Neuorganisation der Kreisebene. Antrag an die LVV

Antragsteller: KV Rosenheim

Antrag beschlossen am: 8.1.2020

bei (Ausschuss- oder Vorstandssitzung/Versammlung): Vorstandssitzung

Betreff (Kurz-Titel/Thema): Neuorganisation der Kreisebene

Antragstext/Antragsbegehren:

Der Vorstand des KV Rosenheim stellt den Antrag, dass die LVV sich mit der Tatsache auseinandersetzt, dass die Kreisebene der GEW Bayern seit Jahren erodiert und inzwischen bereits zunehmend eingebrochen ist. Wir halten es für notwendig, darauf angemessen zu reagieren, indem als erstem Schritt in allen Bezirken durch den jeweiligen Vorstand eine sorgfältige Analyse des Ist-Zustands erstellt wird. So wird sichtbar, welche KVs ihre bisherige Arbeit fortsetzen können und für welche eine neue Struktur geschaffen werden muss. Wir schlagen im letzteren Fall ein System von Bezirksbetreuern und auf Kreisebene von Obfrauen/-männern  vor.

Begründung:

Die Gewerkschaftsarbeit liegt, soweit wir das erkennen können, in den meisten Kreisverbänden Bayerns im Argen. Ein Blick auf die Rückseite der DDS zeigt, dass zahlreiche KVs dort gar nicht mehr auftauchen, andere nur noch Treffen „nach Vereinbarung“ abhalten und weitere sich längst mit anderen zusammengeschlossen haben. Zudem ist es nicht unwahrscheinlich, dass in einer Reihe von KVs sich im Wesentlichen nur noch Veteranen regelmäßig treffen, aber die eigentliche gewerkschaftliche Arbeit nicht mehr hinreichend gewährleistet ist. Das kann auf Dauer nicht  so bleiben. Denn zum einen besteht dadurch die Gefahr, dass wir infolge dieser relativen Inaktivität auf Kreisebene   Mitglieder verlieren und zum anderen, dass wir auf Dauer nicht hinreichend attraktiv  für neue Kolleginnen und Kollegen sind. Die sich so ergebende Fluktuation  (die jetzt schon sicher nicht nur in unserem KV zu beobachten ist)  müssen wir unbedingt einbremsen.

Natürlich muss die Organisationsform der GEW zu den aktuellen Gegebenheiten passen. Das ist inzwischen ganz offenbar nicht mehr der Fall. Dazu braucht es aber noch  genauere Erhebungen, als wir sie von Rosenheim aus anstellen können. Selbstverständlich darf kein wirkungsvoll arbeitender KV in seiner Arbeit eingeschränkt werden. Aber es muss der Versuch gemacht werden, die zahlreichen KVs, die aus eigener Kraft nicht mehr funktionieren, wieder zu beleben und deren Mitglieder zu betreuen. Deshalb braucht jeder Bezirk einen eigenen „Bezirksbetreuer“ (BB). Das Team dieser BBs entwirft in Zusammenarbeit mit dem LV ein Konzept (Vorträge, Kampagnen, Ehrungen usw.),wie die Belebung der KVs von Statten gehen kann. Vor Ort (in den KVs) muss es jeweils einen Ansprechpartner geben, dem die Betreuung der Mitglieder des KVs obliegt und der bei Veranstaltungen usw. die Logistik organisiert.

Um geeignete  Bezirksbetreuer und Obleute zu finden, muss Geld in die Hand genommen werden, da von ehrenamtlicher Tätigkeit in Zukunft nicht mehr in dem Maße wie bisher auszugehen ist. Die Höhe der Bezahlung (und damit auch das Ausmaß der Betätigung der Bezirksbetreuer) hängt davon ab, wie viel Geld als Folge aller toten und brach liegenden KVs frei wird. Zu diskutieren wird auch sein, ob es die Bezirksebene in dieser Form dann überhaupt noch braucht oder ob auch deren (nicht unerhebliche) bisherige finanzielle Ausstattung sowie deren Barvermögen für die Bezahlung der Bezirksbetreuer und Obleute eingesetzt werden sollten.

Das Team der Bezirksbetreuer würde dann gewissermaßen die Bezirksebene ersetzen. Die Bezirksbetreuer müssten deshalb auch dafür sorgen, dass ein politischer Austausch zwischen den Kreisverbänden ihres Bezirks in geeigneter Form weiterhin gewährleistet ist.

Die Obfrauen/-männer auf Kreisebene werden von den Kreisversammlungen gewählt, die der Bezirksbetreuer organisiert. Die Bezirksbetreuer sind von Delegierten der Mitglieder des Bezirks  zu wählen.   Der LV wird wie bisher auf einer LVV von Delegierten der KVs gewählt.

Uns ist klar, dass dieses von uns vorgeschlagene System damit steht oder fällt, ob jeweils geeignete Kandidaten gefunden werden und ob die finanziellen Mittel reichen.

In einer Zusammenlegung zu Kreisgruppen, wie es vorgeschlagen wird, sehen wir allerdings keine überzeugende Alternative zur jetzigen Situation. Eine Belebung der einzelnen Kreisverbände kann so kaum erreicht werden, lediglich eine Verwaltung des momentanen Missstandes. Ein formaler Zusammenschluss setzt zudem voraus, dass ein Konzept für eine Zusammenarbeit entwickelt ist, was wir nicht erkennen können. Wir befürchten allerdings aus eigenen Erfahrungen, dass schon allein die großen Entfernungen zwischen den einzelnen Kreisen eine ersprießliche Zusammenarbeit nicht möglich machen.

Gewerkschaftliche Arbeit ist demokratische Arbeit und sie steht oder fällt mit der Arbeit an der Basis. Unser Konzept stellt einen brauchbaren Weg zu deren Wiederbelebung dar.

Die Kreisebene bricht zunehmend ein. Teil 2: Mögliche Lösungen

Im Mai 2019 hat der Kreisverband Rosenheim ein Papier vorgelegt, das im Prinzip aus zwei Teilen bestand. Im ersten Teil haben wir festgehalten, dass die Kreisebene des GEW Bayern weitgehend zerfallen ist und im zweiten Teil haben wir Fragen aufgeworfen, die daraus resultieren.

Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und skizzieren verschiedene  Szenarien.

