in Rosenheim stellte ihm dafür ein Zeugnis aus: „Kathrein hat sich jederzeit für die Ziele der Partei tatkräftig eingesetzt. Er ist politischvollkommen einwandfrei.“

Die Herstellung von elektronischen Artikeln – auch für die Kriegsindustrie – brummte, Kathrein erhielt 1942 etwa 50 Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine zugeteilt. Eine soll nach Schlägen eines Angestellten mit blutverschmiertem Gesicht von der Firma ins Arbeitsamt geflohen sein. Außerdem sollen unwillige Zwangsarbeiterinnen übers Wochenende in den Keller gesperrt worden sein. Eine von ihnen hat sich 2004 daran erinnert, dass sie am freien Sonntag in den umliegenden Dörfern um Nahrung bettelte. Bis zum Schluss sei Kathrein ein Aktivist der Nazis gewesen, soll Lehrbuben zum bewaffneten Widerstand aufgerufen haben, sagte ein Zeuge 1946 aus.

Das alles lässt sich aus den Akten der Spruchkammer, die Anton Kathrein 1949 als Mitläufer einstufte, herauslesen. Kathrein stritt damals alle Vorwürfe ab. Er habe von der Partei weder persönlich noch wirtschaftlich profitiert, sagte er. Aus dem Stadtrat sei er 1936 freiwillig ausgeschieden. Für die Zwangsarbeiterinnen will er ordentlich gesorgt haben. Mehr darüber weiß in Rosenheim niemand. Das Thema Nationalsozialismus wird in der Stadt weitgehend gemieden. Zwei wissenschaftliche Arbeiten und eine Ausstellung Ende der achtziger Jahre, mehr ist in der öffentlichen Diskussion seit Kriegsende nicht verzeichnet. Nun ist jedoch für den heutigen Mittwoch ein Vortrag angekündigt: „Kathrein und Döser – Profiteure der Nazis?“. Referent Klaus Weber, Professor an der FH München, will eine Aufarbeitung der Nazi-Zeit in Rosenheim anstoßen, „die schon in den siebziger und achtziger Jahren hätte stattfinden sollen“. Darum habe er die Geschichte der „zwei einflussreichsten und die Öffentlichkeit der Stadt prägendsten Unternehmen“ untersucht.

Neben dem Antennenhersteller Kathrein hat sich Weber mit der Verlegerfamilie Döser beschäftigt. Vor dem Krieg war Alfons Döser, Großvater des heutigen Verlagsleiters Oliver, ein einfacher Angestellter. Wenige Jahre danach war er beteiligt an dem Rosenheimer Verlag, der heute mit sieben Lokalzeitungen, zwei Anzeigenblättern und zwei Radiosendern ein fast uneingeschränktes Monopol in der Region besitzt. Ihm wurde vorgeworfen, die Notlage eines KZ-Häftlings für Geschäfte zu seinem Vorteil ausgenutzt zu haben. Er wurde als „Belasteter“ in zweiter Instanz dazu verurteilt, ein Viertel seines Vermögens abzugeben und auf viele bürgerliche Ehrenrechte zu verzichten. Das Urteil wurde 1950 aufgehoben, da nicht nachzuweisen war, ob er sich tatsächlich bereichert habe oder es nur versucht hat.

Die heutigen Firmenchefs Anton Kathrein, Besitzer eines Unternehmens mit mehr als einer Milliarde Umsatz im Jahr, CSU-Mitglied und Dritter Bürgermeister, sowie Oliver Döser, Leiter des OVB Medienhauses, halten es wie ihre Vorfahren: Sie schweigen. Man wolle sich zu diesem Thema nicht äußern, heißt es. Eine Beteiligung der Firma Kathrein am Fonds zur Entschädigung von Zwangsarbeitern ist nicht bekannt.

Weitere Infos dazu hier

Und der Text des Vortrags