JVA Bernau

Bericht über den Besuch der Justizvollzugsanstalt in Bernau am 13.7.2006 von Andreas Salomon

Gewerkschaft im Gefängnis

Ins Gefängnis zu kommen ist für die meisten Menschen gar nicht so einfach. Denn man muss schon zu einer Personengruppe gehören, die ein gewisses Interesse nachweisen kann, die Organisation eines Knasts und die Lebensbedingungen der Gefangenen genauer kennenzulernen. So war der Kreisvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Andreas Salomon froh, mit einer Gruppe von 18 Lehrern und Erziehern das Gefängnis besuchen zu dürfen.

Schon Wochen vorher war eine Teilnehmerliste einzureichen. Vor Ort mussten dann Photos, Handys, Autoschlüssel und ähnliches an der Pforte in einem Schließfach hinterlegt und die Ausweise bereitgehalten werden. Einer der drei Anstaltsleiter, Oberregierungsrat Mann, führte, begleitet von Amtsinspektor Färbinger die Gruppe durch den Gefängniskomplex.

In einer einführenden Besprechung wurden die Besucher mit den allgemeinen Haftbedingungen in Bernau vertraut gemacht. Zwischen 850 und 870 männliche Gefangene büßen hier eine Strafe bis zu 3 Jahren ab, im Durchschnitt sind es 9 Monate. Die meisten befinden sich im Alter zwischen 20 und 35 Jahren. Aber manche sind auch wesentlich älter, der älteste an die 80. Viele werden wieder rückfällig. Rekordhalter sei einer, der schon 85-mal im Gefängnis gewesen sei. Herr Mann machte deutlich, dass manche außerhalb der Gefängnismauern große Probleme hätten, sich überhaupt oder wieder orientieren zu können und eigentlich nie gelernt hätten, ein geordnetes, straffreies Leben zu führen. Das Gefängnis böte immerhin eine Unterkunft, einen Arbeitsplatz und durch ein bestimmtes Regelsystem einen sozialen Rahmen, der für manche Gefangene hilfreich sei, sodass einige gerne wieder- kämen.

Die meisten leben in den 497 Einzelhafträumen, aber es gibt auch Gruppenzellen für bis zu 4 Häftlingen. Die Gefangenen unterliegen einer Arbeitspflicht, der sie in einem der 19 Eigenbetriebe oder 15 Unternehmerbetriebe nachgehen können. Die Eigenbetriebe dienen der Selbstversorgung der Anstalt (Metzgerei, Bäckerei, Zimmerei, Schlosserei, Wäscherei usw.). Sie werden von Werksbeamten geleitet, die eine Meisterprüfung und eine Vollzugsausbildung nachweisen können. Die Unternehmerbetriebe sind so organisiert, dass die Gestaltung des Betriebsablaufes dem Unternehmer unterliegt und Bernau die Räume, das Personal und die Aufsicht stellt. Morgens um 6.15 Uhr wird geweckt, um 7 Uhr beginnt die Arbeit. Sie wird auch bezahlt, allerdings mit bescheidenen Löhnen zwischen 1 Euro und 1.70 Euro. Zu bedenken sei aber dabei, so Herr Mann, dass jeder einzelne Gefangene den Steuerzahler pro Tag 67 Euro koste. Der Lohn der Gefangenen wird z.T. für diese gespart, ansonsten kaufen sie davon Zigaretten, Bohnenkaffee, Schokolade, Chips und ähnliches.

Bernau müsse man sich wie ein großes Dorf vorstellen, das aber natürlich hinter massiven, hohen Zäunen liegen müsse. Seit deren Errichtung vor einigen Jahren sei auch kein Ausbruch mehr vorgekommen. Über 300 Bedienstete seien hier tätig. Man habe 4 Juristen, 2 eigene Ärzte, 3 Psychologen, 2 Lehrer, mehrere Sozialpädagogen, 40 Werksbedienstete usw. Letztere müssten zuvor eine Ausbildung von 20 Monaten absolvieren und entweder den mittleren Bidlungsabschluss nachweisen oder den Quali und eine Berufsausbildung.

Auch Gefangene können eine Ausbildung machen, was allerdings wegen der maximalen Aufenthaltsdauer von drei Jahren manchmal etwas schwierig ist. Allerdings gäbe es momentan 20 Auszubildende.

Sehr beeindruckend war der Blick in die spartanisch ausgestatteten schmalen Zellen, die alle Teilnehmer der Besuchergruppe gerne und schnell wieder verließen. Überhaupt wirkte der Aufenthalt hinter eine Welt von Gitterstäben sehr beengend.

Ein Blick in den Wohngruppenvollzug zeigte, dass es auch ohne schwere Stahltüren gehen kann. Hier leben bestimmte Häftlinge in Kleingruppen nach ganz besonderen Regeln, um sich auf ein straffreies Leben vorzubereiten. Traurig aber auch hoffnungsvoll stimmte eine kleine Schreinerei, in der ganz besonders problematische Häftlinge unter sorgfältiger Anleitung wieder an Arbeit und soziale Verhaltensweisen herangeführt werden.

In einer abschließenden Diskussion wurden zahlreiche Fragen beantwortet und manche Probleme wurden sichtbar, so z.B. der trotz strengen Verbots weit verbreitete Konsum von Drogen, die illegal in die Haftanstalt gelangen. Die Gewerkschafter hörten gerne, dass es natürlich einen Personalrat gäbe und eine eigene Gefangenenvertretung.