Szenario 1:  Beibehaltung des Status quo

Gehen wir davon aus, dass kein Handlungsbedarf gesehen wird, setzt sich die Entwicklung der Erosion der Kreisverbände fort und wird schon sehr bald die Bezirksebene erreichen, was im Bezirk Obb bereits geschehen ist. Es werden also weitere Kreisverbände ihre Pforten schließen, vor allem diejenigen, bei denen  schon seit geraumer Zeit lediglich GEW-Senioren   die Fassaden ihrer Potemkinschen Dörfer festhalten. Andere KVs suchen weiterhin ihr Heil im Zusammenschluss mit benachbarten Kreisverbänden. Irgendwann werden aber nur noch die großen Stadtverbände und Bezirksverbände übrig bleiben. Im Zuge des Einbruchs der Kreisebene erodiert auch die Bezirksebene. Und die Landesebene ließe sich auf dem bisherigen Wege nicht mehr wählen. Es stehen also grundlegende Veränderungen an, ob man will oder nicht. Fazit: Das Szenario 1 anzuwenden, hieße nichts zu tun die Augen vor der Realität zu verschließen.

Szenario 2: Zusammenlegung von Kreisverbänden

Ein vergleichsweise einfacher Weg zur Lösung der aufgezeigten Probleme scheint darin zu bestehen, dass sich Kreisverbände  zunehmend zusammenschließen. Mindestens 17 KVs haben dies in den letzten Jahren getan. Ob darin wirklich eine Lösung gefunden war, müsste geprüft werden. Es mag im Einzelfall gelungen sein, ist aber insgesamt als Lösung der genannten Probleme sehr zu bezweifeln. Zwei Überlegungen sprechen entschieden dagegen. In einem Flächenstaat wie Bayern sind  die zu überwindenden Entfernungen einfach zu groß. Wir mussten erleben, dass bereits unsere Wasserburger Kollegen, also aus dem eigenen KV, sich nicht auf den Weg ins 30 Kilometer entfernte Rosenheim  machten und sahen daher weder im Zusammenschluss mit Miesbach noch mit Traunstein einen Sinn. Zudem muss man zweitens die von uns aufgezeigten Ursachen des Einbruchs der Kreisebene ins Kalkül ziehen. Ist es richtig, dass eine neue, anders sozialisierte Generation von GEW-Kolleginnen und –Kollegen zu uns stößt, dann muss langfristig davon ausgegangen werden, dass sich nicht mehr so viele ehrenamtliche Kolleginnen und Kollegen finden lassen, wie zur Aufrechterhaltung der Kreisebene nötig sind. Fazit: Das Szenario 2 zur Anwendung zu  bringen läuft lediglich auf einen Prozess der Sterbehilfe hinaus.

Szenario 3: Einrichtung von Kreisgruppen

Für die nächste LVV liegt ein Antrag von Erwin Saint Paul vor, Kreisgruppen einzurichten. In der Begründung heißt es: „Die Zusammenlegung von Kreisverbänden hat in der Vergangenheit nur selten  Synergie-Effekte hervorgerufen“. Und weiter: „Aktiven soll vor Ort die Gewerkschaftsarbeit erleichtert werden, indem sie von organisatorischen Dingen (Steuererklärung, Führen eines Bankkontos, Anforderungen des Vereinsrechts) entlastet werden.“ Fassen wir zusammen: Die Zusammenlegung von zwei oder drei Verbänden sei ineffektiv gewesen und der  Kassier des jeweiligen KVs habe zu viel Stress. Wie ist das zu beurteilen? Die Behauptung von dem großen Stress des Kassiers stellt unser Finanzverwalter, der diese Arbeit über 40 Jahre macht, in Abrede. Die fehlenden Synergie-Effekte bei Zusammenlegung haben wir allerdings auch beobachtet. Dann heißt es in der Begründung des Antrages: „Die Finanzmittel einer Kreisgruppe entsprechen denen eines Kreisverbandes und werden vom Landesverband verwaltet.“ Fazit: Mit einer Umsetzung dieses Szenarios kann ein Leben bzw. eine Belebung der KV-Ebene nicht erreicht werden, zumal vielen KVs dann auch die finanziellen Mittel dazu fehlen würden. Allerdings würde die momentane Situation der Erosion der Kreisverbände transparenter und die finanziellen Mittel vieler untätiger KVs würden der Landesebene zuwachsen und könnten sinnvoll eingesetzt werden.

Szenario 4: Bezirksbetreuer und Kreisobleute etablieren

Bei absolut nüchterner Betrachtung der Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte muss davon ausgegangen werden, dass die Kreisebene nicht mehr zu halten ist und möglicherweise auch nicht die Bezirksebene. Wir stehen vor der schwierigen Aufgabe, dass unsere Mitgliederzahl wächst, aber es keine Ehrenamtlichen mehr geben wird, die vor Ort eine aktive GEW-Arbeit entfalten werden. Dies gilt in erster Linie für die Arbeit auf dem Lande. Wollen wir unsere Mitglieder halten, die alten wie die neu gewonnenen, müssen wir uns politisch vor Ort sichtbar machen. Wenn man eine gewisse Aktivität dort erhalten will, ließe sich versuchen, ein System von Bezirksbetreuern und Kreisobfrauen bzw. Kreisobmännern aufzubauen. Statt aktiver Bezirke und Kreise hätten wir dann professionelle Betreuer und finanziell unterstützte Ansprechpartner vor Ort. Die Gelder, die die Bezirke und Kreise bisher bekommen, könnten weitgehend dafür eingesetzt werden. Die Bezirksbetreuer würden nach Stundenzahl (Teilzeit-Beschäftigung) bezahlt (je nach dem, wie viel Geld frei wird), die Obleute bekämen eine Aufwandsentschädigung, und jeder KV benötigte gewisse (begrenzte) Mittel für seine organisatorische Arbeit. Die Bezirksbetreuer würden eng miteinander und mit dem Landesvorstand zusammenarbeiten und ein politisches Konzept entsprechend der Beschlusslage der  GEW  entwickeln sowie ein Konzept für die Umsetzung (Vorträge, Kampagnen usw. in den einzelnen KVs). Die Obleute vor Ort würden sich um die logistische Umsetzung in ihrem KV kümmern (Saalmiete, Einladungen, Bekanntmachung) sowie um die Betreuung der Mitglieder. Kompetente und erfahrene Bezirksbetreuer zu finden, halten wir für möglich, allerdings wird es nicht einfach werden, für jeden KV eine Obfrau oder einen Obmann zu gewinnen, besonders für die, die schon länger tot sind. Bleibt noch die Frage, wie der Landesvorstand zustande kommt. Es gibt zwei Möglichkeiten. Man könnte versuchen, zumindest einmal im Jahr in jedem KV eine Jahresversammlung einzuberufen, auf der Vertreter für eine LVV gewählt werden. Oder man geht basisdemokratisch vor und wählt die Kandidaten, die antreten,  direkt.  Fazit: Wir halten es für realistisch, dieses Szenario umzusetzen. Wir würden damit erreichen, dass unsere Mitglieder weiterhin vor Ort betreut werden und  sich politisch einbringen könnten. Ein aktives Leben auch auf dem Lande würde weiter bzw. könnte wieder entstehen. Die Gewerkschaftsanbindung würde wieder verstärkt werden und hätte Zukunft. Allerdings würde dieses Szenario eine starke Veränderung der bisherigen Struktur beinhalten und  eine Satzungsänderung erfordern. Aber das sollte ja zu machen sein.

Szenario 5: Anschluss an Verdi

Diskutiert haben wir auch die Frage, ob es nicht langfristig sinnvoll wäre, sich an Verdi anzuschließen. Dadurch könnte die gewerkschaftliche Arbeit auf Dauer gestärkt werden, da doch aktuell Kolleginnen vor Ort aus denselben Arbeitsbereichen nebeneinander her arbeiten, meist ohne weiteren Austausch.  Eine Bündelung der Kräfte könnte der Arbeit insgesamt nutzen. Fazit: Die GEW Bayern würde ihre Eigenständigkeit verlieren, was sehr schmerzlich wäre. Für die gewerkschaftliche Arbeit insgesamt wäre es wahrscheinlich von Nutzen. Aber um dies endgültig zu beurteilen, fehlt uns von Rosenheim aus der Überblick.

Andreas Salomon, 2. 12.2019, geändert am 10.12. nach Vorschlägen von Lothar und Stephan

Die Kreisverbandsebene bricht zunehmend ein. Das erfordert Konsequenzen!

Ausgangspunkt

Der KV Rosenheim hatte für Mittwoch, den 15. Mai seine 139 Mitglieder rechtzeitig schriftlich zur Jahreshauptversammlung eingeladen. Auf der Tagesordnung standen die turnusmäßigen Neuwahlen sowie ein brandaktuelles Referat von Andreas Salomon. Außer vier Mitgliedern des Kreisvorstandes erschien nur noch ein einziges weiteres Mitglied.

So richtig überrascht waren wir nicht, weil sich ein derartig desaströses Bild schon seit geraumer Zeit abzeichnete. Die Neuwahlen mussten ausfallen, das Referat wurde nicht gehalten. Dafür nutzten wir die Zeit für eine Bestandsaufnahme der Situation der Kreisverbände in Bayern – soweit uns das möglich war.

Ein Blick auf die Bezirksebene der GEW Oberbayern ist ausgesprochen ernüchternd. Der Bezirksverband kündigte eine BVV an, fand aber trotz wiederholter Aufrufe niemanden, der bereit war, für den neu zu wählenden Vorstand zu kandidieren. Zu der entscheidenden Bezirksausschusssitzung am 1. März 2019, auf der das weitere Prozedere beschlossen werden sollte, kamen nur sechs Mitglieder. Das nächste BA-Treffen am 3. Mai fiel sang- und klanglos ins Wasser, ebenso der Termin für die BVV am 25. Mai.

Präsenz der Kreisverbände

Auf der letzten Seite der DDS wird stets mitgeteilt, welche Kreisverbände Bayerns noch aktiv sind bzw. in welchen noch regelmäßige Treffen stattfinden,  – soweit erkennbar –nur noch in ca. 17 der genannten 35 Kreisverbände. Insgesamt gibt es aber 51 KVs. Also nur noch in ca. einem Drittel treffen sich GEW-Mitglieder regelmäßig. Dafür nimmt die Anzahl der Kreisverbände, in denen lediglich „Treffen nach Vereinbarung“ stattfinden, zu. Fazit: Die Kreisverbandsebene ist äußerst brüchig geworden. Viele Kreisverbände haben ihre Pforten völlig geschlossen oder sich mit einem benachbarten KV zusammengeschlossen. Letzteres gilt inzwischen – soweit zu erkennen -für nahezu 30 Kreisverbände

Arbeit in den KVs

Welche konkrete Arbeit in den noch aktiven Kreisverbänden geleistet wird, lässt sich nur vermuten. Wenn die DDS diese Arbeit widerspiegelt, dann liegen die meisten dieser KVs auch brach und dümpeln nur noch vor sich hin. Nicht auszuschließen ist – so zeigen es auch einige Umfragen – dass die aktiven Mitglieder längst das Rentenalter erreicht oder wie bei uns erheblich überschritten haben. Motto: Unser Jüngster wird 70! Es wird versucht, die verbliebenen KVS noch am Leben zu erhalten in der Hoffnung, dass eine jüngere Generation irgendwann vorbeischaut und die Ärmel hochkrempelt.

Ursachen

Die Generation, die die GEW groß und stark gemacht hat, ist unter völlig anderen Bedingungen herangewachsen. Politische Arbeit wurde meist bereits jahrelang an den Hochschulen praktiziert und eine aktive Mitarbeit in der Gewerkschaft war eine absolute Selbstverständlichkeit. Wir waren eine Mitmach-Gewerkschaft, die mit wenigen Hauptamtlichen ausgesprochen konstruktive Arbeit leisten konnte und das über Jahrzehnte.

Wir kamen aus der 68er-Bewegung oder aus allem, was politisch an den Hochschulen sich daraus unmittelbar entwickelt hatte. An den Unis herrschte ein hochpolitisches, ja oft kämpferisches Klima. In Vorlesungen und Seminaren fanden laufend politische Debatten statt und in Demonstrationen wurden die Probleme der Hochschulen und der Gesellschaft auf die Straße getragen. Auch Verkehrs- oder Wohnungsprobleme und vieles andere mehr wurden von den Studenten aufgegriffen und die Debatte darüber in vielfältigen Formen eröffnet.

Davon ist nichts geblieben. Und die heutigen Studenten können sich kaum noch vorstellen, wie das z.B. in den 70er Jahren aussah. Der politische Spielraum wurde extrem eingeengt und das Studium äußerst engmaschig gestaltet.

Für die GEW hieß dies in den letzten Jahren, Werber gegen Bares auszusenden. Heute lässt sich feststellen, dass die Zahl der Mitglieder in der bayerischen GEW ständig wächst, aber kaum jemand bereit ist, sich selbst aktiv einzubringen. Die GEW ist also durchaus nach wie vor sehr interessant für bestimmte Kolleginnen und Kollegen, aber nicht mehr als Mitmach-Gewerkschaft. Warum neue Kolleginnen und Kollegen eintreten, sollte einmal untersucht werden. Reizt der Rechtsschutz, ist es ein Interesse an Bildungsinformationen oder gehört es für Fortschrittliche einfach mit dazu?