Abschließend bedankte sich GEW-Kreisvorsitzender Andreas Salomon bei Herrn Mann und Herrn Färbinger herzlich für die umfassende Führung und zeigte sich wie auch alle anderen Kolleginnen und Kollegen von dem Besuch in Bernau sehr beieindruckt.

Holzweg

Bericht über die satirische Radlwallfahrt nach Tuntenhausen am 8.7.2006 von Andreas Salomon

GEW auf dem Holzweg

Satirische Radl-Wallfahrt nach Tuntenhausen

Helmut Pritschet, Mathematiklehrer am Gymnasium Elkofen und GEW-Vorstandsmitglied im Kreisverband Rosenheim, nennt sich gerne einen Zwangssatiriker und begründet dies mit seinen Beobachtungen und Erfahrungen in seinem Wohnort Tuntenhausen, die er bereits auf zahlreichen Veranstaltungen einem amüsierten Publikum zum Besten gab. GEW-Kreisvorsitzender Andreas Salomon hatte ihn eingeladen, über seinen Heimatort zu berichten.

Nun hatte er sich für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft diesmal etwas Besonderes ausgedacht, nämlich analog zum kirchlichen Kreuzweg einen Holzweg in 14 Stationen. Auf einer ca. 40 Kilometer langen Radltour von Kolbermoor nach Tuntenhausen und zurück sollten möglichst an Originalschauplätzen satirische Texte in und aus Tuntenhausen zur Aufführung gebracht werden. Zusammen mit Wolfgang Orlowski, der am Gymnasium Neubeuern unterrichtet und ebenfalls Vorstandsmitglied bei der GEW ist, waren die Texte einstudiert worden.

Pritschet und Orlowski

Die große Radlergruppe erlebte ein Ereignis der ganz besonderen Art. Über Karo, Jarezöd, Hilperting und Brettschleipfen ging es zum Zielort Tuntenhausen und ob es ein Wirtshaus oder eine Kirche war, ein Rathaus oder eine Schule, an den unterschiedlichsten Orten wurde angehalten und über bayerisches Brauchtum im Allgemeinen und die Lebens- und Denkweise der Tuntenhausener im Besonderen nachgedacht.

Pritschet versteht es genau hinzuschauen und gut zuzuhören und die Eigenheiten seiner Mitbewohner teils leicht amüsiert, teils bitter ironisch zu karikieren. Allein der Ortsname Tuntenhausen ist ihm schon Programm. Pritschet am Grenzübergang: „Wie heißt der Ort? Tuntenhausen?“ Grinsende Gesichter der Zollbeamten. Oder bei der Telephonauskunft. „Heißt der Ort wirklich so?“ Pritschet macht deutlich, dass Tuntenhausen ein Ort der besonderen Art ist. Geprägt von der Vorherrschaft der CSU, der Wallfahrtskirche und dem Männerverein wird es für Andersdenkende eng in diesem Dorf.

5. Station am Wegkreuz

Da ist z.B. die große Bedeutung des Trachtenvereins und der enorme Ernst, mit dem hier Traditionen gepflegt werden. Natürlich lässt es Pritschet sich nicht nehmen, darauf zu verweisen, dass es innerhalb des bayerischen Trachtenverbands auch die Schwu-Plattler gibt, die aber leider in Tuntenhausen bisher noch nicht Fuß fassen konnten. Und auch die Gebirgsschützen werden angesprochen, die das „Non-Plus-Ultra eines Trachtenvereins stellen“ und gerne auftreten, wenn in Bayern „ein afrikanischer Despot“ zu Gast ist. „Beide sind schwarz, die einen außen, die anderen von innen.“

Orlowski als Pfarrer Lehner

Orlowski als Pfarrer Lehner Und dann ist da der Männerverein, in dem seit jeher bayerische Politik gemacht wird. „Man stemmte sich mit aller Gewalt gegen die Abschaffung der Bekenntnisschulen, man schwor immer wieder auf die Sittenlehre der katholischen Kirche, wetterte gegen die Antibabypille (…) und predigte gegen die Novellierung von Ehescheidungs- und Abtreibungsrechts.“ Die Vorsitzenden warnten vor „feiger Anpassung an den Zeitgeist“ oder kämpften für „den einteiligen Badeanzug“.

Natürlich werden die Wallfahrer nicht ausgespart, die mit Bussen nach Ostermünchen gebracht werden. „Die Strecke von 2 Kilometern nach Tuntenhausen reicht dann gerade für einen Rosenkranz.“ Und um sich die Strecke richtig einzuteilen: „Erfahrende Wallfahrer orientieren sich bei den Gebeten an den für die Autofahrer angebrachten Katzenaugen.“ Ob es wirklich stimmt, dass die Tuntenhausener Gastronomie mehr Zuspruch erfährt als die Wallfahrtskirche, sei dahingestellt. Dass auch der Devotionalienhandel nicht unerwähnt bleiben darf, ist aber schon fast selbstverständlich: „der Papst im Muschelrahmen oder die Mutter Gottes –Patrona Bavariae – in einer Käseglocke, in der es schneit, wenn man sie umdreht.“

Pritschet als Broadmoa Gust

Pritschet und Orlowski spötteln und witzeln über alles, auf das in Tuntenhausen ihr kritisches Auge fällt. Und am Schluss der 6-stündigen Tour gab es dafür reichen Beifall. Und man glaubt Pritschet, wenn er seine Ausführungen mit den Versen schloss:

„Wo konn I mi zu Hause fühlen?
Wo kumm I her? Wo gher I hin?
I sitz ständig zwischn den Stühln
Mitten im Fetthaferl drin.“