Konsequenzen

Der jetzige Zustand der Kreisverbandsebene ist das Ergebnis eines bereits seit Jahren anhaltenden Erosionsprozesses. Immer wieder ist das Phänomen angesprochen worden, aber nicht mit der Bedeutung diskutiert worden, das ihm zukommen muss. Denn bricht die Kreisverbandsebene ein, zieht sie die Bezirksebene mit. Der Landesvorstand hängt dann in der Luft. Diese Situation muss in der gebotenen Eindringlichkeit wahrgenommen werden und eine Lösung ist zu finden. Wir haben wenig Zweifel daran, dass die Gewerkschaftsbewegung (der GEW) auf dem Lande nahezu zum Erliegen gekommen ist. Wir sind der Meinung, dass es für einen funktionierenden Kreisverband gewisse Mindestanforderungen gibt, als da wären: Mitgliederversammlungen, Jahreshaupt-versammlung mit Wahl eines Vorstandes und mit Kassenbericht, Wahl von Delegierten sowie Teilnahme an Sitzungen des Bezirksausschuss. Eine Zusammenlegung kann wegen der meist großen Fläche nur ein Notbehelf sein. Wirft man jetzt den Blick auf die bleibenden17 aktiven Kreisverbände so haben wir es möglicherweise im Wesentlichen auch nur mit potemkinschen Dörfern zu tun, in denen vorzugsweise nur noch Rentner und Pensionäre die Fahne hoch halten.

Wir fordern deshalb den Landesvorstand sowie den Landesausschuss auf, eine Strategie für die Zukunft der GEW Bayern zu entwickeln. Auf einer außerordentlichen LVV müssen die Weichen neu gestellt werden.

Fragen für die Zukunft

Wie ist es um den demokratischen Charakter der GEW bestellt, wenn die Kreisebene weggebrochen ist?

Macht es dann Sinn, die Bezirksebene zu erhalten?

Kommt dieser dann vielleicht sogar eine größere Bedeutung zu? Müsste dann der Bezirk wesentlich mehr leisten als bisher (Mitgliederbetreuung, Ansprechpartner für arbeits-bzw. betriebsbezogene Probleme usw.), was nur mit hauptamtlichem Personal ginge?

Aber wie kommt diese Ebene überhaupt noch zustande, wenn die KVs keine Delegierten mehr entsenden?

Ist es möglich auch bei Wegbrechen der KV-Ebene zumindest in jedem Kreis einen Obmann zu wählen?

Oder wird es in Zukunft nur noch die Ebene des Landes geben?

Wie kommt diese dann zustande? Ist Briefwahl aller Mitglieder denkbar?

Wie müsste die Arbeit von Landesvorstand und Landesausschuss verändert werden, um den neuen Gegebenheiten gerecht zu werden?

Was würde das alles für die DDS bedeuten? Würde deren Bedeutung wachsen?

Ließen sich mit den frei gewordenen Geldern der Bezirks- und Kreisebene zusätzliche Hauptamtliche einstellen, die für die Kreisebene zuständig wären?

Könnten diese neuen Hauptamtlichen so etwas wie eine Betreuung der Mitglieder auf dem Lande gewährleisten (mit Hilfe der Obmänner, die für die Logistik sorgen müssten)?

Oder ist das alles nicht umzusetzen und der Niedergang der GEW Bayern nicht mehr aufzuhalten?

Bleibt am Ende nur noch der Zusammenschluss mit Verdi (was politisch äußerst bedauerlich wäre) und wohl kaum jemand wirklich will?

Für das Papier:      Stephan Geuenich, Wolfgang Orlowski, Andreas Salomon, Rolf Staudt, Lothar Walter  (alle KV Rosenheim)

Freie Schule Glonntal

Pressemitteilung von Lothar Walter über den Besuch der Freien Schule Glonntal

Lehrer-Gewerkschaft auf der Suche nach Alternativen

Besuch der Freien Schule Glonntal

Zehn Lehrerinnen und Lehrer der Bildungsgewerkschaft GEW des Kreisverbands Rosenheim besuchen am unterrichtsfreien Samstag die Freie Schule Glonntal in Piusheim bei Glonn. Schulgründer und Schulleiter Hartmut Lüling fesselt die interessierten Pädagogen mit seinem ambitionierten Vortrag, so dass am Ende der Führung aus den veranschlagten 90 Minuten drei Stunden geworden sind.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat weitergehende bildungsreformerische Vorstellungen, z. B. fordert sie eine Schule für alle ohne Leistungsdruck und Auslese. Die überwiegende Zahl der Mitglieder kennen aus der Praxis die Schwächen und Krankheiten des gegliederten Schulsystems. So ist der Kreisverband Rosenheim seit Jahren auf der Suche nach praktikablen Alternativen und besucht jedes Jahr eine pädagogische Alternative zur staatlichen Schule. Heuer stand nun die Freie Schule Glonntal auf dem Programm.

Schulleiter Hartmut Lüling wies sich in seiner kurzweiligen Einführung als engagierter Pädagoge aus, dessen Lebens- und Berufsweg konsequenterweise in die Gründung seiner Schule mündete. Sie beruhe auf einem erweiterten Waldorf-Konzept und ist staatlich genehmigt. Sie biete einen integrativen und einheitlichen Bildungsgang von der 1. bis zur 12. Klasse an und führe zu Abitur oder mittlere Reife. Eine Auslese auf Grund der Begabungslage oder der vorherigen Leistungen und Verhaltensauffälligkeiten der Schüler/innen finde nicht statt. Erwartet werde aber ein pädagogisches wie finanzielles Engagement der Eltern.

Die Schule wurde vor vier Jahren mit 220 Kindern gegründet, hat derzeit 370 Schüler und 64 Mitarbeiter; auf der Warteliste sind 160 Kinder vorgemerkt. Diese gestiegene Nachfrage spricht für eine erfolgreiche Schulgründung. Ist der Grund des Erfolgs auch in den drei Segelschiffen, vor Elba liegend, zu suchen? Mehrwöchige Segeltörns seien in der Tat, so Lüling, eine tragende Komponente des pädagogischen Konzepts der Schule und hätten nichts mit Dolce Vita zu tun, er erachte sie als einen wesentlichen Baustein der Menschenbildung. Das pädagogische Konzept sieht Schule als „Quelle der Kultur“, sie dürfe nicht den Zwecken der Wirtschaft untergeordnet werden. Es gelte, so Lüling, dem jungen Menschen eine „Berufsgestaltungskompetenz“ mitzugeben in einem angstfreien Schulklima ohne Sitzenbleiben und Notendruck.

Lülings Vortrag enthielt genügend Stichworte, die das Herz jedes Lehrergewerkschafters höher schlagen ließen und die zu einer kritischen Diskussion einluden. Es wurde auch zu Bedenken gegeben, ob es nicht trotz aller hehren pädagogischen Ziele zu einer sozialen Auslese der Schülerschaft komme. Das monatliche Schulgeld beträgt 270 Euro, hinzu kommen Essensgeld und Zusatzkosten für die schulischen Aktivitäten wie z. B. der Segeltörn. Die Schulfamilie sei, so Lüling, eine Solidargemeinschaft, in der jeder das gibt, was er geben kann. Aus finanziellen Gründen sei noch keine Aufnahme eines Schülers gescheitert. Ein anderer finanzieller Aspekt, gerade für Lehrer von Interesse, sei die gleiche Bezahlung.

Nach einem Rundgang durch das leere Schulgebäude und ohne natürlich die Fragen ausdiskutiert zu haben bedankte sich Kreisvorsitzender Andreas Salomon beim Gastgeber für die bereitwillige Auskunft und offene Atmosphäre, die viele interessante Informationen brachte und einen engagierten Meinungsaustausch ermöglichte.

Franziska Gräfin zu Reventlow

Besuch der Ausstellung „Alles möchte ich immer – Franziska Gräfin zu Reventlow 1871 – 1918“ im „Haus der Literatur“ München

Bericht: Lothar Walter

GEW Rosenheim im Münchner „Haus der Literatur“

Zum letztmöglichen Termin vor Ausstellungsende noch eine Führung gebucht – so trafen sich mit Kreisvorsitzenden Andreas Salomon ein gutes Dutzend an Literatur interessierte GEWler Samstag Nachmittag am Rosenheimer Bahnhof. Uns angeschlossen hatten sich drei Damen eines privaten Literaturzirkels aus Stephanskirchen. Im Literaturhaus angekommen erfuhren wir, dass die Ausstellung verlängert wurde.

Zeit war genügend, so dass sich jede/r schon vor Beginn der Führung mit der Ausstellung vertraut machen konnte. Diese ist biografisch ausgerichtet und gliedert sich in die vier Lebensabschnitte bzw. Lebensorte Husum: Kindheit, Lübeck: Jugend, München: Die Bohème als Lebensmodell und Ascona: Rückzug und Tod. Neben Originaldokumenten (z. B. des Buddenbrookhauses in Lübeck und der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel) war die Ausstellung mit audio-visuellen Medien gut ausgestattet: Viele Fotographien, auch Großfotos, Hörstationen und auch ein Film des Bayerischen Rundfunks (15 Minuten) mit dem Sohn der Reventlow (1897 – 1984).

Die einstündige Führung leitete Frau Katrin Wilhelm, eine Germanistik-Doktorandin.

Fanny, so wurde Franziska genannt, wuchs in einer Familie des uralten schleswig-holsteinischen, aber verarmten Adels auf. Nach einer lieblosen Kindheit und einer reglementierten Jugend gelang ihr ein Ausbruch aus den beengenden Verhältnissen: Statt auf eine „gute Partie“ zu warten, ließ sie sich zur Lehrerin ausbilden. Das sollte später für sie zum Vorteil werden, durfte sie so ihr uneheliches Kind allein erziehen und unterrichten; eingedenk ihrer eigenen leidvollen Erfahrungen ersparte sie ihrem Sohn Rolf die Schulzeit.

Freiheit ohne Tabus, Freizügigkeit, Liebschaften – selbstbestimmt, so wollte sie leben. Ihr Milieu fand sie in der Schwabinger Bohème, zu deren Symbolgestalt sie wurde. Der Preis dafür war ein ständiger Existenzkampf, Krankheiten, Prostitution und zeitweilige Depression. Mit dem Rückzug nach Ascona in einer Scheinehe mit einem adligen russischen Trinker fand sie gewisse finanzielle Sicherheit. Ihr Ende kam schnell: Sie starb an den Folgen eines Fahrradunfalls. Malerin wollte sie werden, doch als Schriftstellerin und Kultfigur einer untergegangenen Epoche erlangte Franziska zu Reventlow Berühmtheit. Sie schrieb Skizzen, Romane, lebendige Schilderungen des Münchner Lebens in Schwabing von der Jahrhundertwende bis zum ersten Weltkrieg. Dabei skizzierte sie die Personen ihrer Umgebung in ironisch-kritischer Distanz. Sie hatte auch Kontakt zur Frauenbewegung, z. B. zu Anita Augspurg, lehnte aber deren politische Forderungen nach Gleichheit und Geschlechtergerechtigkeit ab. Sie wollte Frau sein und beanspruchte alle Freiheiten, die sich in ihrer Zeit nur Männer herausnehmen konnten.

Am Ende der einstündigen Führung blieb kaum mehr Zeit für einen vertiefenden individuellen Rundgang. Kreisvorsitzender Salomon drängte zur Eile. Zunächst war aber nicht klar, ob die Rückfahrt am näheren Ost- oder ferneren Hauptbahnhof beginnen sollte. Dank der Unschlüssigkeit wurde schließlich die Zeit zum Ostbahnhof zu knapp, so dass die Gewerkschaftsgruppe doch zum Haupbahnhof fuhr. Da war aber wiederum reichlich Zeit für eine Einkehr ins Cafe. Vier Stunden an einem Samstag Nachmittag ab und bis Bahnhof Rosenheim bei günstigem Gruppentarif für Fahrt, Eintritt und Führung – ein kurzweiliger, geselliger Tag, der allseits zufriedene Gesichter bescherte und nach Wiederholung drängt.

Bericht über den Vortrag von Felix Berth

„Die Verschwendung der Kindheit“ Eine Gemeinschaftsveranstaltung der GEW Rosenheim und der
kritischen Bildungswerkstatt des DGB

Bericht: Lothar Walter


Die Verschwendung der Kindheit – wie Deutschland seinen Wohlstand verliert

Auf Einladung der Kritischen Bildungswerkstatt Rosenheim des DGB sowie des DGB Kreis- und Stadtverbands Rosenheim und der GEW Rosenheim hielt der Journalist und Buchautor Felix Berth einen Vortrag vor gut 20 Zuhörern im Gasthaus Höhensteiger. Berth war ab 2003 Redakteur der Süddeutschen Zeitung im Ressort Innenpolitik mit dem Schwerpunkt Kind und Familie. Seit 2010 ist er im Forschungszentrum Berlin. In Vertretung des Kreisvorsitzenden stellte sein Stellvertreter Reiner Schober in der Begrüßung die Bedeutung dieses bildungspolitischen Themas heraus. Es sei ein Kernbereich der GEW-Politik, sich um ein gedeihliches Aufwachsen der Kinder zu sorgen und hier für förderliche Rahmenbedingungen zu kämpfen. Darüber hinaus verwies er auf die Premiere der ersten Zusammenarbeit von GEW und Bildungswerkstatt und hoffte auf weitere gemeinsame Veranstaltungen.


Berth führte in seinem Vortrag, basierend auf seinem 2011 erschienenen Buch1, rezensiert in DDS Oktober 20112 sowie Leserbrief hierzu vom Kreisvorsitzenden Andreas Salomon in DDS Januar/Februar 20123, „drei Stränge“ zusammen und legte dar, „wo das Buch herkommt“. Erster Anlass war die kritische Sichtung von Experimenten in den USA in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Kindern mit miserablen Startchancen. Die frühkindliche, kom-pensatorische Förderung brachte mehr Chancen für das spätere Berufsleben als bei Kindern ohne frühe Förderung. „Frühe Bildung lohnt sich“, so Felix Berth. Ein zweiter Ausgangspunkt sind verschiedene Aspekte der Kinderarmut, die wie mehrere PISA-Studien zeigten, zu Schul-versagen führen. Dabei sind dies, so der Rückschluss, immer Kinder armer Eltern. Der dritte Input entstand aus Berths aktueller Arbeit im Forschungszentrum Berlin. Als Ergebnis wird bestätigt, dass je schwieriger die Lebensverhältnisse sind, desto früher eine pädagogische Förderung notwendig ist. Diese führt zu Schulerfolg und weiter zu Berufstätigkeit, was Arbeitslosigkeit, staatliche Hilfen, Steuerausfälle und gar Kriminalität vermeidet.

In der Diskussion seiner Thesen kam Berth auch auf die Finanzierung der frühkindlichen Fördermaßnahmen zu sprechen. Was der Staat heute ausgebe, so Berth, bekomme er morgen durch Ersparnisse von gesellschaftlichen Kosten wieder zurück. Was aber die gegenwärtige Finanzierung angehe, so plädierte Berth nicht für eine Umverteilung staat-licher Ausgaben, sondern für eine Umschichtung im Ausgabenblock für Erziehung und Bil-dung. Es sei nicht sinnvoll, nach dem Gießkannenprinzip jedes Kind durch das Kindergeld gleich finanziell zu unterstützen, sondern z. B. durch Abschaffung des Kindergelds die ein- gesparten Gelder für eine gezielte Förderung der wirklich pädagogisch Bedürftigen einzu- setzen.

1Berth, Felix: Die Verschwendung der Kindheit. Wie Deutschland seinen Wohlstand verschleudert. Beltz Verlag 2011
2Ehler Karin: Plädoyer für gerechtere Bildungsförderung. In: DDS Oktober 2011, S. 22
3Lesrebrief in DDS Januar/Februar 2012, S. 25

Zeiten im Inntal

Bericht über die die Buchvorstellung

Konrad Schinkinger stellte der GEW am 1.3.2012 sein Buch vor „Zeiten im Inntal“

Bericht von Lothar Walter

Eine andere Heimatgeschichte

Es sei für Lehrkräfte jeder Schulart wichtig, das heimatliche Umfeld ihrer Schüler zu kennen, so Andreas Salomon, Kreisvorsitzender der GEW Rosenheim, zur Eröffnung einer Veranstaltung mit dem Raublinger Heimatforscher Konrad Schinkinger, dessen kürzlich erschienenes Buch „Zeiten im Inntal“ Recherchen zur jüngeren Zeitgeschichte der Gemeinde Raubling enthält. Dass dieses Thema Fortbildungsqualität habe, sehe man an der Kooperation mit der Grundschule Großholzhausen und so konnte Salomon die Rektorin Anita Schober und Kolleginnen begrüßen. Schinkinger erläuterte, bevor er den Inhalt seines Buches in gestraffter Form referierte, seinen persönlichen Hintergrund und die Motivation für seine Forschungen. Anstoß waren die Erzählungen seines Großvaters über die unmenschliche Behandlung von Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen in der Papierfabrik Redenfelden, aber dass zur offiziellen 100-Jahr-Feier nur ein reduziertes, immer nur positives Bild der jüngeren Zeitgeschichte gezeichnet wurde. „Ist mit blinden gleich braunen Flecken die NS-Zeit in der Heimatgemeinde begreifbar?“, fragte Schinkinger. Ihm gehe es nicht darum zu verurteilen und Menschen an den Pranger zu stellen, sondern zu erklären und damit beizutragen, dass niemals wieder solche Unmenschlichkeit in die Heimat einzieht. In seinem Vortrag beleuchtete Schinkinger Aufstieg und Untergang der lokalen NSDAP in den Ortschaften der Gemeinde Raubling, er zeigte örtliche Machtstrukturen und Abhängigkeiten, Verfolgung und Widerstand bis hin zu Untergang und Befreiung und die Entnazifizierung. Um das Jahr 1930 wurde der unselbstständige NSDAP-Stützpunkt Raubling gegründet. 1935 wurde Raubling zur NSDAP- Ortsgruppe erhoben, bis zu 90% der NS-Funktionäre waren Mitarbeiter der Aschaffenburger Zellstoffwerke. Die Redenfeldener Papierfabrik war somit die Keimzelle der örtlichen NSDAP, so Schinkinger. Auch war gerade diese straff geführte Ortsgruppe in der Umsetzung der nationalsozialistischen Politik besonders linientreu, „also hundertfünfzigprozentig“. Ganz anders die andere Ortsgruppe auf dem Gemeindegebiet in Großholzhausen. Schinkinger las ein Dokument vor, in dem sich ein zugezogener Nazi über die Laschheit in der Ortsgruppe beschwerte. Überhaupt habe sich Großholzhausen bis zur Machtergreifung den Nazis verweigert. „Wie gehe ich mit (Heimat-) Geschichte um?“, fragte GEW-Kreisvorsitzender Salomon nach dem Referat. Es müsse die Vielgestaltigkeit der vergangenen Wirklichkeit in allen Facetten dargestellt werden, es müsse alles aufgedeckt werden, dass sich nichts wiederhole. Er dankte dem Referenten für sein mutiges Gegen-den-Strom-Schwimmen trotz mancher persönlicher Anfeindungen. Schinkingers Forschungsarbeiten haben über die Gemeinde hinaus allgemeine Bedeutung für eine konkrete Geschichtsvermittlung an die Jugend, damit sich jede Generation die Bedeutung von Demokratie, Freiheit und Menschnrechten für ihr eigenes Leben bewußt mache.

Zeiten im Inntal
Recherche zur jüngeren Zeitgeschichte der Gemeinde Raubling
Erscheint im Eigenverlag.
322 Seiten, S/W, 70 Tabellen und gut 100 Abbildungen.
ISBN 978-3-00-036064-0
Preis 24,90€ (Versand gegen Vorkasse zzgl 5,00€ Versandkostenanteil)
Bezugsadresse:
Konrad Schinkinger
Hoppenbichlstraße 18a
83064 Raubling
Tel: 08035-984755
konrad_schinkinger@t-online.de

Mythos Schule

Schulkritiker Professor Dr. Ulrich Klemm im „Z“

Bericht von Lothar Walter

Auf Einladung der GEW Rosenheim und der infogruppe Rosenheim hielt Professor Dr. Ulrich Klemm im „Z -linkes Zentrum in Selbstverwaltung“ einen Vortrag zu „Mythos Schule – Warum Bildung entstaatlicht und entschult werden muss“ . Quasi-Hausherr Stephan Geuenich begrüßte die zahlreichen Zuhörer und stellte anfangs gleich klar, dass Entstaatlichung nicht mit Privatisierung gleichzusetzen sei. Der GEW-Kreisvorsitzende Andreas Salomon hieß den Referenten zu dieser Veranstaltung mit einem für die GEW eher ungewöhnlichen Thema willkommen, sei doch Klemms theoretischer Ansatz „jenseits des offiziellen Standpunkts der GEW“. Professor Klemm wunderte sich selbst über die Einladung, da es ihm nicht um Reformen gehe, sondern die Schule müsse „als Ganzes neu gedacht werden, das System Schule ist in Frage zu stellen“. Der Vertreter einer libertären Pädagogik versuchte seine Theorie in vier Anti-Thesen zum staatlichen Schulsystem zu komprimieren. Er argumentierte dagegen, dass die jetzige Schule Wissen sichert, Kinder schützt, kulturellen Fortschritt garantiert und dass Schulreformen Schule verbessern – alles Attribute des Mythos Schule, dessen Entzauberung Klemm sich vornahm. Leitmotivisch zitierte er aus der Rede eines Rektors einer Schule in Helsinki anlässlich dessen Ansprache zum Schuljahres beginn: „Ich bin ein glücklicher Mensch, weil ich mit Euch wieder ein ganzes Jahr zusammen arbeiten darf“ und stellte dies der Wirklichkeit an deutschen Schulen gegenüber, wo Stress und Frust für alle Beteiligten, ob Schüler, Lehrer, Eltern, herrschten. Klemm kritisierte, dass die Schulpflicht das Elternrecht breche. Seiner Meinung nach sollten Eltern eigenverantwortlich entscheiden können, was, wann, wie und wo ihre Kinder lernen. Damit alle Kinder aber auch wirklich die Möglichkeit des Lernens wahrnehmen können, forderte er statt einer Schulpflicht ein Bildungsrecht für alle. Ob es Professor Klemm gelungen war, am Ende seines Vortrags den Schulmythos bei allen Zuhörern zu entzaubern, war sicher ungewiss, wie sich in der intensiven und kontroversen Diskussion zeigte. Es herrschte weitgehend Einigkeit in der Beschreibung aktueller Schwachpunkte des deutschen Schulwesens wie z. B. einer großen Zahl von Schülern ohne Abschluss oder von funktionalen Analphabeten, der Entstehung eines großen Nachhilfemarktes, von Schul- und Lernverweigerung. Um dieser Schulmisere die Alternative einer „entstaatlichten und entschulten Schule“ entgegenzusetzen, forderte Klemm vier Strukturänderungen, nämlich die Aufhebung des Lehrer-Schüler-Prinzips zugunsten eines partnerschaftlichen Unterrichtens; die Aufhebung des Lernorts Schule, stattdessen sollte das Lernen auf der Straße ermöglicht werden; die Aufhebung fremdbestimmter Lehrpläne und schließlich die Aufhebung des Unterrichts als zentrale Lernmethode. Damit würde, so Klemm, die Schule eine größere Unabhängigkeit vom Staat erhalten und zugleich würde eine demokratische Schulkultur gefördert werden. Ein kritisches Hinterfragen von Klemms antistaatlichen Positionen zeigte, dass weniger Staat zu mehr Markt führe und in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung sich der kapitalkräftigere Marktteilnehmer durchsetze – am Ende bestimme die Wirtschaft, welche Bildung die Absolventen haben müssten und das humanistische Ideal der Klemmschen Pädagogik bliebe auf der Strecke. GEW-Kreisvorsitzender Andreas Salomon dankte dem Referenten für sein spannendes Referat und stellte in seinem Schlusswort fest, dass wohl das Unbehagen am selektiven Schulsystem von allen geteilt werde, aber über Ziele und Wege einer alternativen Schule noch ein großer Diskussionsbedarf bestehe.

Das „Wunder von Rosenheim“

Am Samstag gegen 15 Uhr konnte man auf dem May-Josefs-Platz eine Flashmob sehen, eine lange Schlange von Lehramtsreferendaren, die schweigend mit Transparenten darauf aufmerksam machten, dass ihnen trotz bestandenen Examens eine Anstellung als Lehrkraft versagt wird. Die wohlwollende Unterstützung der Bevölkerung war ihnen gewiss. Zumal auch noch durch die Presse ging, dass über 800 Stellen von Kolleginnen und Kollegen, die in den Ruhestand gehen, nicht mehr neu mit Junglehrern besetzt werden, obwohl Seehofer dies ausdrücklich vor der Wahl zugesagt hatte. Die großen Lehrerverbände haben sich alle auf Initiative des Philologenverbands, der Standesvereinigung der Gymnasiallehrer, zusammengeschlossen und sprechen in Bezug auf die Nichteinstellung der Referendare von einem „volkswirtschaftlichen Wahnsinn“. Nicht weniger Lehrer an den Schulen sei das Gebot der Stunde, sondern mehr. „Angesichts immer neuer Zusatzaufgaben müssen neue Stellen im Haushalt für mehr Lehrkräfte geschaffen werden.“ Dem steht jetzt die Behauptung der Schulleiter der Rosenheimer Gymnasien entgegen: „Wir sind alle sehr zufrieden!“ Wie ist das möglich? Dort gibt es doch auch zahlreiche Referendare, die in ihrem zweiten Ausbildungsabschnitt 16-18 Unterrichtsstunden unterrichten müssen. Diese hohe Zahl an Stunden dient doch einzig dazu, den Lehrermangel zu verdecken und die Kosten niedrig zu halten. Denn die Referendare bekommen dafür nur halb so viel wie ein voll ausgebildeter Lehrer. Würde man die Pflichtstundenzahl der Referendare nur um wenige Stunden reduzieren, könnte man hunderte von frisch ausgebildeten Lehrern neu anstellen. Und wie wäre es mit einer Verringerung der Klassengrößen, die gerade an Gymnasien besonders hoch sind? Und erfordert nicht die konsequente Umsetzung der Inklusion deutlich mehr Lehrerstellen? Vielleicht sollte man einmal die Schüler der Gymnasien und die Elternbeiräte befragen, ob sie die Situation auch so rosig sehen wie die Schulleitungen.

Radltour zur Erkundung von Gedenkorten

Bericht über den Radlausflug am 13.7.2013
in den östlichen Landkreis Rosenheim

zur Erkundung von Gedenkorten Text: Lothar Walter

GEW-Radltour: Auf Gedenkorte-Erkundung im östlichen Landkreis

Der Sommerausflug des GEW-Kreisverbands Rosenheim wurde heuer als Radtour zu einigen Gedenkorten im östlichen Landkreis durchgeführt. Das Angenehme verband sich dabei für die Lehrer-Gewerkschafter mit dem Nützlichen: Wurden doch nebenbei auch mögliche Ziele für Klassenfahrten im heimatkundlichen Unterricht erkundet. Entsprechend des schon mehrjährigen Projekts im Kreisverband einer historisch-kritischen Auseinandersetzung mit Faschismus und Krieg besuchten die GEWler diesmal die Orte Haidholzen, Baierbach, Schmidham und Niedernburg. Der relativ junge Ort Haidholzen, Gemeinde Stephanskirchen, war, bevor er Heimat vieler Flüchtlinge und Vertriebener wurde, eine Wehrmachtskaserne und vorübergehend, von Dezember 1944 bis März 1945, ein Außenlager des KZ Dachau. Etwa 250 russische, polnische und französische Häftlinge wurden überwiegend für die Flugzeugmotoren-Fertigung dem NS-Programm „Vernichtung durch Arbeit“ unterworfen. Bei der Evakuierung des Lagers kam es zu einigen Toten unter den KZ-Häftlingen. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen im Gemeinderat hat die Gemeinde 1996 einen Gedenkstein an den Torsäulen zum Eingang des ehemaligen Kasernen- bzw. Lagergeländes errichtet. Diese begrüßenswerte Initiative ist allerdings im Wortsinne erblasst: Für die Radtour-Teilnehmer war die Inschrift kaum mehr lesbar und sollte baldmöglichst erneuert werden.

Inschrift: Stephanskirchen erinnert an die Jahre der Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945 und ihre Folgen. Hier befand sich auf dem ehemaligen Flakgelände der Wehrmacht von Dezember 1944 bis März 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau mit 200 bis 250 Häftlingen. Ihr Leid wollen wir nicht vergessen. Nach dem 2. Weltkrieg entstand hier der Ort Haidholzen. Er wurde Heimat für über 2000 Vertriebene.

Nächste Station der geschichtsinteressierten GEW-Mitglieder war Baierbach. Auf dem Friedhof der Dorfkirche St. Magdalena gibt es ein anonymes Grab, bekannt als „Russengrab“, der eben erwähnten KZ-Toten. Hier ist eine ansprechende Gedenktafel angebracht.

Nun ging es etwas beschwerlicher hügelan zum dritten Zielpunkt, dem Gedenkstein auf der Höhe im Hochwald über Schmidham, Gemeinde Riedering. Hier mussten wenige Tage vor Kriegsende acht Soldaten sterben, weil sie dem mörderischen Befehl Folge leisteten, anrückende Panzer der US-Armee mit MG unter Beschuss zu nehmen. Dreißig Jahre nach diesem Ereignis wurde ein Gedenkstein errichtet. Die Gewerkschafter konnten sich aber nicht für die Inschrift begeistern, nach der sie einen Heldentod gestorben seien. War es fehlender Mut oder blinder Gehorsam, einem verbrecherischen Befehl zu folgen oder waren es fanatische Nazis, die noch an den Endsieg glaubten? Selbst der örtliche Veteranenverein hat auf einer Gedenkfeier aus Anlass des 60-jährigen Kriegsendes von einem sinnlosen Tod gesprochen. Die Schrifttafel auf dem Gedenkstein enthält nur die Namen und Herkunftsorte der Gefallenen. Die Teilnehmer an der GEW-Radtour fänden es angebracht, wenn der schwer zugängliche Gedenkort besser erschlossen würde, eine Stellwand mit Hinweisen zum Hergang und zu den Personen errichtet und der Text dem heutigen Verständnis entsprechend geändert würde. Dann wäre er auch für Schulklassen interessant, um an Ort und Stelle z. B. über Krieg und Frieden und Gehorsam und Widerstand nachzudenken – heimatkundlicher Unterricht gepaart mit Friedenserziehung.

Um die letzte Station zu erreichen, war eine längere Strecke zurückzulegen. In Niedernburg, Gemeinde Prutting, wohnte die jüdische Familie Block, die hier eine Gärtnerei betrieb, bis sie nach einer Phase der zunehmenden Entrechtung und Ausgrenzung im Konzentrationslager ermordet wurde. Deren Tochter Elisabeth ist durch ihre Tagebücher bekannt geworden. Die Sackstraße gegenüber ihrem ehemaligen Wohnhaus ist die Elisabeth-Block-Straße. Die Lehrergruppe monierte, dass es an Ort und Stelle keinen Hinweis auf diese Zusammenhänge gibt und daher eine Eignung als Gedenkort noch nicht erfüllt ist. Das Schicksal der jüdischen Familie verdiente es, angemessen gewürdigt zu werden, z. B. mit einer Informationstafel. Zum Abschluss der GEW-Radtour verwies Kreisvorsitzender Andreas Salomon auf die Wichtigkeit solcher sinnlich erfahrbarer Gedenkorte, die bei entsprechender informativer und kritischer Gestaltung Zielorte für Schulklassen im heimatkundlichen Unterricht sein könnten.